Aufälligkeit im Orion: Beteigeuze verliert erneut an Helligkeit
Der Rote Überriese Beteigeuze (Alpha Orionis, α Ori) im Sternbild Orion sorgt erneut für Aufsehen. Nachdem der Stern während der »Großen Verdunkelung« (englisch: Great Dimming) in den Jahren 2019 und 2020 ein historisches Helligkeitsminimum erreichte, deutet die aktuelle Entwicklung auf einen erneuten, außergewöhnlichen Helligkeitseinbruch hin. Wie ein Forschungsteam um Daniel Jadlovsky von der Masaryk University in Brünn im »Astronomer’s Telegram« berichtet, nahm die Helligkeit im visuellen Spektralbereich von Beteigeuze zwischen August und Oktober 2026 von 0,5 mag auf 0,95 mag ab (siehe »Auf Talfahrt«). Steht Beteigeuze also erneut eine außergewöhnliche Verdunkelung bevor?
Während des Ereignisses 2019/2020 wurde Beteigeuze innerhalb weniger Monate so lichtschwach, wie es noch nie zuvor dokumentiert wurde. Im Februar 2020 erreichte er nur noch etwa 1,6 mag. Damit verlor er zeitweise seinen angestammten Platz als klarer, zweithellster Stern im Orion nach Rigel (Beta Orionis, β Ori, 0,12 mag, ebenfalls variabel) und erschien nur noch etwa so hell wie Bellatrix (Gamma Orionis, γ Ori, 1,64 mag) oder die hellen Gürtelsterne. Das Ereignis konnte damals auf eine gewaltige Materieeruption zurückgeführt werden: Ausgestoßenes Material kühlte sich ab, bildete Staub und schirmte einen großen Teil des Sternenlichts ab. Die Folgen dieses Ausbruchs lassen sich bis heute beobachten.
Die aktuellen Messungen der Gruppe um Jadlovsky offenbaren deutliche Veränderungen in der Bewegung dieser einzelnen Regionen. Offenbar stürzen die innersten Schichten der Atmosphäre seit August 2026 mit zunehmender Geschwindigkeit nach innen, während die äußerste langsam an Fahrt aufnimmt. Bis zum 20. September 2026 hat sich zwischen dem innersten und äußersten Bereich der Atmosphäre ein Geschwindigkeitsgradient von etwa –5,5 Kilometern pro Sekunde aufgebaut. Ein vergleichbar ausgeprägter Unterschied konnte seit Messbeginn nur während der Großen Verdunkelung beobachtet werden. Damals erreichte der Gradient etwa –7 Kilometer pro Sekunde.
Mögliches Helligkeitsminimum im November 2026
Der zeitliche Versatz zwischen dem Einfallen der inneren und äußeren Atmosphärenschichten von rund zwei Monaten entspricht in etwa dem Muster aus den Jahren 2019 und 2020. Die Gruppe rechnet daher mit einer weiteren Zunahme des Geschwindigkeitsgradienten und einer Verringerung der Helligkeit des Riesensterns. Sollte sich die Entwicklung ähnlich zum Ereignis vor sechs Jahren fortsetzen, könnte Beteigeuze bereits im November 2026 ein neues Helligkeitsminimum erreichen. Als gesichert gilt das allerdings noch nicht; Hinweise auf einen erneuten Ausstoß einer Gaswolke gibt es derzeit nicht.
Steht eine Supernova bevor?
Die jüngsten Veränderungen in der Helligkeit von Beteigeuze können jedoch sehr wahrscheinlich nicht als Indiz für eine bevorstehende Supernova vom Typ II gewertet werden. Denkbar ist vielmehr, dass der Stern erneut große Mengen Materie ins All schleudert, wie es beim Great Dimming der Fall war. Und selbst wenn er explodieren würde, ist Beteigeuze zum Glück weit genug entfernt, dass er der Erde nicht gefährlich werden könnte. Für die Astronomie würde dieser Fall aber bedeuten, dass mit Aufgehen des Riesensterns am Himmel die Beobachtungen stark beeinträchtigt wären. Man erwartet, dass die Sternexplosion von Beteigeuze eine scheinbare Helligkeit zwischen derjenigen von Mond und Venus haben wird.
Für die Gravitationswellenforschung dagegen wäre es ein willkommenes Geschenk. In unserer Galaxis wurde seit rund 400 Jahren keine Supernova mehr beobachtet. Und zudem war es bislang nicht gelungen, Gravitationswellen von einer Kernkollaps-Supernova zu detektieren. Sie hätten eine vollkommen andere Wellenform als die bislang gemessenen Gravitationswellen verschmelzender kompakter Sternreste. Die wissenschaftliche Gemeinschaft wartet daher gespannt auf eine solche Gelegenheit.