DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:39:27 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,14 % 68.811,64 Pkt 02:38:50 Gold +1,54 % 4.447,90 USD 02:43:48 Silber +0,68 % 65,43 USD 02:43:52 Brent +0,02 % 88,54 USD 02:42:37 WTI -0,30 % 82,15 USD 02:43:51 Bitcoin -0,03 % 62.810,02 USD 02:53:52 EUR/USD +0,41 % 1,15820 USD 02:53:53 EUR/GBP -0,07 % 0,85430 GBP 02:53:52 EUR/CHF +0,13 % 0,94020 CHF 02:53:53 EUR/JPY +0,15 % 184,161 JPY 02:53:53

Antikörper halten HIV ohne Tabletten in Schach

Gesundheit

Die Antikörper hatten den Körper bereits verlassen, als die Viruslast bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer noch immer supprimiert blieb. In der RIO-Studie des Imperial College London hielten zwei Infusionen breit neutralisierender Antikörper HIV bei 54 Prozent der Probanden ohne täglich einzunehmende Medikamente unter Kontrolle. Zwei Teilnehmer sind seit über einem Jahr vollständig medikamentenfrei, ihr Virus messbar stumm. Für 38 Millionen Menschen weltweit, die bislang täglich Tabletten nehmen müssen, könnte das ein Paradigmenwechsel sein. Was eine funktionale Remission bedeutet HIV-positive Menschen nehmen derzeit täglich antiretrovirale Medikamente (ART), die das Virus unter die Nachweisgrenze drücken, es aber nicht aus dem Körper entfernen. Wer die Therapie abbricht, sieht die Viruslast typischerweise innerhalb von Wochen wieder steigen. Eine funktionale Remission bedeutet: Das Virus bleibt kontrolliert, ohne dass täglich Medikamente genommen werden müssen. Der Körper hält HIV eigenständig in Schach. Vergleichspunkt sind die sogenannten Elite-Controller: eine sehr kleine Gruppe von HIV-Positiven, schätzungsweise 0,5 Prozent aller Infizierten, bei denen das Immunsystem das Virus ohne Therapie dauerhaft unterdrückt. Sie haben spezifische genetische Merkmale, die meisten Infizierten nicht teilen. Die RIO-Studie fragt, ob ein pharmakologisches Verfahren denselben Effekt erzielen kann, ohne auf seltene genetische Voraussetzungen angewiesen zu sein. Die Ergebnisse der RIO-Studie In der zweiten Phase der RIO-Studie erhielten 28 Teilnehmer, die im ersten Durchgang ein Placebo bekommen hatten, zwei Infusionen der breit neutralisierenden Antikörper Teropavimab und Zinlirvimab, im Abstand von 20 Wochen, während sie weiterhin ihre antiretrovirale Therapie einnahmen. 24 Wochen nach der zweiten Infusion, als die Antikörper den Körper bereits verlassen hatten, wurde die Therapie gestoppt. Ergebnis: 54 Prozent der Teilnehmer zeigten danach eine verlängerte Virusunterdrückung. Zwei Personen befinden sich noch immer nach mehr als einem Jahr in vollständiger Remission ohne jede Medikation. Die auf der Konferenz für Retroviren und opportunistische Infektionen (CROI) im Februar 2026 in Denver präsentierten Ergebnisse wurden am 27. Mai 2026 im Fachmagazin The Lancet HIV veröffentlicht, unter Federführung von Ming J. Lee vom Imperial College London. Was besonders auffällt: Die Antikörper hatten den Körper bereits verlassen, als die Virusunterdrückung anhielt. Das deutet auf einen sogenannten Vakzinaleffekt hin. Die Infusionen scheinen das Immunsystem dauerhaft darauf trainiert zu haben, HIV eigenständig zu erkennen und zu kontrollieren. In einer früheren Phase der Studie, vorgestellt auf der CROI 2025, zeigten sogar 75 Prozent der ursprünglichen Antikörper-Empfänger prolongierte Remission. Prof. Sarah Fidler, Studienleiterin am Imperial College, bezeichnet die kumulierten Befunde als potenziell transformativ für die HIV-Forschung. Im Vergleich: Andere Wege zur HIV-Kontrolle Die RIO-Ergebnisse reihen sich in ein wachsendes Feld von Heilungsansätzen ein, die sich in ihrer Methode grundlegend unterscheiden. Der bekannteste Fall einer funktionalen Heilung ist Timothy Ray Brown, bekannt als der Berliner Patient. Er erhielt 2007 eine Stammzelltransplantation von einem Spender mit einer seltenen CCR5-delta32-Mutation, die natürliche HIV-Resistenz verleiht und blieb danach ohne jede Therapie HIV-negativ. Das Verfahren erfordert einen kompatiblen Spender mit der seltenen Mutation und ist für die Masse der Infizierten nicht skalierbar. Die sogenannte Schock-und-Kill-Strategie versucht, latente Virusreservoire im Körper zu aktivieren, damit das Immunsystem sie vernichtet. Klinische Studien verschiedener Gruppen laufen seit 2018 ohne konsistente Breitenwirkung. Breit neutralisierende Antikörper dagegen sind per Infusion verabreichbar, nicht invasiv und haben in den bisherigen Phasen ein annehmbares Sicherheitsprofil gezeigt. Teropavimab und Zinlirvimab werden von Gilead Sciences entwickelt und befinden sich gleichzeitig in Studien zur HIV-Prävention, was die Produktionsreife beschleunigt. Ein weiterer Vorteil: Anders als bei einer Transplantation oder bei genetischen Eingriffen ist die Methode wiederholbar und potenziell für breite Bevölkerungsgruppen anwendbar. Was diese Zahlen für 2030 bedeuten Die Studie umfasste 28 Teilnehmer und befindet sich in Phase 2. Phase-3-Studien mit tausenden Probanden werden nötig sein, bevor Zulassungsbehörden eine Entscheidung treffen können. Realistische Zeitrahmen für erste Zulassungsanträge liegen nicht vor 2030. Für die Weltgesundheitsorganisation ist die geografische Dimension zentral: Zwei Drittel der weltweit 38 Millionen HIV-Positiven leben in Afrika südlich der Sahara. Dort bedeuten täglich einzunehmende Tabletten logistische Herausforderungen: unterbrochene Lieferketten, begrenzte Kühlkapazitäten für bestimmte Formulierungen, Stigmatisierung rund um die sichtbare tägliche Einnahme. Eine Infusionstherapie, die Monate der Viruskontrolle ermöglicht, könnte dort besonders wirksam sein, wenn die Kosten sinken und die Produktion skaliert wird. Der Weg bis dahin: Phase-3-Start voraussichtlich 2027, erste Zwischenergebnisse 2029, mögliche Zulassung ab 2031. Ob zwei Personen in anhaltender Remission den Beginn einer neuen Ära markieren oder seltene Ausnahmen darstellen, wird erst die größere Studie zeigen. Die Befunde rechtfertigen die Fortsetzung. Und in der HIV-Forschung, die seit Jahrzehnten nach einer funktionalen Heilung sucht, ist das selten selbstverständlich.

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