Aryna Sabalenka verliert US Open und kämpft gegen sich selbst
Aryna Sabalenka ist es gewohnt, dass man in ihrem Zusammenhang gerne mal von Machtdemonstration spricht. Der feine Unterschied an diesem Tag in New York: Es war ihre Gegnerin, die auf eindrucksvolle Weise demonstrierte, wer gerade das Zepter im Damentennis schwingt.
Nach dieser Dreisatzniederlage im US-Open-Finale 2026, das Elena Rybakina mit Ausnahme des 2. Satzes nach allen Regeln der Kunst beherrscht hatte, war Aryna Sabalenka fertig mit den Nerven. Also musste erst mal der Schläger dran glauben, Sabalenka setzte sich auf die Bank und zerhackte ihr Arbeitsgerät nach Art Medwedew.
Als das erledigt war, verschwand sie, noch vor der Siegerehrung, in den Katakomben. Kurz danach war sie wieder da und hatte Platz genommen auf der anderen Court-Seite, in der Box ihres Teams. Die 28-Jährige brauchte jetzt seelische Streicheleinheiten.
"Dann bin ich in Schwierigkeiten"
Aryna Sabalenka hatte an diesem Spätnachmittag in Flushing Meadows auf die harte Tour erfahren, dass sie gleich drei Nüsse zu knacken hat. Sie muss nicht nur verkraften, dass sie die Nummer-1-Position der Weltrangliste an Rybakina verloren hat, sie muss zudem auch noch eine Finalniederlage verdauen, die so nicht eingeplant war. Und zu allem Überfluss kämpft sie nach wie vor mit ihren eigenen Dämonen.
Auf der Pressekonferenz sah man eine Spielerin, die gebrochen wirkte. Mit leiser Stimme sprach sie das aus, was alle gesehen hatten: Elena Rybakina war die klar bessere Spielerin.
Nach 99 Wochen an der Spitze der Weltrangliste muss Aryna Sabalenka nun ihre Rivalin vorbeiziehen lassen. "Wie viele Wochen?", fragte sie die Journalisten, "99? Okay, da bin ich mal gespannt, ob Elena das schafft." Nicht patzig gemeint, sondern witzig. Diesen Galgenhumor packt sie immer dann aus, wenn es besonders weh tut. sie "Nun, wenn sie so weiter spielt", witzelte Sabalenka weiter, "bin ich in Schwierigkeiten." Die Spur Nachdenklichkeit, die dabei mitschwang, war mehr als deutlich.
Der werd ich's zeigen
Die US Open waren für Aryna Sabalenka die letzte Gelegenheit, in diesem Jahr noch ein Grand Slam zu gewinnen. Bei den Australian Open hatte sie im Finale ebenfalls gegen Rybakina verloren, bei den French Open schied sie im Viertelfinale aus, in Wimbledon im Achtelfinale. Ein Jahr ohne Major-Sieg, das ist nicht der Anspruch der bisherigen Weltranglisten-Ersten, also sollten eben die US Open die Saison retten. Alle vier Slams in ihrer Titelsammlung hat sie auf ihrem Lieblingsbelag Hardcourt geholt. Noch dazu hatte sie in den beiden vergangenen Jahren in New York triumphiert, die Zeichen standen also auf "Three-peat".
Nachdem Sabalenka im Viertelfinale gegen die Wimbledonsiegerin Linda Noskova ihren Kopf gerade noch so aus der Schlinge gezogen hatte, musste im Halbfinale Jessica Pegula dran glauben, die über Sabalenkas Aggressivität ironisch staunte: "Keine Ahnung, was die angepisst hat, aber was die heute gespielt hat, war krank."
Genau diese Einstellung hatte man dann auch im Finale erwartet, schließlich hätte sie da tatsächlich einen Grund gehabt, stinkig zu sein, hatte ihr doch ihre Gegnerin gerade erst die Nummer eins abgeluchst. Der werd ich’s zeigen.
Aber dann zerschellte Sabalenka an der Realität. Gegen keine Gegnerin prallt die brachialste Spielerin der WTA-Tour so ab wie an Rybakina. Die Kasachin nimmt jeden Druck an, geht jedes Tempo mit und spielt jeden noch so harten Ball mit traumwandlerischer Sicherheit zurück. Und wenn die Power verpufft, dann wird’s schwer mit Gewinnen, dann beginnt die Sabalenkasche Selbstzerstörung.
Vom Skalpell filetiert
Schon nach fünf Spielen, nach dem Break zum 2:3 im ersten Satz, bedingt durch einen Doppelfehler, schlug Sabalenka einen Ball voller Wut in die Ränge. Verstoß gegen den Verhaltenskodex, Ballmissbrauch, Verwarnung.
Sabalenka wird nie den scheinbar buddhistischen Gleichmut einer Rybakina haben, das entspricht nicht ihrer Persönlichkeit. Aber sie wird einsehen müssen, dass es nicht immer zu ihrem Vorteil ist, wenn sie sich über jede Kleinigkeit lautstark und gestenreich aufregt. Bestimmt hilft es ihr, ihre Emotionen zu kanalisieren. Aber möglicherweise schadet es auch ihrer Konzentration.
Es muss ohne Zweifel sehr frustrierend sein, wenn man einen Bombenaufschlag hat, aber der der Gegnerin noch besser ist. Wenn man einen super Return hat, der der Gegnerin aber noch mehr Qualität hat. Wenn man mit dem Schlachtermesser spielt, aber die Gegnerin einen mit dem Skalpell chirurgisch filetiert.
Aryna Sabalenka hat das Battle um die Nummer eins verloren und auch das Finale der US Open. Beides gegen Elena Rybakina. Auch der Kampf gegen sich selbst wird weitergehen.