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Antisemitischer Anschlag 1970: Legte doch ein Rechtsextremist das Todesfeuer in Münchens jüdischem Altersheim - kein Linker?

Nation

Audioplayer wird geladen Anzeige Die Tatwaffe war ein Kanister, aus weißem Aluminium mit dem blauen Markennamen „Aral“, eingewickelt in braunes Packpapier. Gefüllt war er mit bis zu 20 Litern Benzin und Öl – offenbar handelsübliches Zweitaktergemisch. Am 13. Februar 1970 abends, bald nach 20 Uhr, benutzten ein oder mehrere Unbekannte diesen Kanister, um im gesamten Treppenhaus des Hauses Reichenbachstraße 27 in München Feuer zu legen. „Der oder die Täter schütten das Benzin aus und entzünden es“, berichtete WELT seinerzeit: „Das Feuer verbreitet sich rasch, denn es findet reichlich Nahrung in der hölzernen Treppenverkleidung. Das Treppenhaus wirkt zudem wie ein Kamin, der die Flammen sogartig nach oben zieht.“ Anzeige Die Folgen waren katastrophal: Sieben Menschen starben, durchweg Zeitgenossen des nationalsozialistischen Rassenwahns, darunter zwei Männer, die Konzentrationslager überlebt hatten. 15 weitere Bewohner des Hauses wurden teilweise lebensgefährlich verletzt. Es war der schlimmste antisemitische Anschlag in Deutschland seit 1945. Mehr als 56 Jahre nach der Tat veröffentlichte jetzt die Generalstaatsanwaltschaft München eine neue Einschätzung zu den mutmaßlichen Hintergründen der mörderischen Brandstiftung. Im Zuge „wiederaufgenommener“ Ermittlungen habe sich der „Tatverdacht gegen einen bereits im Jahr 2020 verstorbenen deutschen Staatsangehörigen“, so die Ankläger, „erhärtet“. Anzeige Im April 2025 hatte die Münchner Anklagebehörde „aufgrund eines neuen Hinweises aus der Bevölkerung“ das Verfahren wieder aufgenommen, nachdem zuletzt der für Terrorismus und staatsgefährdende Straftaten zuständige Generalbundesanwalt es 2017 eingestellt hatte. Lesen Sie auch Nach Mitteilung der bayerischen Strafverfolger habe eine Zeugin „glaubhafte Angaben“ zum Tatverdächtigen gemacht. Diese Person habe demnach in den 1970er-Jahren mit einem ihrer nahen Verwandten in engem Kontakt gestanden. „Kurz nach dem Tod dieses Verwandten offenbarte die Mitteilerin ihre diesbezüglichen Erkenntnisse.“ Es handelte sich also um reines Hörensagen, das normalerweise für neue Untersuchungen nicht hinreichend ist, zumal der mögliche Tatverdächtige ja nicht mehr lebt und daher nicht bestraft werden kann; gewöhnlich für jede Staatsanwaltschaft der Grund, kein neues Verfahren zu eröffnen. Trotzdem wurde seit 2025 im Fall Reichenbachstraße neu ermittelt – vermutlich zumindest auch, weil linke Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“ die seit einer 2013 erschienenen voluminösen Studie des Hamburger Linksterrorismus-Experten Wolfgang Kraushaar vorherrschende Meinung infrage gestellt hatten, der zufolge Linksextremisten die wahrscheinlichsten Täter sein könnten. Namentlich die „Tupamaros München“, ein Ableger der „Tupamaros West-Berlin“, die 1969 einen misslungenen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus Berlin verübt hatten. Also werteten die Generalstaatsanwaltschaft und der polizeiliche Staatsschutz des Polizeipräsidiums unter anderem die archivierten Akten der Staatsanwaltschaft München I und des Generalbundesanwalts aus; ferner vernahmen sie Zeugen aus dem Umfeld des verstorbenen Tatverdächtigen. Lesen Sie auch Als Ergebnis teilte die verfahrensführende Staatsanwaltschaft jetzt mit: Es sprächen „belastbare Gründe für die Täterschaft“ des verstorbenen Verdächtigen. Bei ihm soll es sich um einen zum Tatzeitpunkt 25 Jahre alten Deutschen gehandelt haben, der sich Anfang 1970 „regelmäßig in der Gegend um das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde“ aufhielt. Am Abend des 13. Februar 1970 soll er in unmittelbarer Tatortnähe mit Blick auf das Haus in der Reichenbachstraße 27 geäußert haben, dass „die Juden alles hätten“ und er „sie anzünden“ wolle. Etwa 15 Minuten später seien Flammen aus dem Gebäude geschlagen. Allerdings stammten diese Angaben ausschließlich aus dritter Hand und wurden auch nur von Familienangehörigen „bestätigt“. Lesen Sie auch Die Generalstaatsanwaltschaft stellte zudem fest, dass der Tatverdächtige seinerzeit dem „rechten Milieu“ zuzuordnen gewesen sei. Zeugen beschrieben ihn als „Antisemiten mit einem ,Hitler-Tick‘“, der zudem gewaltbereit war – in den 1960er Jahren hatte er zwei Telefonhäuschen in München mit Sprengstoff zerstört, wofür er eine Jugendstrafe erhielt. Ein ehemaliger Mitschüler erinnerte sich an ihn als an einen überzeugten Antisemiten. „Eine Schulleiterin hob seine kühl berechnende, geltungssüchtige Art hervor und berichtete von einer körperlichen Auseinandersetzung, in deren Rahmen der Tatverdächtige einen von seinem Vater geschenkten Dolch der Hitler-Jugend eingesetzt haben soll“, heißt es in der Mitteilung der Generalstaatsanwaltschaft. Irgendwelche auch nur ansatzweise konkreten Beweise ergaben die Ermittlungen jedoch nicht. Auch „das im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft durch die Operative Fallanalyse Bayern erstellte Täterprofil“, das zu „dem verstorbenen Tatverdächtigen“ passe, ist kein solcher Beweis. Nicht einmal das geringste Indiz weist zudem auf Hintermänner des Tatverdächtigen hin. Weil gegen Verstorbene nicht strafrechtlich vorgegangen werden kann, hat die Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt. Ausdrücklich halten die Münchner Juristen fest: „Es gilt die (postmortale) Unschuldsvermutung.“ Lesen Sie auch Ressort :GeschichteAttentat auf das Oktoberfest 1980 Das Vorgehen erinnert an einen anderen Terroranschlag eines rechtsextremen Täters. Am 26. September 1980 explodierte dem 21-jährigen Gundolf Köhler vermutlich versehentlich eine selbst gebastelte Bombe, die er gerade am Ausgang des Münchner Oktoberfestes legen wollte. Zwölf Todesopfer (ohne den ebenfalls getöteten Täter) und 231 Verletzte, davon 18 in Lebensgefahr, machten diese Gewalttat bis zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 mit 13 Toten und mindestens 67, teilweise Schwerverletzten zum schlimmsten terroristischen Verbrechen in Deutschland. Köhler hatte nachweislich Verbindungen in rechtsextreme Kreise, unter anderem zur verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann um einen bekennenden Neonazi. Jedoch gab es keinerlei Indizien für Hintermänner bei diesem Anschlag. Linke Politiker und Medien behaupteten das trotzdem alle paar Jahre wieder. Mehrfach wurde neu ermittelt, etwa 2014 aufgrund einer äußerst vagen Erinnerung einer Zeugin – und jedes Mal wurde ergebnislos eingestellt. Im Fall Reichenbachstraße gibt es durchaus Indizien, die auf andere Täter hinwiesen, entweder aus dem arabisch-palästinensischen Milieu oder eben aus dem Linksextremismus. Ein rechtsextremer Einzeltäter ist aber ebenfalls möglich. Geklärt ist der Fall weiterhin nicht – und wird das wohl auch nicht mehr. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Terrorismus und politisch motivierter Gewalt, ob nun von rechts oder links. Zu seinen Büchern darüber zählen „Attentäter. Mit einer Kugel die Welt verändern“ und „Eine kurze Geschichte der RAF“.

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