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Anton Segner: Dieser Deutsche hat Sportgeschichte geschrieben

Sport

Unzählige Male schon hat Anton Segner einen Haka zelebriert, den uralten Kriegstanz mit Rufen in der Sprache der Maori. Mit seinen Brüdern und Kumpels, oft auch alleine, vor dem Spiegel oder dem Fernseher. Vor vielen Jahren führte er ihn sogar bei einer Weihnachtsfeier seiner Schule in Frankfurt am Main auf (wo die Darbietung die Zuschauer eher ratlos zurückließ). Der Haka aber, den Anton Segner am Samstagabend um 19 Uhr neuseeländischer Zeit aufführte, wird ihm trotzdem als ein besonderer, erster in Erinnerung bleiben. Millionen Menschen weltweit sahen zu, als der 24-Jährige aufstampfte. Denn er trug das Trikot der All Blacks, der berühmtesten Rugbynationalmannschaft der Welt – und es war kein Fan-Trikot. Im Spiel der Neuseeländer gegen Italien erfüllte sich Segners großer Traum: Er spielte sein erstes Spiel für die neuseeländische Nationalmannschaft. Und es war wirklich wie ein Traum: Mit seiner Einwechslung nach der Halbzeitpause entwickelte sich aus dem unangenehm knappen Match ein souveräner 47:17-Sieg. Mit dem cleveren Abdrängen eines Verteidigers, das direkt zu Punkten führte, gelang Segner die erste Schlüsselaktion, noch bevor die Kommentatoren ihn vorgestellt hatten. All das vor den Augen seiner Eltern in Neuseelands Hauptstadt Wellington, 18.500 Kilometer entfernt von ihrer Heimat Frankfurt. Eigentlich werden die Aufstellungen gehütet wie ein Staatsgeheimnis, doch man hatte die Segners mit etwas Vorlauf über Antons Einsatz informiert, damit sie das größte Spiel im Leben ihres Sohnes live erleben konnten. Segners Einsatz für die Nationalmannschaft ist der vorläufige Höhepunkt eines fast kitschig schönen Sport-Märchens. Dass er es nämlich tatsächlich zu den »Men in Black« schaffen würde, schien lange genauso unmöglich wie eine Berufung zu den fiktiven Alien-Jägern aus dem gleichnamigen Hollywoodfilm von 1997. Und das nicht, weil er Deutscher ist. Im Rugby ist die Staatsbürgerschaft nicht das ausschlaggebende Kriterium für eine Nominierung zur Nationalmannschaft. Spielberechtigt ist, wer gut genug ist und seit mindestens fünf Jahren im Land lebt. Die Schwierigkeit ist das ›gut genug‹, denn bei den All Blacks akzeptiert man nur die Besten der Besten. Ewige Siegquote: knapp 80 Prozent. Die All Blacks sind längst zu einer Global Brand geworden, mit zuletzt 170 Millionen Euro Jahresumsatz sogar eine der größten jenseits der Franchise-Systeme von Champions League, NFL, NBA und Co. In ihrer Heimat aber haben sie eine Wirkung, die in Geld nicht aufzuwiegen ist. Der gern als Paradies auf Erden verklärte Pazifikstaat mit Gletschern, Prärien und Palmen ist nicht nur landschaftlich voller Gegensätze. Auch Neuseelands Gesellschaft ist alles andere als homogen. Zu den üblichen politischen und wirtschaftlichen Spannungen kommen diffizile Differenzen zwischen den indigenen Maori, den Nachkommen europäischer Einwanderer sowie den neuen Immigranten aus Polynesien und Asien. Die All Blacks fungieren als gesellschaftlicher Kitt. Für viele im Land sind sie Halbgötter in Schwarz. Nicht zuletzt, weil sie seit mehr als einem Jahrhundert die nationale Identität des 5-Millionen-Völkchens verkörpern: klein, aber oho. Die Kiwis lieben ihren Adoptivsohn Und Segner, ein Junge vom anderen Ende der Welt, gehört voll dazu. Nirgends liest oder hört man hämische Klischees über deutsche Roboter, preußische Soldaten oder Schlimmeres. Stattdessen Begeisterung: »Das ist eine großartige Geschichte«, sagte eine Reporterin direkt nach der Nominierung. »Eine der großartigsten Geschichten aller Zeiten.« Es ist die Geschichte eines Jungen, der schon immer neuseeländisch sein wollte – vom Akzent bis hin zur Kleidung. Die Kiwis lieben ihren Adoptivsohn auch dafür – genau wie der einst seine Coaches liebte. Segner ist der zweite Europäer, der für die All Blacks spielt. Im vergangenen Jahr wurde bereits ein Spieler aus den Niederlanden namens – kein Witz – Fabian Holland nominiert. Jetzt ist Anton Segner das 1237. Mitglied der besten Rugbymannschaft der Welt – und ihr erstes deutsches. Fast alle anderen All Blacks aller Zeiten stammen aus Neuseeland selbst, der Rest aus den nahen polynesischen Inselstaaten Samoa, Tonga und Fidschi. Er soll Teil einer Neuerfindung des Teams sein, die der neue Trainer Dave Rennie anstrebe. So erklärt es der neuseeländische Reporter Robert van Royen. Und das mitten während des neuen Wettbewerbs, der Nations Championship, zwischen den zwölf stärksten Nationalteams der Welt. Darauf folgt eine Reihe von Spielen in Südafrika, das Neuseeland als Rekord-Weltmeister und Weltranglistenerster abgelöst hat. Zu starke X-Beine. Zu pummelig. Sorry 2017 war der gerade mal 16-jährige Segner auf Empfehlung seiner neuseeländischen Coaches in Frankfurt nach Nelson in Neuseeland gekommen. Geplant war ein halbes Jahr, um zu schauen, ob er sportlich mithalten könne. Er konnte – und wie. 2018 wurde er Kapitän der Schulmannschaft und Teil der Auswahlgruppe »New Zealand Schools«, die das Land international vertritt. 2019 führte er das Nelson College zum Meistertitel. 2021 wurde er für die neuseeländische U-20 Nationalmannschaft nominiert, die wegen der Coronapandemie allerdings nie wirklich spielte. Im selben Jahr wechselte er zu den Auckland Blues in die »Super Rugby Pacific« Liga, einer Art Champions League der großen Teams Ozeaniens. Vergangenes Jahr führte er die Mannschaft als Kapitän und bester Spieler an. Der Grundstein für all das wurde gelegt, als ihm mit neun Jahren sein Fußballtrainer sagte, er sei zu unsportlich. Zu starke X-Beine. Zu pummelig. Sorry. So erinnern sich seine Eltern bei einem Besuch einige Tage vor ihrem Abflug nach Neuseeland in Frankfurt-Sachsenhausen daran.

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