Aspirin gegen Demenz: Genanalyse liefert überraschendes Ergebnis
Eine groß angelegte Genanalyse liefert überraschende Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Aspirin und Demenz. Bei Menschen mit einem bestimmten genetischen Profil war das Erkrankungsrisiko um 70 Prozent niedriger – doch die Sache hat einen Haken.
Aspirin gehört zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten weltweit. In der Demenzprävention galt der Wirkstoff bislang aber als wirkungslos. Eine neue Analyse genetischer Daten stellt diese Einschätzung nun teilweise infrage – zumindest für eine bestimmte Gruppe von Menschen.
Forschende der australischen Monash University haben Daten von mehr als 13.500 älteren Erwachsenen aus der sogenannten ASPREE-Studie ausgewertet, einer der größten placebokontrollierten Untersuchungen zur Aspirin-Einnahme bei gesunden Seniorinnen und Senioren.
Demnach ging die tägliche Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin bei Teilnehmenden mit einem bestimmten genetischen Profil mit einem um 70 Prozent niedrigeren relativen Demenzrisiko einher. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal "Alzheimer’s & Dementia".
Entscheidend sind Gene, die die Blutplättchenzahl steuern
Das stärkste Signal fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Genen, die die Zahl der Thrombozyten – also der Blutplättchen – beeinflussen. Die Forschenden teilten die Studienteilnehmenden anhand ihres genetischen Thrombozyten-Scores in fünf gleich große Gruppen ein. In der Gruppe mit den höchsten Werten – dem obersten Fünftel – erkrankte unter Aspirin-Einnahme lediglich ein Prozent an Demenz. In der Placebo-Gruppe waren es dagegen 3,3 Prozent.
Besonders bemerkenswert dabei ist laut Studienleiter Peter Fransquet von der Monash University, dass der Effekt nichts mit den bislang bekannten genetischen Risikofaktoren für Demenz und Alzheimer zu tun hatte: "Stattdessen weist es uns in Richtung Thrombozytenbiologie und eröffnet einen ganz neuen Forschungsweg."
Doppelt so viele schwere Blutungen unter Aspirin
Allerdings zeigte sich in derselben genetischen Gruppe auch eine erhebliche Kehrseite. Schwere Blutungen traten unter Aspirin-Einnahme mehr als doppelt so häufig auf wie unter Placebo – bei 4,4 Prozent gegenüber 2,1 Prozent. Laut der Studie lag die absolute Risikosenkung für Demenz bei rund 2,3 Prozentpunkten, die absolute Risikoerhöhung für schwere Blutungen ebenfalls bei etwa 2,3 Prozentpunkten.
Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Auf rund fünf verhinderte Demenzfälle kamen in dieser Gruppe etwa fünf zusätzliche schwere Blutungsereignisse.
Warum bisherige Studien keinen Nutzen fanden
Dass Aspirin bislang nicht als Mittel gegen Demenz empfohlen wird, hat einen einfachen Grund. Frühere klinische Studien – darunter auch die ASPREE-Studie selbst – hatten keinen Nutzen festgestellt, wenn alle Teilnehmenden gemeinsam betrachtet wurden. Die neue Analyse ging nun einen anderen Weg und untersuchte erstmals systematisch, ob genetische Untergruppen unterschiedlich auf Aspirin reagieren.
Für ihre Analyse prüften die Forschenden insgesamt mehr als 5.000 sogenannte polygene Risikoscores – also genetische Profile, die auf Tausenden von Genvarianten basieren. Davon bestanden 1.848 die strenge Qualitätskontrolle. Unter den statistisch auffälligen Ergebnissen waren Scores für die Blutplättchenzahl massiv überrepräsentiert. Es handelt sich demnach um die erste Studie überhaupt, die eine genetische Untergruppe identifiziert hat, die möglicherweise von Aspirin bei der Demenzprävention profitieren könnte.
Forscher warnen eindringlich vor Selbstmedikation
Trotz der vielversprechenden Resultate mahnte Fransquet zur Vorsicht. "Niemand sollte auf Grundlage dieser Studie beginnen, Aspirin zur Demenzvorbeugung einzunehmen, ohne vorher mit seinem Arzt zu sprechen – insbesondere angesichts des erhöhten Risikos für schwere Blutungen", betonte der Wissenschaftler.
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Die Einschränkungen der Untersuchung sind erheblich. Es handelt sich um eine sogenannte explorative Nachanalyse, die zunächst durch unabhängige Studien bestätigt werden muss. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug auch lediglich 4,6 Jahre – bei einer Erkrankung, die sich oft allmählich entwickelt. Zudem fasste die Analyse sämtliche Demenzformen zusammen, obwohl einige stärker mit Gefäßproblemen zusammenhängen als andere. Auch die überwiegend europäische Abstammung der Teilnehmenden schränkt die Übertragbarkeit der Ergebnisse ein.
Dennoch eröffnet die Studie eine vielversprechende Perspektive. "Sollte sich das Ergebnis bestätigen, könnte die Tatsache, dass Aspirin bereits günstig und überall verfügbar ist, eine personalisierte Demenzprävention tatsächlich möglich machen", sagte Fransquet. (red)