Arbeitsmarkt: Der heimliche Stellenabbau in der Industrie
Immer mehr Industrieunternehmen kündigen Entlassungen an. Der wahre Arbeitsplatzverlust aber findet im Hintergrund statt. RundRund 50.000 Stellen weltweit plant der Autokonzern Volkswagen abzubauen. Die VW-Tochter Porsche kündigt an, zusätzliche 5000 Arbeitsplätze zu streichen, macht 9000 insgesamt. Auch beim Stahlproduzenten HMK steht nun fest: 2000 Beschäftigte, zwei Drittel der Belegschaft, müssen gehen. Das war der Juli. Diese Ankündigungen überdecken allerdings, dass sich die größere Krise woanders abspielt. Das Problem ist nicht, dass immer mehr Beschäftigte entlassen werden. Sondern, dass Industrieunternehmen keine neuen Arbeitskräfte einstellen. Gehen Mitarbeiter in Rente, besetzen Firmen den Posten nicht nach. Zehntausendfach. Seit Jahren. Das zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit. Seit 2021 beenden Unternehmen im Jahresdurchschnitt etwa 1,25 bis 1,35 Millionen Anstellungsverhältnisse. Das Niveau kennt man aus den 2010er-Jahren, aber vor allem entwickelt sich die Zahl recht stabil. Der Trend zeigt seit Anfang 2024 sogar nach unten – Unternehmen bauten in Summe weniger Stellen ab als noch 2023. Industrie schrumpft in Krisengeschwindigkeit Viel dramatischer sieht es bei den neu geschaffenen Stellen aus. Seit Ende 2022 schaffen Unternehmen immer weniger Arbeitsplätze. Damit nähert sich die Zahl der begonnenen Beschäftigungsverhältnisse dem Tiefpunkt während der Coronapandemie an. Damals entstanden im Jahresdurchschnitt nur noch gut eine Million neue Jobs. Insgesamt verliert die deutsche Wirtschaft aktuell fast 200.000 Industriearbeitsplätze im Jahr. „Die Industrie schrumpft gerade in einer Geschwindigkeit, die wir nur während der heftigen Finanzkrise 2009 oder der Coronapandemie erlebt haben“, ordnet Enzo Weber, Ökonom und Abteilungsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die Zahlen ein. Autoindustrie hat 13 Prozent der Stellen abgebaut Wie lange der Arbeitsplatzabbau in der Industrie schon anhält, zeigt sich, wenn man die Zahl der begonnenen Arbeitsverhältnisse von der Zahl der beendeten abzieht: Seit Ende 2019 fiel das Saldo in 18 Quartalen negativ aus. Am stärksten trifft es die Automobilindustrie. Seit 2018, dem Jahr mit der höchsten Zahl der Beschäftigten, hat sie 13 Prozent der Arbeitsplätze abgebaut. Die Metallindustrie kommt auf elf Prozent, die Maschinenbauer auf sieben. Laut der Bundesagentur für Arbeit gingen im vergangenen Jahr 70 Prozent der verlorenen Stellen auf die Branchen der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie zurück. Der anhaltende Strukturwandel in der Industrie hat allerdings noch keine sichtbaren Folgen für die Arbeitslosigkeit. Seit knapp eineinhalb Jahren verharrt die Arbeitslosenquote bei 6,3 Prozent. Das ist deutlich mehr als auf dem Tiefpunkt im Mai 2022 – damals lag die Erwerbslosigkeit bei fünf Prozent. Von einem Krisenniveau von über neun Prozent wie während der Finanzkrise 2007 liegt die Kennzahl allerdings noch weit entfernt und fällt so als Alarmsignal aus. Das hat auch damit zu tun, dass die Krise in der Industrie in eine Zeit fällt, in der der Arbeitsmarkt eine große, aber schleichende Transformation durchmacht: Die Alterung sorgt dafür, dass ein erheblicher Anteil der Arbeitskräfte in den Ruhestand geht. „Im nächsten Jahrzehnt wird die Zahl der Menschen im typischen Arbeitsalter um zehn Prozent sinken“, warnt Arbeitsmarktökonomin und WZB-Präsidentin Nicola Fuchs-Schündeln. 2035 wird wohl jede vierte Person in Deutschland 67 Jahre oder älter sein. Lesen Sie auch: Die Babyboomer sind das „graue Gold“ am Arbeitsmarkt 2025 startete die Alterungs-Trendwende Noch 2024 hatte es einen neuen Rekord der Zahl der Erwerbstätigen gegeben. Es arbeiteten so viele Menschen wie noch nie seit der deutschen Wiedervereinigung 1990, berichtete das Statistische Bundesamt. Mit Ausnahme des Corona-Jahres 2020 sei die Erwerbstätigenzahl seit 2006 durchgängig gewachsen. Die Trendwende kam dann im vergangenen Jahr mit einem leichten Rückgang. „Das Erwerbspersonenpotential dürfte 2025 seinen Höchststand überschritten haben“, urteilen führende Wirtschaftsforschungsinstitute in einem gemeinsamen Gutachten. Aumovio „Für den Automobilstandort Deutschland ist es bereits fünf nach zwölf“ Philipp von Hirschheydt, Chef des Autozulieferers Aumovio, hält die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche für überfällig – und erklärt, wie die Umsetzung gelingt. von Annina Reimann und Jannik Deters Zwar macht die Industrie gemessen an den Arbeitsplätzen nur einen kleinen Teil der Wirtschaft aus – drei Viertel der Erwerbstätigen arbeiten im Dienstleistungssektor. Aber die Industrie trägt einen großen Teil zur Wertschöpfung bei. Sie kann sozusagen aus wenig Input viel Output erzeugen. Industrie verzeichnet großes Auftragsplus Seit 2019 konnte die Industrie die sinkende Produktion und Auslastung damit ausgleichen, dass sie Services und Dienstleistungen um ihre Produkte ausbaute – und so die Wertschöpfung konstant hielt. Doch im vergangenen Jahr sank die Kennzahl recht deutlich um ein Prozent. In diesem Jahr rechnen Ökonomen mit einem leichten Plus von 0,1 Prozent. Zuletzt deuteten einige Indikatoren zwar eine Entspannung an: Der ifo Geschäftsklimaindex legte zu, weil die Erwartungen der Industrie für die kommenden Monate besser ausfielen. Auch der Frühindikator des S&P Einkaufsmanagerindex im Juli überraschte mit einem deutlichen Anstieg. Wegen der besseren Auftragslage sei die Industrieproduktion gestiegen. „Das ist das größte Plus seit knapp viereinhalb Jahren“, vermeldet S&P-Ökonom Phil Smith. Aber für eine Trendwende in der Industrie wird das wohl nicht ausreichen. Lesen Sie auch: Fällt das Tabu der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich? Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick