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ARD und ZDF: Ein Bollwerk gegen das eigene Publikum?

Nation

Soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Rechtsruck bekämpfen oder die Gesellschaft abbilden? Der Streit um eine ZDF-Satire zeigt den Konflikt.

Im November stehen wieder große Öffentlich-Rechtlichen-Debatten bevor. ARD und ZDF wären gut beraten, sich unterscheidbarer zu machen. Sie müssen die Fragmentarisierung der Gesellschaft spiegeln – und auf dieser Basis nach gemeinsamen Nennern suchen.

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"Zunächst 56 Verhandlungstage" hat das Landgericht Berlin für den am 10. November startenden Prozess gegen Ex-RBB-Intendantin Schlesinger angesetzt. Monatelanger Anlass zu verschärften Diskussionen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist also gegeben.

Und das, während die Medienpolitik der Bundesländer, die einige Jahrzehnte lang vorrangig in Rundfunkpolitik rund um den ÖRR bestand, stillsteht. Medienstaatsverträge erfordern Einigkeit aller sechzehn Bundesländer. Schon wegen Sachsen-Anhalt schwer denkbar.

Dass dann noch auf der Bundes-Ebene mit dem Staatsminister für Kultur und Medien ein vergleichsweise umtriebiger Fachpolitiker unterwegs ist, macht nichts übersichtlicher. Im September ventilierte Wolfram Weimer mal wieder die Idee, das ZDF zu privatisieren.

Vor einem guten Jahrzehnt wäre das, von inhaltlichen Bedenken (und der damals noch deutlich höheren Akzeptanz des ÖRR) abgesehen, noch eine diskutable Idee gewesen. Inzwischen weiß jeder, dass Privatfernsehen gegenüber den global agierenden Plattformkonzernen laufend an Umsatz und Einnahmen verliert.

"Im Video-Streaming entfallen bereits 72 Prozent der Werbeumsätze ... auf die vier größten Big-Tech-Player", errechnet der Privatsenderverband Vaunet für 2026 – "mit steigender Tendenz".

Wer würde da ins ZDF investieren?

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2.500 Stunden am Tag

Hintergrund von Weimers rhetorischen Volte ist natürlich die Frage, inwieweit sich die Rundfunkbeitrags-Zahler zwei öffentlich-rechtliche Programmfamilien leisten wollen, wenn es erstens ja auch noch allerhand Privatsender gibt und zweitens Fernsehen im Medienmix vor allem jüngerer Menschen keine große Rolle mehr spielt.

Im Podcast des Springer-Journalisten Paul Ronzheimer verwies der ARD-Vorsitzende und Hessischer Rundfunk-Intendant Florian Hager gerade auf "2.500 audiovisuelle Inhalte am Tag", die die ARD produziert. So könne die ARD "sehr viel Perspektive abbilden", glaubt Hager.

Ob zum Beispiel die großen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF viele unterschiedliche Perspektiven zeigen, oder zumindest oft unterschiedliche Themen aus der Polykrisen-Welt, darüber kann man immer wieder (produktiv) streiten ...

Hinter den Kulissen agieren ARD und ZDF natürlich längst auf vielen Ebenen pragmatisch komplementär, nicht nur beim Ankauf teurer Sportrechte. Wenn die ARD-Anstalt MDR ankündigt, aufgrund der in den ostdeutschen Bundesländern sinkenden Beitragseinnahmen bei "Tatort" und "Polizeiruf" eine "Pause ... für drei Jahre" einzulegen, dreht zumindest das ZDF weiter auch "Thüringenkrimis".

Unter den Oberflächen der Mediatheken arbeiten sie sowieso zusammen (was Redundanzen auf den Mediatheken-"Stages" eher noch sichtbarer macht). Vor allem die zum Jahresende anlaufende Abschaltung von Spartensendern wie Tagesschau 24 und One, mit der verstärkte Zusammenarbeit bei den vorerst verbleibenden Sendern wie Phoenix und Neo einhergehen soll, wird für Aufsehen sorgen.

Verunsicherung ist greifbar, auch im Ronzheimer-Hager-Podcast, in dem der "ARD-Chef" (wie Ronzheimer ihn knapp nennt) mit umständlich verklausulierter Selbstkritik, dass "wir uns dessen auch immer mehr bewusst werden, dass da zumindest die Annahme entstehen kann, dass wir belehrend sind", nicht geizt.

"Royale" = "Deluxe"?

Allerhand Aufsehen erregte bereits das angekündigte Auslaufen des ZDF Magazin Royale mit der Reizfigur Jan Böhmermann, und wird es mindestens bis zur letzten Ausgabe am 18. Dezember weiter erregen. Sich zu inszenieren versteht Böhmermann.

Zum Start in seine Herbstsaison und nach der Sachsen-Anhalt-Wahl sorgte er mit einem Moped-Verkehrsunfall-Filmchen, in dem sich eine Simson erkennen lasst und man sich den AfD-Mann Ulrich Siegmund dazu denken kann, nochmals auf bewährt breitenwirksam-flache Weise für Aufregung bei Gegnern wie Fans.

Eigene Aufregungs-Akzente setzte das ZDF, indem es eine Art Nachfolgesendung ankündigte. Einerseits wird das Journal Deluxe – mit Florian Schroeder kein Nachfolger, weil es linear im ZDF nicht am späten Freitagabend (sondern noch später dienstagnachts) laufen und schon nächste Woche Premiere feiern wird.

Andererseits wird die Sendung anderswo doch linear am freitagnachts erstausgestrahlt: um 0.05 Uhr bei 3sat. Und die Begriffe "Royale" und "Deluxe" lassen sich leicht zusammendenken, ob man nun Französisch im Hinterkopf hat, oder Burger.

"Es erwartet uns eine neue Satirefarbe, die es so bisher nicht gibt. Eine, die liberaler ist, eine die keine Scheuklappen aufsetzt, eine die neue Stimmen zu Wort kommen lässt und selbst eine neue Stimme ist", nimmt Schroeder den Mund voll.

Recht bekannt ist er aus ungefähr allen Comedy-Formaten sowie weiteren der vielen Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, in denen leidlich prominente Zeitgenossen mit leidlich prominenten Zeitgenossen reden. Ist er auch als rechts bekannt?

Zumindest aktivierte die Ankündigung seiner Show allerhand Befürchtungen. "Fällt beim ZDF die Brandmauer?", fragte der Spiegel (um das dann hinter der Bezahlschranke eher zu verneinen).

"Der ÖRR ist kein Bollwerk gegen den Rechtsruck. Er ermöglicht ihn vielmehr", schimpfte die taz. Anlass war, dass Medienjournalist Stefan Niggemeier in der Süddeutschen aus dem Schroeder-Show-Konzept geleakt hatte, dass Gäste wie "Alice Weidel, Gabriele Krone-Schmalz, Ulf Poschardt, Hartmut Rosa, Boris Palmer und Peter Thiel" anvisiert seien, und dass zum Start tatsächlich "Nius"-Zampano Julian Reichelt ein-, aber auch vorab wieder ausgeladen worden sei.

Kritische Aufmerksamkeit ist der Startfolge gewiss. Ab 29. Oktober soll sie online first abrufbar sein.

Schroeder hatte schon mal streaming-öffentlich mit der relativen Unperson Reichelt gesprochen, berichtet Niggemeier in der SZ: 2024 in dessen YouTube-Sendung:

"Hinterher erklärte Schroeder den Besuch bei Reichelt im Interview mit dem Branchendienst Medieninsider so: 'Ich bin aus meiner Filterblase herausgekommen und habe in das Lager gesendet, in das ich sonst nicht senden kann.' Wenn man den Gedanken umkehrt, wäre die Einladung von Reichelt in die neue Show eine Chance für den Nius -Chef gewesen, aus seiner eigenen Filterblase herauszukommen und dank ZDF neue Zielgruppen zu erschließen."

"Ungeskriptet" = "Unframed"?

So ziemlich dieses Konzept: durch Einladungen in andere Filterblasen zu senden und sich so selbst neue Zielgruppen erschließen zu können, freilich auf die Gefahr hin, dass die Eingeladenen wiederum sich die eigene Zielgruppe erschließen könnten, wird in den Inhaltefluten des Internet oft angewandt. Bekanntes Beispiel: Der umstrittene Podcaster Benjamin Berndt, dessen oft stundenlange Gespräche vor allem auf Googles Youtube Millionen-Publikum erreichen (obwohl es seinen Podcast Ben Ungeskriptet auch als Audio ohne die eigentlich unnötige Bildebene gibt).

Er sprach kurz nach dem langen, unkritischen Gespräch mit AfD-Mann Björn Höcke, das viel Kritik etablierter Medien und der Landesmedienanstalt NRW nach sich zog, mit der kritischen Funke- und Ex-Spiegel-Journalistin Melanie Amann. Hatte er sie eingeladen, sie ihn?

Sie teilten sich ein besonders langes Gespräch in zwei immer noch lange Hälften: eine als weitere Folge von Berndts Podcast-Berg, der wöchentlich um rund zwei Folgen anwächst, eine als Startfolge für Amanns ähnlichen Video-Podcast unter dem ähnlichen Titel Unframed, der zum späten Start im dicht besetzten Feld journalistischer Podcasts Anschub erhielt. Beide versuchten, voneinander zu profitieren, keinem war es komplett misslungen ...

So muss es wohl laufen in der gegenwärtigen Medienlandschaft, zu deren Problemen die immer noch weiter wachsende Hyperdominanz der Algorithmen von Googles Youtube, Metas Instagram, dem chinesischen Tiktok und weiteren Plattformen gehört.

Die laufende Fragmentarisierung

Natürlich kann man drüber streiten, wer gerade noch einladbar ist und wer nicht (also: ob Julian Reichelt freitags um Mitternacht bei 3sat auftreten dürfte, zumindest wenn ihm ein kritischer Interviewer gegenübersitzt).

Darüber soll man auch streiten, sicher auch nach Ansicht des ZDF: weil genau solcher Streit gespannt macht auf das, was als Mitternachtssendung auf 3sat und eins von sehr zahlreichen Angeboten der ZDF-Mediathek nicht unbedingt sehr gespannt macht.

Die bereits gewaltige und weiterhin laufende Fragmentarisierung der Gesellschaft muss sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk abbilden. Erst recht, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiterhin ein so großes Angebot über derart viele lineare wie nonlineare Ausspielwege bietet. (Und dass er nun einige lineare Spartenkanäle abzuschalten beginnt, heißt ja keineswegs, dass das Angebot grundsätzlich kleiner wird).

Ein "Bollwerk gegen den Rechtsruck", eine Brandmauer können – vielleicht sogar langfristig, das wird sich demnächst zeigen ... – politische Parteien bilden. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, aus dem niemand austreten kann, wird auf Dauer kein Bollwerk gegen ein Drittel der wählenden Bevölkerung bilden können.

"Junge Perspektive haben wir auch viel zu wenig in unserem Programm, von daher glaube ich nicht, dass es man es an links und rechts fest machen kann", sagte Florian Hager etwas umständlich im Ronzheimer-Podcast. Und geht dabei darüber hinweg, dass die Polarisierung jüngere Generationen mit älteren verbindet.

Idealerweise müssten ARD und ZDF sich nun auseinander differenzieren, offensichtliche Redundanzen in ihren Angeboten verringern und die bei genauer Betrachtung des riesengroßen Angebots durchaus vorhandenen unterschiedlichen Ansichten so zu Wort kommen lassen, dass es größeren Öffentlichkeiten besser auffällt.

Solche größeren Öffentlichkeiten, die nicht nur zum Auftrag des ÖRR gehören, sondern noch auch zum traditionellen Bestand des Ersten und des Zweiten, könnten dann als Basis dienen, gemeinsame Nenner zu finden oder wieder zu bilden. (Und dass die Größe solcher Öffentlichkeiten idealerweise nicht von den Algorithmen US-amerikanischer oder chinesischer Konzerne abhängen sollte, macht die Herausforderung noch größer).

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