Antike: Forscher entdecken überraschenden Höhepunkt der Sprachvielfalt
Audioplayer wird geladen Anzeige Als die Menschen in Babel einen mächtigen Tempel errichteten, verständigten sie sich noch in einer einzigen Sprache. So heißt es zumindest im Alten Testament, im Ersten Buch Mose. Doch von Hybris getrieben, wollten sie ihren Turm bis in den Himmel bauen. Deswegen schickte Gott eine Strafe: die babylonische Sprachverwirrung. Aus der gemeinsamen Ursprache wurden viele Sprachen, sodass die Menschen einander nicht mehr verstanden und sich in die ganze Welt verstreuten. Der Turm blieb unvollendet. Als mögliches reales Vorbild für diese alttestamentarische Geschichte gilt oft der Tempelturm Etemenanki, eine dem babylonischen Reichsgott Marduk gewidmete Zikkurat in der Hauptstadt Babylon, der im 6. Jahrhundert v. Chr. entstand. Etwa zu jener Zeit könnte tatsächlich die größte Sprachenvielfalt auf der Welt geherrscht haben, meinen die Autoren der Studie „The rise and fall of language diversity through the Holocene“ (übersetzt: „Aufstieg und Fall der Sprachvielfalt seit der letzten Eiszeit“). Möglicherweise verständigte sich die Menschheit in einer Zeit von etwa 1000 v. Chr. bis 1000 n. Chr. in Zehntausenden verschiedener Sprachen. Anzeige Sogar von einem „Goldenen Zeitalter“ ist in der Studie die Rede, die ein internationales Forschungsteam aus Spanien, den USA und Deutschland im Fachblatt „Science“ veröffentlicht hat. Denn zuvor, zu Beginn des Holozäns vor etwa 12.000 Jahren, seien noch weniger Sprachen gesprochen worden, möglicherweise „nur“ 4500 bis 6200. Dann habe die Vielfalt zugenommen, weil die Bevölkerung wuchs. Vor etwa 1000 bis 3000 Jahren setzen die Forscher den Höhepunkt der Sprachenvielfalt an. Zu diesem Zeitpunkt könnten bis zu zehnmal so viele Sprachen gesprochen worden sein. Das wären dann ganz grob um die 50.000 Sprachen gewesen. Mit der Ausbreitung großer Staaten und Imperien habe ein rascher Rückgang eingesetzt. Anzeige Zu diesen Thesen kam das Forscherteam nicht durch das Zählen prähistorischer Sprachen, sondern mittels Computermodellen. Ausgangspunkt dafür sind ethnografische Daten von 171 Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Auf dieser Grundlage schätzte das Team die Verteilung von Gruppen, die jeweils eine eigene Sprache hatten, und kombinierte diese mit Schätzungen zur Weltbevölkerung. Lesen Sie auch „Eine erste Überraschung war, dass es unmittelbar vor der Einführung der Landwirtschaft weltweit vermutlich keinen außergewöhnlich großen Sprachreichtum gab“, erklärt Russell Gray, Direktor der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig: „Höchstwahrscheinlich gab es sogar weniger Sprachen als heute.“ Lesen Sie auch „Die sprachliche Vielfalt nahm dann über Jahrtausende hinweg zusammen mit der wachsenden menschlichen Bevölkerung zu“, führt der 66-jährige Psychologe weiter aus. Durch Landwirtschaft und technologischen Innovationen konnten immer mehr Nahrungsmittel produziert werden – eine Voraussetzung für die Ausdifferenzierung von Gesellschaften. Lesen Sie auch Auf dieses „Goldene Zeitalter“ der Sprachvielfalt folgte demnach allerdings ein rascher Rückgang: Als frühe Imperien sich ausbreiteten, seien einst getrennt lebende Gruppen in dauernden Austausch miteinander getreten – und einige dominante Sprachen hätten sich durchgesetzt. Die Sprachen jener Gruppen, die expandierten, überlebten demnach viel häufiger; die Sprachen der aufnehmenden Gruppen verschwanden eher. Die Sprachen, die wir heute sehen, seien die überlebenden, sagt der Hauptautor der Studie, Damian Blasi; er forscht an der Pompeu Fabra University in Barcelona und der Harvard University: „Aussterbeprozesse könnten die sprachliche Vielfalt viel stärker geprägt haben, als uns bisher bewusst war.“ Lesen Sie auch Der Sprachwissenschaftler Johann-Mattis List von der Universität Passau, der an der Veröffentlichung nicht beteiligt war, warnt allerdings vor zu weitgehenden Schlüssen. Solche Studien seien immer mit sehr vielen Unsicherheitsfaktoren behaftet. „Man weiß schlicht nicht, wie es war“, sagt er. Trotzdem sei es gut, dass solche Untersuchungen angestellt würden. Hauptautor Blasi weist die Kritik zurück. Die Modelle seiner Studie seien „sehr robust“ und die Annahmen „ziemlich vernünftig“ – aber wenn nächstes Jahr jemand ein noch besseres Modell präsentiere, könne es durchaus sein, dass es neue Erkenntnisse gebe. Für die Zeit vor dem Gebrauch der Schrift vor rund 6000 Jahren gebe es keine direkten Beweise für Sprachenvielfalt. Und selbst danach seien die Nachweise, teilweise bis in die jüngste Vergangenheit, sehr lückenhaft. Derzeit werden rund 7500 Sprachen aktiv gesprochen, doch die sprachliche Vielfalt nehme gegenwärtig stark ab. Dagegen breiteten sich eine Handvoll „Gigantensprachen“ aus, darunter Englisch, Spanisch, Mandarin, Arabisch und Hindi. Deutsch gehört nicht dazu – bei knapp 100 Millionen Muttersprachlern und maximal 200 Millionen des Deutschen mächtigen Menschen nicht weiter erstaunlich. „Fast fünf Milliarden Menschen sprechen mindestens eine der zehn am häufigsten gesprochenen Sprachen, während die Hälfte aller Sprachen der Welt mittlerweile vom Aussterben bedroht ist“, bilanziert das Forscherteam. Jedes Jahr verliere die Welt etwa vier Sprachen – und damit auch das kulturelle und wissenschaftliche Wissen, das in Minderheitensprachen verankert ist. dpa/sfk