Armedangels will Rücksendungen bremsen
Yade wartet gerade auf ein Paket. Sie hat das Oberteil in zwei Größen bestellt, weil sie sich unsicher war, was ihr passt. Das mache sie meistens so. Da sei dann immer ein Teil dabei, das ihr sicher passe, sagt sie. Das andere, das geht dann im Paket zurück.
So wie die Kölner Studentin Yade machen es viele Menschen in Deutschland. Immer mehr, um es genau zu nehmen.
Rücksendungen: 560 Millionen Pakete im Jahr 2026
Die Zahl der Retouren von online bestellten Produkten steuert 2026 in Deutschland auf einen Höchststand zu. In diesem Jahr schicken Kunden voraussichtlich 560 Millionen Pakete zurück. Das zeigen Berechnungen des Retourenforschers Björn Asdecker von der Universität Bamberg. Im vorigen Jahr hatte die Zahl der Rücksendungen bei 550 Millionen Paketen gelegen.
Auch das Forschungs-, Bildungs- und Beratungsinstitut für den Handel, EHI in Köln, hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass kostenlose Retouren wieder zunehmen. Lagen sie vergangenes Jahr noch bei 49,2 Prozent, sind sie 2026 auf 60,6 Prozent gestiegen.
Retouren: Fast jedes vierte Paket geht zurück
Fast jedes vierte online bestellte Paket werde inzwischen retourniert, sagt Asdecker. Mode hat einen besonders großen Anteil an den Rücksendungen. Über 80 Prozent der retournierten Pakete und rund 90 Prozent der zurückgesendeten Artikel entfielen auf das Modesegment, sagt Asdecker.
Kaum noch jemand kaufe im Laden, sagt Studentin Yade
Bildquelle: WDR/Sabine Schmitt
Warum ist das so? Yade sagt, sie kenne kaum noch jemanden, der im Laden kauft. "Da ist die Auswahl kleiner, oft gibt es nicht die passende Größe". Und doch bleibt da bei Yade das ungute Gefühl, dass das mit den Retouren nicht gut ist.
Was hilft gegen Retouren? Das sagen Wirtschaftspsychologie-Studenten
Yade ist Studentin der Wirtschaftspsychologie im zweiten Semester. Vor Kurzem hatte sie sich auch im Studium mit dem Thema beschäftigt und drei Dinge herausgearbeitet, die dagegen helfen könnten:
noch bessere Infos zu Maßangaben, damit man einschätzen kann, ob ein Teil passt
höhere Gebühren für Rücksendungen - aktuell ist es oft gratis oder die Gebühr gering
ehrlichere Fotos, an denen man besser abschätzen kann, wie ein Kleidungsstück geschnitten ist. "Wenn ein T-Shirt auf einem Tisch liegt und niemand es auf dem Foto trägt, erkennt man die Bauchlänge nicht", sagt Yade.
Vieles davon machen Händler auch schon. So gibt es zum Beispiel bei Zalando Hinweise, wenn ein Artikel größer oder kleiner ausfällt. "Das hilft," sagt Yade. "Das mache ich dann auch." Sie sagt außerdem, Retourgebühren wirken bei ihr.
Retouren vermeiden: Handel setzt zunehmend auf Technik
Niklas Stanislawski vom EHI Retail Institute beobachtet, dass Händler derweil schon verstärkt auf präventive Maßnahmen setzen: "Es gibt im Fashion-Bereich KI‑Lösungen, die schon vor dem Kauf helfen sollen – etwa virtuelle Anproben oder Passform-Tools, mit denen Kunden sehen können, wie Kleidung ungefähr am eigenen Körper aussieht", sagt er. "Damit lassen sich Retouren bekämpfen, bevor sie überhaupt anfallen."
Gleichzeitig bleibe die Rolle der kostenlosen Rücksendung ambivalent: "Die Onlinehändler haben erkannt, dass kostenlose Retouren nicht nur ein finanzielles Instrument, sondern vor allem ein strategisches Werkzeug im hart umkämpften Wettbewerb sind, um Kunden zu binden", sagt Stanislawski. Der Onlinehandel wachse wieder, erste Prognosen gingen von einem Umsatzplus von rund vier Prozent aus.
Rücksendungen bei der Post
Bildquelle: dpa/Bodo Marks
Armedangels: Retouren ja, aber nachhaltig wirtschaften
Ein Label, das diese Widersprüche besonders ernst nimmt, sitzt ebenfalls in Köln: Armedangels. Die Fair-Fashion-Marke will nachhaltig wirtschaften – und dazu gehört für sie auch, unnötige Retouren zu vermeiden. Eine Rücksendung bei Armedangels kostet in Deutschland und Österreich 2,95 Euro.
Statt Retouren nur abzuwickeln, setzt Armedangels schon im Bestellprozess an: Kunden bekommen detaillierte Hinweise, wie sie die richtige Größe finden, warum mehrere Größen bestellen keine gute Idee ist, welche ökologischen Auswirkungen Rücksendungen haben und wie Bewertungen, Größentabellen und Produktinfos sinnvoll genutzt werden können. Ziel ist, dass Menschen gar nicht erst zwei oder drei Größen bestellen müssen, sondern bewusster auswählen.
Armedangels-Laden in der Stadt als Testfeld
Gleichzeitig baut das Unternehmen eigene Läden auf. In der Kölner Innenstadt hat Armedangels einen ersten Store eröffnet – als physische Markenplattform und als Testfeld dafür, wie Beratung, Passform-Informationen und ein entschleunigtes Einkaufserlebnis dazu beitragen können, Fehlkäufe zu verringern. Langfristig sollen die Erfahrungen aus dem Laden auch in den Online-Shop zurückfließen und so helfen, die hohe Zahl an Retouren im Modesegment zu senken.
Was derweil nicht möglich ist: Retouren von Armedangels im Laden in der Kölner Ehrenstraße zurückgeben. Warum nicht? "Dafür haben wir hier keine Kapazitäten, der Laden ist zu klein", sagt eine Verkäuferin. Große Modeketten wie H&M bieten an, dass Online-Bestellungen kostenlos in einer Filiale zurückgegeben werden können. Bei Zara, C&A und Mango funktioniert es genauso.