Antilopen Gang in Berlin: Siegesfeier vor der Bandpause
Schon Monate vor dem Konzert hatte die Antilopen Gang vollmundig erklärt, "wir werden noch mal alles aus uns herausholen. Wir werden irgendwelche krassen Sachen machen. Es wird denkwürdig, es wird geschichtsträchtig, es wird legendär". Große Worte für das größte eigene Konzert ihrer Bandgeschichte und das vorerst letzte, bevor sie sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet, ohne einen Grund zu nennen. Für das "Goldene Antilopen Air" haben sie gleich mehrere befreundete Bands eingeladen. Das Konzert beginnt bereits am späten Nachmittag, nicht wie sonst üblich am Abend. Die Fans stehen in langen Schlangen vor dem Eingang der ausverkauften Zitadelle. Das wichtigste Gut auf dem Gelände ist an diesem Nachmittag nicht Bier. Wegen der Hitze dürfen Besucher ausnahmsweise einen Liter alkoholfreie Getränke mitbringen, dazu gibt es eine Auffüllstation für Trinkwasser. Das Antilopen-Gang-Konzert beginnt mit einem Fehlstart, Mikrofon-Ausfall noch vor dem ersten Song. Dann eben unplugged. Danger Dan schreit die Namen seiner Gang unverstärkt in die Zitadelle, Koljah und Panik Panzer. Als Hommage an ihr verstorbenes Mitglied NMZS tragen die drei schwarze T-Shirts mit seinem roten Namenszug. Die ersten Minuten wirken wie eine Stand-up-Comedy-Show. Voller Selbstironie feiern sie sich als die "alte Antilopen Gang". Als erste Nummer rappen sie "Fick die Uni" von 2009. Sie hätten damals schon die Musik gemacht, die die jungen Leute jetzt erfinden, erklärt Danger Dan. Der Aufruf zum Moshpit kommt sofort, in den vorderen Reihen springen die Fans gegeneinander. Ihre Beats spielen sie auf einem Laptop ab, davor steht ein USB-DJ-Controller, das wirkt mehr wie Spielzeug als professionelle Bühnentechnik. Hinter ihnen weht ein goldener Vorhang, mehr braucht hier niemand. Eine Szene wie in den Anfangsjahren, bei den ersten Kellerkonzerten in der Scharnweberstraße in Friedrichshain, lange vor dem ersten Nummer-eins-Album. Viele Fans wirken zwischen 30 und 40. Sie stehen entspannt zusammen. Kein Drängeln! Viele sprechen die Zeilen leise mit. Dann erinnert die Gang an ihren alten Catering-Rider, darauf hatte die Band vermerkt, was sie backstage gerne trinken möchte. Viel stand nicht auf dem Zettel: Zwei Flaschen Korn, eine für die Band, die andere fürs Publikum. Eine Frau aus dem Team bringt tatsächlich zwei Flaschen auf die Bühne. Panik Panzer rappt und nimmt zwischendurch ein paar Schlucke. Die andere Flasche geht nach alter Tradition in die Menge, und wo sie ankommt, tanzen die Fans ausgelassener. "Das ist der alte Trick", bemerkt Danger Dan. Mit einem Pro-Raucher-Song und ein, zwei zynischen Seitenhieben auf Deutschrap verabschieden sie ihr erstes Kapitel. Der goldene Vorhang fällt, dahinter steht der erste Gast, die Donots. Sänger Ingo Knollmann erklärt, sie seien die einzige Band, die sich per WhatsApp-Gruppe buchen lasse. Mit der Antilopen Gang teile er so eine Chat-Gruppe. Dort gingen vor allem Katzen-Memes hin und her. Knollmann will die ganze Zitadelle springen sehen: "Macht das mal für 'nen Frührentner." Er ist am Vortag 50 geworden. Die Fans erfüllen ihm den Geburtstagswunsch, und ganz vorne lässt sich eine Frau auf Händen tragen, Crowdsurfing. Bei "Whatever Happened to the 80s" grölen viele mit. So beleben die Donots ihre alten Hits und spalten die Menge, die einen feiern die Nostalgie, andere wirken etwas gelangweilt. Auch eine Donots-Tradition darf nicht fehlen, die Fans sollen einen Circle Pit bilden. Knollmann stellt sich in die Mitte und nennt vorher ein paar Regeln, wer stürzt, dem wird aufgeholfen. Ansonsten sollen die Fans "wunderschön bluten". Dann ballert der Punkrock durch die Zitadelle, die Fans wirbeln Staub auf, spritzen mit Wasser, vier Luftballons prallen an Köpfen ab. Zur Nummer "Kaputt" kommt die Antilopen Gang zurück, ein Stück der Donots, das beide Bands bereits mehrfach gemeinsam gespielt haben. Nach den Donots steht wieder die Antilopen Gang auf der Bühne - lediglich für eine kurze Zwischenmoderation. "Deutschrap muss sterben, damit wir leben können, war ja lange das Motto", erklärt Danger Dan. Wenn er auf etwas stolz sei, dann darauf, dass sie nur wenige Freunde in der Rapszene hätten. Einige davon stehen auf der Gästeliste: Fatoni, Edgar Wasser und Juse Ju. Die Crew kommt in schwarzen Jogginganzügen auf die Bühne und rappt gegen Rammstein und die AfD, ein DJ scratcht dazu auf Vinylplatten. Fatoni ruft stolz, er habe seinem Bandkollegen viel Geld gezahlt, um eine Solonummer singen zu dürfen, "Wann werd ich endlich ausgetauscht?", ein zynisches Liebeslied an die künstliche Intelligenz. Auch Juse Ju darf solo ran und rappt "Das Ende des Zynismus". Für den Refrain greift er auf Wolf Biermanns "Ermutigung" zurück und setzt dem Frust über die AfD-Erfolge einen Appell entgegen. Nach etwa drei Stunden wirken viele Fans müde, während der Umbaupause setzen sich Gruppen auf den Kiesboden. Jetzt sind Ausdauer und Geduld gefragt. Dennoch kippt die Laune nicht. 15 Minuten später folgt der nächste Energieschub. Blendende Bühnenlichter, rollende Basslinien, die Antilopen Gang legt mit ihrer Band los, ihr Logo prangt schwarz auf weiß auf der Leinwand hinter der Bühne. Das Trio trägt Bomberjacken und schwarze Hosen, durchgestylt, passend zum aufgemotzten Rock-Sound. Danger Dan reißt die Arme hoch, während Autotune-Gesang durch die Luft flirrt. E-Gitarre, Synthesizer und donnernde Schlagzeugbeats unterstreichen den wuchtigen Punk-Rap. Mehr und mehr Fans drängen in die pogende Menge und die Staubwolken, Danger Dan staunt, "das sind 10.000 Menschen". Es sei ein besonderer Abend, weil unklar sei, wann oder ob es weitergeht. Doch es gehe nicht um Melancholie, das Konzert sei eher eine "Siegesfeier". Gefeiert werde nicht mit Champagner, stattdessen gibt es "kaltes, klares Wasser", eine Zeile aus dem Song "Abwasser". Bei der Nummer "Pizza" rappen sie, der Revolutionär brauche nicht mehr als Gewehr und Pizza, Gesellschaftskritik als absurder Witz. Danger Dan ehrt auch ihren Produzenten Samuel "Männi" Dickmeis, der das komplette Instrumental ihrer Punkplatte eingespielt hat. Zusammen spielen sie "Baggersee", die Nummer mit der "Atombombe auf Deutschland" und der "Ruhe im Karton". Im Publikum spielen sich Szenen wie auf einer linksautonomen Demo ab, Fans skandieren den altbekannten Antifa-Spruch "Siamo tutti antifascisti" und brennen Bengalos ab. Dann singt Danger Dan am E-Piano "Enkeltrick", eine melancholische Ballade, ein Kontrapunkt zu den Rockbrettern davor. Das Publikum singt mit, zunächst viel zu leise. Im SO36 sei es am Vorabend besser gewesen, scherzt der Sänger. Beim zweiten Anlauf singt die Zitadelle aus voller Kehle über die abgezockte Seniorin. Fatoni, Juse Ju und Maeckes kommen für kurze Cameos zurück, der Stuttgarter Rapper ganz unerwartet für den Refrain von "Kneipenschlägerei". Die Nummer hat Maeckes zusammen mit der Antilopen Gang geschrieben. Panik Panzer springt im Hochzeitsanzug über die Bühne, als "der romantische Mann" singt er von einem verpeilten Heiratsantrag in Paris. Für den emotionalen Höhepunkt sorgt eine Solonummer von Danger Dan, allein im Spotlight am E-Piano. Er spielt einen bisher unveröffentlichten Song von seinem Album "Keine Angst". Für die Platte habe er Lieder aufgenommen, vor denen er immer Angst gehabt habe. Einen der Songs wollte er schon seit 2013 schreiben, im vergangenen Jahr sei ihm das gelungen. In der Zitadelle will er die Ballade zum ersten Mal spielen, für die Fans und vor allem für Jakob, alias NMZS. Er war das vierte Mitglied der Antilopen Gang und hatte sich 2013 das Leben genommen. Die Zitadelle verstummt. Er hoffe, Jakob schaue von oben hinunter und könne sich über den Erfolg der Band freuen. Dennoch endet der Abend auf einem Hoch: Koljah zückt eine Namensliste mit Menschen, die der Band in 17 Jahren geholfen haben, danach hält die Antilopen Gang abwechselnd minutenlange Lobreden auf ihre Bandmitglieder. Am Ende liegen sich Crew, Gäste und Weggefährten in den Armen. Durch die langen Gastauftritte wirkt der Abend eher wie ein Festivaltag. Denkwürdig sollte es werden, dieses Versprechen hat die Antilopen Gang eingelöst. Was bleibt, ist das Bild einer Band, die jeden Protest zur Party macht, stets mit handfestem Zynismus im Kampf gegen Rechts.