Anthropozän: Jenaer Forscher fordern Geologen-Union zu Transparenz auf
Stand: 01.10.2026 15:07 Uhr
2024 entschied die Internationale Union der Geologen, dass das Anthropozän nicht als geologisches Zeitalter definiert werden soll. Doch beim Entschluss gab es Ungereimtheiten. Forschende aus Jena fordern Aufklärung.
von Clemens Haug
Es ist eine Debatte, die die Wissenschaft seit bald einem Jahrzehnt umtreibt: Hat der Mensch die Erde durch seine Aktivität so stark umgestaltet, dass man von einem geologischen Zeitalter des Menschen sprechen muss, einem Anthropozän? Die Internationale Union der Geologischen Wissenschaften (IUGS) lehnte 2024 die Ausrufung eines solchen Zeitalters ab. Nun aber fordert ein Team von Forschenden um Georg Schäfer vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena, die Hintergründe dieser Entscheidung noch deutlicher offenzulegen.
Welche Vorwürfe gibt es gegen das Verfahren?
In einem Aufsatz im Fachmagazin "Earth's Future" kritisieren die Autoren, dass der Entscheidung der IUGS möglicherweise grobe Verfahrensfehler zugrunde liegen könnten. "Unser wichtigster Punkt ist nicht die Ablehnung an sich. Diese kann durchaus legitime Gründe haben", sagt Schäfer, der die Veränderungen von Grundwasservorkommen unter dem Einfluss von Landwirtschaft im mittleren Westen der USA erforscht. "Das Problem ist, dass bisher keine angemessene wissenschaftliche Begründung dafür publiziert wurde. Schwerwiegende Vorwürfe, das Verfahren habe Unstimmigkeiten gehabt, bleiben daher ungeklärt."
Konkret werfen eine Reihe von Forschenden der IUGS vor, bei der Entscheidung 2024 ungültige Stimmen gezählt zu haben. Zudem sei der Arbeitsgruppe, die den Vorschlag des Anthropozäns eingereicht habe, keine Gelegenheit gegeben, auf Einwände zu antworten und Missverständnisse zu klären. Ein internes Gutachten der Gesellschaft, das zum Ergebnis kam, die Anthropozän-Arbeitsgruppe sei unfair behandelt worden, wurde unter Verschluss gehalten.
Warum sollte das Anthropozän 1952 beginnen?
Die Anthropozän-Arbeitsgruppe hatte über mehr als zehn Jahre umfangreiche empirische Daten gesammelt, die nach Ansicht von Wissenschaftlern rechtfertigen, von einer globalen Veränderung der Erde im erdgeschichtlichen Maßstab zu sprechen. Dazu zählen unter anderem der Nachweis von Zerfallsprodukten von Atombombentests, die inzwischen an 12 Standorten weltweit Bestandteil des Bodens geworden sind. Ihr Vorschlag lautete deshalb, 1952 zum Startpunkt des Anthropozäns zu erklären.
Kritiker des Anthropozän-Begriffs argumentieren einerseits, dass menschliche Umweltveränderungen schon viel früher begannen und neben Kulturlandschaften auch Emissionen aus der Landwirtschaft die Erde verändert haben. Andererseits sei ein Zeitraum von lediglich 70 Jahren gegenüber den Jahrmillionen umfassenden Epochen der Vergangenheit kein angemessenes Zeitfenster für eine geologische Epoche.