Auch in Deutschland: Renditen von Staatsanleihen erreichen Höchststände
Steigende Ölpreise und wachsende Schuldenberge setzen die Anleihemärkte unter Druck. Für Staaten verteuert sich damit die Finanzierung - und die Probleme für Finanzminister Klingbeil könnten wachsen. Für Staaten wird es weltweit immer teurer, neue Schulden aufzunehmen. An den wichtigsten Anleihemärkten sind die Renditen auf den höchsten Stand seit Jahren oder sogar Jahrzehnten gestiegen. Hintergrund sind Inflationssorgen, die hohen Schulden vieler Staaten und der wachsende Finanzierungsbedarf für Investitionen in Künstliche Intelligenz. In den USA, dem wichtigsten Anleihemarkt der Welt, erreichte die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen mit 5,321 Prozent den höchsten Stand seit 2007. In Deutschland kletterte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf 3,248 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2011. In Japan näherten sich die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen der Marke von drei Prozent – so hoch waren sie seit rund drei Jahrzehnten nicht mehr. Auch in Frankreich zogen die Renditen deutlich an. Die Rendite 30-jähriger französischer Staatsanleihen stieg auf 4,9 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2008. Kjersti Haugland, Chefvolkswirtin der Investmentbank DNB Carnegie, sieht die Anleihemärkte deshalb am Beginn einer neuen Ära. Die lange Phase niedriger Zinsen und vergleichsweise niedriger Inflation nach der globalen Finanzkrise von 2008 gehe zu Ende. Dies treffe auf eine Zeit, in der die Staatsverschuldung vieler Länder bereits sehr hoch sei – insbesondere in Japan, den USA, Frankreich und Großbritannien. Der unmittelbare Auslöser für den jüngsten Renditeanstieg ist die Angst vor einer weiteren Eskalation des Konflikts im Nahen Osten. Investoren befürchten, dass ein längerer Krieg die Energiepreise hochhalten und damit den Inflationsdruck verstärken könnte. Das wiederum könnte die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank dazu veranlassen, die Zinsen länger hoch zu halten oder weiter anzuheben. "Es ist nicht nur das Öl" Für den Anleihemarkt ist das von großer Bedeutung. Bei höherer Inflation verlieren die festen Zinszahlungen bereits ausgegebener Anleihen real an Wert. Gleichzeitig werden ältere Papiere weniger attraktiv, wenn neu ausgegebene Anleihen höhere Zinsen bieten. Die Kurse bestehender Anleihen geraten dadurch unter Druck - und ihre Renditen steigen. Staaten müssen bei neuen Anleihen wiederum höhere Zinsen bieten, um Investoren anzulocken. Zusätzlicher Inflationsdruck könnte auch von Extremwetter und daraus resultierenden Lieferproblemen ausgehen. Benjamin Schroeder von der Großbank ING verwies etwa auf Lieferkettenunterbrechungen in Deutschland infolge extrem niedriger Wasserstände auf dem Rhein. "Es ist nicht nur das Öl, auf das die Leute schauen, sondern es gibt ein breiteres Inflationsbild, das die EZB auf einem restriktiven Kurs hält", sagte er. Der Renditeanstieg wirkt sich weit über die Staatsfinanzen hinaus aus. Staatsanleihen dienen als wichtiger Referenzwert für die Finanzierungskosten von Unternehmen und Immobilien. Steigen ihre Renditen, verteuern sich häufig auch Kredite für Firmen und private Haushalte. Das erschwert Investitionen und kann das Wirtschaftswachstum bremsen. Besonders aufmerksam beobachten Investoren deshalb die zehnjährigen US-Staatsanleihen. Ihre Rendite liegt aktuell bei 4,74 Prozent und nähert sich damit der Marke von fünf Prozent. "Dies wird nicht nur für die Anleihemärkte, sondern auch für andere Finanzanlagen sehr wichtig sein, da jeder Ausbruch nach oben wahrscheinlich das Vertrauen untergraben wird", sagte Guy Miller, Chef-Marktstratege beim Versicherer Zurich. Neben den Inflationssorgen belastet vor allem der weltweit steigende Schuldenberg der Staaten die Anleihemärkte. "Das ist eher eine beständig schwelende Sorge, die immer wieder hochkochen kann", sagte Analyst Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. Anleger verlangten deshalb für Staatsanleihen mit langen Laufzeiten eine höhere Risikoprämie. "Die Märkte fordern eindeutig eine höhere Entschädigung für die Kapitalbindung über sehr lange Zeiträume", erklärte DNB-Carnegie-Chefökonomin Haugland. Schlechte Nachrichten für Klingbeil Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Große US-Technologiekonzerne nehmen enorme Summen am Anleihemarkt auf, um ihre Investitionen in Künstliche Intelligenz zu finanzieren. Damit konkurrieren sie mit Staaten um das Kapital der Investoren. Das zusätzliche Angebot an Anleihen trägt vor allem in den USA zum Renditeanstieg bei. "Die hiermit verbundene Wirkung kann allerdings auch auf Europa ausstrahlen", sagte Völker. Für Finanzminister Lars Klingbeil sind steigende Renditen eine schlechte Nachricht. Sie verteuern langfristig die Aufnahme neuer Schulden und können damit den Spielraum für andere Staatsausgaben wie Investitionen oder Sozialleistungen einschränken. Kurzfristig bleiben die Mehrkosten nach Einschätzung von Experten überschaubar, weil nicht der gesamte Schuldenbestand auf einmal refinanziert werden muss. Je länger die Zinsen jedoch auf hohem Niveau bleiben, desto stärker schlagen sie auf den Haushalt durch. Die Gesamtverschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden in Deutschland steuert auf vier Billionen Euro zu, warnte Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung bereits vor Monaten. Bei dauerhaft hohen Zinsen könnten die jährlichen Zinskosten auf 120 bis 150 Milliarden Euro steigen. Damit droht ein problematischer Kreislauf: Höhere Zinsen verteuern die Finanzierung der Schulden. Steigende Zinsausgaben verschärfen wiederum die Sorgen über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen – und können dazu führen, dass Investoren noch höhere Renditen verlangen.