Atomkraft "kompletter Nonsens" - nicht nur bei Niedrigwasser in Flüssen
Energieversorgung Quaschning: Kernkraft "kompletter Nonsens" Stand: 04.08.2026 16:11 Uhr Durch Niedrigwasser in der Donau haben Ungarn und Rumänien derzeit Probleme, ihre Kernkraftwerke zu kühlen. Es fehlt an Kühlwasser. Zudem ist das aus dem Fluss entnommene Wasser beim Wiedereinleiten zu warm. Für Volker Quaschning ist das ein weiterer Beleg, dass Kernkraft keine Lösung für die Zukunft sein kann, wie er im Interview mit MDR AKTUELL sagte. von MDR AKTUELL Forscher Quaschning sieht sich in Kernkraft-Skepsis bestätigt. Kraftwerke-Kühlung mit Flusswasser ist nur eines der Probleme. Comeback: "Technologisch und ökonomisch kompletter Nonsens" MDR AKTUELL: Professor Quaschning, Sie sind ja ein Verfechter des Atomausstiegs. Sehen Sie sich jetzt bestätigt? Volker Quaschning: Ja, das bestätigt, was wir eigentlich schon seit Jahren wissen. Ich meine, da haben sich einige Leute wirklich verrannt, ideologisch mit der Kernenergie. Es gibt keine ökonomischen, technischen oder auch sonstigen Gründe, die mehr für die Kernenergie sprechen. Es ist eigentlich eher ein Ablenkungsmanöver, wenn man mit der Energiepolitik nicht mehr weiter weiß oder nicht möchte, dass man einfach verspricht: Irgendwann kommt die Kernenergie und dann hat man das Problem vertagt. Da haben sich einige Leute wirklich verrannt, ideologisch mit der Kernenergie. Ingenieurwissenschaftler Volker Quaschning Aber wir sehen die Probleme, die Finanzierungsprobleme, in Frankreich marode Kraftwerke am Laufen zu halten, und jetzt im Sommer: Es ist eine Risikotechnologie, teuer und nicht geeignet für die Energiewende. Gäbe es technisch andere Möglichkeiten, Kernkraftwerke zu kühlen? Das Problem ist jetzt nicht, dass die Kernkraftwerke technisch versagen, sondern dass sie einfach die Flüsse so heiß machen würden, dass dort die Ökosysteme umkippen, weil Kühlwasser fehlt. Wenn man ein Kernkraftwerk an der Küste hat, kann ich mit Meerwasser kühlen. Da ist das Problem dann nicht ganz so groß. Ich könnte theoretisch auch mit Luft kühlen, dann geht der Wirkungsgrad aber massiv nach unten. Man hat halt einfach Kernkraftwerke in einer Zeit gebaut, wo solche extremen Temperaturen noch nicht an der Tagesordnung waren. Darum haben wir jetzt die Probleme. Und man kann so ein Kraftwerk einfach auch nicht umziehen mit einem Wohnwagen. Das steht nun mal da, wo es gebaut wurde, auch über die nächsten Jahrzehnte. Bei bestehenden Anlagen kann man das Problem eigentlich nicht wirklich lösen. Nun haben wir gerade die Temperaturen, was könnte denn schlimmstenfalls geschehen? Oder ist es wirklich mit dem Abschalten der Reaktoren, wie jetzt in Ungarn geplant, getan? Also die Reaktoren müssen gedrosselt werden, weil sonst die Flüsse umkippen, die Fische alle sterben und wir da wirklich ein Drama sehen würden. Deswegen muss das einfach runtergefahren werden. Nun muss man aber natürlich sagen, in Ungarn, wir reden über ein Kernkraftwerk, das ist natürlich im Vergleich zu dem, was wir in Deutschland an Stromversorgung haben, Peanuts und kann auch durch die Nachbarländer zum Teil aufgefangen werden. Aber dass die Kernenergie so eine zuverlässige Energieversorgung ist, das zeigt sich gerade, dass das nicht der Fall ist. Das ist man mit Erneuerbaren wie in Deutschland viel besser aufgestellt. Man verspricht sich ja von Kernkraft auch günstigere Strompreise. Na ja, das ist auch eine Geschichte, die man immer erzählt. Kernenergie-Strom ist dann günstig, wenn wir alte, abgeschriebene Anlagen haben. Die Kernkraftwerke in Frankreich sind im Schnitt 40 Jahre alt. Diese Anlage in Ungarn ist ja auch uralt. Das heißt, wenn man alte Anlagen hat, die schon bezahlt sind, dann ist der Strom natürlich relativ günstig. Genauso ist jetzt auch Strom aus einer 20-Jahren-Photovoltaik-Anlage spottbillig. Das Problem, wenn ich neue Anlagen bauen muss, sehen wir ja jetzt. Wir hatten drei Neubauten in Finnland, in Frankreich, in Großbritannien. Und da sind die Kosten so durch die Decke gegangen, dass man um den Faktor Zwei bis Drei über erneuerbaren Energien liegt. Das heißt, man vergleicht immer Äpfel mit Birnen und verspricht, wenn wir alte Kernkraftwerke laufen lassen, dann würden die Strompreise niedrig sein. Aber die haben wir in Deutschland nicht mehr. Auch in Frankreich wird man investieren müssen. Und sobald man diesen Kernkraftwerkspark auf den neuesten Stand bringt, wird man deutlich höhere Kosten sehen als durch die erneuerbaren Energien. In Deutschland gibt es immer wieder die Forderung nach einer erneuten Inbetriebnahme oder dem Neubau von Kernkraftwerken. Halten Sie eine Renaissance der Kernkraft für ausgeschlossen? Ja, wir werden keine Investoren finden, die in Deutschland in die Kernenergie investieren, in Frankreich ja auch nicht. In Frankreich ist der Staatskonzern EDF, der die Kernkraftwerke betreibt, verstaatlicht mit 50 Milliarden Schulden, und Frankreich muss hier massive Subventionen aus Steuermitteln reinbuttern. Wie soll das in Deutschland funktionieren und vor allen Dingen warum? Wir sind ja jetzt schon bei 60 Prozent Erneuerbaren, wir werden in zehn Jahren bei 80 Prozent sein, nicht mal in zehn, das wird in fünf Jahren schon sein. Und das heißt, wenn wir jetzt über neue Kernkraftwerke nachdenken, die sind dann vielleicht in 20 Jahren am Ruder, wenn wir bei 95 Prozent Erneuerbaren sind. Dann bringen die nichts, sind sehr, sehr teuer und gar nicht kompatibel mit Erneuerbaren. Denn Kernkraftwerke möchten gerne rund um die Uhr Strom liefern und nicht die Schwankungen von Solar- und Windenergie ausgleichen. Insofern ist das technologisch und ökonomisch kompletter Nonsens, über solche Vorschläge zu diskutieren. Das Gespräch führte Doreen Jonas, MDR AKTUELL (ksc) Video: Tschechiens Pläne für Mini-AKW werden konkret (2 Min)