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Atomunfall in Santa Susana: Fast 70 Jahre nach der Kernschmelze häufen sich chronische Erkrankungen bei den Anwohnern

Technologie

Es ist einer dieser Orte, an denen Vergangenheit nicht einfach vergangen ist. Nordwestlich von Los Angeles wurden jahrzehntelang Raketentriebwerke getestet, Kernreaktoren betrieben – und 1959 kam es im Santa Susana Field Laboratory zu einer partiellen Kernschmelze.

Heute leben rund um das Gelände Zehntausende Menschen. Und je näher einige von ihnen an dem ehemaligen Forschungszentrum wohnen, desto häufiger berichten sie von Autoimmunerkrankungen sowie Stoffwechsel- und Hormonstörungen. In einer neuen Untersuchung der University of Southern California lag der Anteil gemeldeter Autoimmunerkrankungen im Umkreis von rund acht Kilometern bei 18 Prozent. In 18 bis 24 Kilometern Entfernung waren es nur vier Prozent.

Krankheitsmeldungen steigen nach Atomunfall

Neben Autoimmunerkrankungen erfassten die Forscher auch Stoffwechsel- und Hormonstörungen. Auch dort nahm die Häufigkeit mit größerer Entfernung zum Gelände ab. In der Nähe von Santa Susana berichteten 15 Prozent der Befragten von einer entsprechenden Diagnose, in weiter entfernten Wohngebieten waren es zwei Prozent.

Auch bei Stoffwechsel- und endokrinen Erkrankungen zeigte sich ein ähnliches Muster. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Störungen des Hormonhaushalts und des Stoffwechsels. In der Nähe des Geländes berichteten 15 Prozent der Befragten von einer entsprechenden Diagnose, in der weiter entfernten Gruppe waren es zwei Prozent.

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Ungewöhnlich viele Haushalte mit hohem Einkommen

Mehr als ein Drittel aller Teilnehmer gab zudem an, seit dem Einzug in die Region mindestens eine chronische Erkrankung diagnostiziert bekommen zu haben. Dieser Anteil liegt ungefähr auf dem Niveau der gesamten US-Bevölkerung. Bemerkenswert ist jedoch die Zusammensetzung der untersuchten Gruppe: 56 Prozent der Befragten verdienten jährlich mindestens 100.000 Dollar. Chronische Erkrankungen treten in wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen normalerweise seltener auf.

Die Region unterscheidet sich damit von vielen anderen belasteten Industriestandorten in den USA. Sogenannte Superfund-Gebiete liegen häufig in einkommensschwächeren Gemeinden. Rund um Santa Susana leben dagegen viele wohlhabende Haushalte. Die Forscher untersuchten deshalb auch, wie Menschen mit größeren finanziellen Möglichkeiten auf ein mögliches Umweltrisiko reagieren.

Das Ergebnis fiel anders aus als erwartet.

„Wir gingen davon aus, dass wohlhabendere Menschen mehr Schutzmaßnahmen ergreifen würden, weil sie größere Möglichkeiten haben, mit dem Risiko umzugehen und Veränderungen anzustoßen“, sagt Hauptautorin Jenna Blyler vom USC Wrigley Institute for Environment and Sustainability. „Stattdessen war es die Angst vor der Kontamination, die Schutzmaßnahmen auslöste, und nicht das Gefühl, die Risiken selbst beherrschen zu können.“

Anwohner in Santa Susana haben Angst

Viele Bewohner haben ihre Gewohnheiten angepasst. Zu den berichteten Maßnahmen gehören:

Leitungswasser filtern

Schuhe vor dem Betreten des Hauses ausziehen

Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten meiden

an windigen Tagen häufiger im Haus bleiben

Menschen mit stärker ausgeprägter Sorge um ihre Gesundheit trafen besonders häufig solche Vorkehrungen. Die Forscher fanden außerdem einen ungewöhnlichen Zusammenhang zwischen den angenommenen Kosten und dem Verhalten: Je teurer eine Maßnahme erschien, desto eher wurde sie umgesetzt. Das widerspricht vielen bisherigen Ergebnissen aus der Risikoforschung. Eine mögliche Erklärung ist das hohe Einkommen der Befragten. Denkbar ist auch, dass höhere Kosten als Hinweis auf eine wirksamere Schutzmaßnahme wahrgenommen werden.

1959 kam es zu einer partiellen Kernschmelze

Die Geschichte von Santa Susana reicht bis in die frühe Nachkriegszeit zurück. Zwischen 1949 und 2006 wurden dort Raketentriebwerke getestet. Von 1953 bis 1980 liefen außerdem mehrere Kernreaktoren. Dabei gelangten radioaktive Stoffe und Chemikalien in Boden und Grundwasser.

1959 kam es in einem Reaktor zu einer partiellen Kernschmelze. Die Forscher bezeichnen das Ereignis als schwersten Atomunfall dieser Art in der Geschichte der USA. Dabei wurden Bereiche innerhalb und außerhalb des Geländes kontaminiert. Seit 2007 erfüllt Santa Susana grundsätzlich die Voraussetzungen für das staatliche Superfund-Programm, steht aber bis heute nicht auf der nationalen Prioritätenliste. Die Sanierung liegt deshalb weiterhin vor allem bei Behörden des Bundesstaates und der Region.

Was die Studie über die Ursache noch nicht sagen kann

Gesundheitsuntersuchungen aus vergangenen Jahrzehnten ergaben für die meisten untersuchten Krebsarten keinen klaren Anstieg. Hinweise gab es jedoch bei Blasen-, Blut- und Schilddrüsenkrebs, die teilweise häufiger bei Menschen näher am Gelände auftraten.

Für die aktuell berichteten Autoimmun-, Stoffwechsel- und Hormonerkrankungen bleibt die Ursache offen. Die Diagnosen beruhen auf Angaben der Befragten, die Gesundheit wurde nur zu einem Zeitpunkt erfasst, und individuelle Belastungen durch radioaktive oder chemische Stoffe wurden nicht gemessen. Auch andere Einflussfaktoren lassen sich nicht vollständig ausschließen. Für belastbare Aussagen wären daher langfristige Untersuchungen mit ärztlich bestätigten Diagnosen und persönlichen Expositionsdaten nötig.

Kurz zusammengefasst:

Rund um das Santa Susana Field Laboratory berichten Menschen in unmittelbarer Nähe häufiger von Autoimmun-, Stoffwechsel- und Hormonstörungen als weiter entfernt lebende Anwohner.

Die Untersuchung mit 475 Befragten kann keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Altlasten des Geländes und den Erkrankungen belegen.

Schutzmaßnahmen hängen bei den überwiegend wohlhabenden Bewohnern vor allem mit wahrgenommener Gefahr und Gesundheitsangst zusammen.

Von Anne Bajrica

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