Ausbau der Stromnetze: Nord-Süd-Leitungen um Jahre im Verzug
Stand: 15.10.2026 06:00 Uhr
Der Bau neuer Stromautobahnen von Nord nach Süd dauert länger als geplant. Deshalb kann Strom aus Wind und Sonne teilweise nicht genutzt werden. Daten der Bundesnetzagentur zeigen, wie es beim Netzausbau vorangeht.
von Lalon Sander und Frauke Reyer
Diese jahrelange Verzögerung bei den großen Nord-Süd-Verbindungen im Stromnetz hat bereits mehrere Milliarden Euro an zusätzlichen Kosten für Stromkunden verursacht. Der Ausbau von insgesamt fast 17.000 Kilometern Stromleitungen wird frühestens in den 2030er Jahren abgeschlossen sein.
Der Windstrom muss von Norden nach Süden
Früher, in Zeiten von Kohle- und Atomkraftwerken, konnte der Strom einfach dort erzeugt werden, wo die energieintensive Industrie ihn brauchte. Doch heutzutage, auf dem Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2045, wird der Strom meist dort erzeugt, wo viel Wind weht oder die Sonne häufig scheint.
Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erzeugten 2025 jeweils mehr Strom aus Wind und Sonne, als sie selbst verbrauchten. Der Strom aus Windkraftanlagen auf See ist dabei nicht mitgerechnet. Die südlichen Bundesländer hingegen - vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Hessen - sind auf Stromimporte aus dem Norden und Osten angewiesen, insbesondere seit im Frühjahr 2023 auch die letzten Atomkraftwerke vom Netz gegangen sind.
Schon 2022 sollten vier große Stromautobahnen fertig sein
Um die süddeutschen Industriestandorte mit Strom zu versorgen, sollte Windenergie aus Norddeutschland und aus der Offshore-Erzeugung dorthin transportiert werden. Dafür wurden vier Hochspannungsleitungen von den Übertragungsnetzbetreibern geplant und 2013 von der Bundesregierung im Bundesbedarfsplanungsgesetz beschlossen.
Diese Hochspannungsleitungen mit einer Kapazität von zehn Gigawatt sollten spätestens im Jahr 2022 den Strom ohne große Verluste nach Süddeutschland transportieren. Doch alle sind inzwischen mehrere Jahre in Verzug.
Wann die Leitungen fertig werden
Erst 2025 waren diese vier Stromautobahnen vollständig genehmigt - da hätten sie eigentlich schon seit drei bis acht Jahren in Betrieb sein sollen:
A-Nord: Sollte ursprünglich 2020 in Betrieb gehen, wird aber erst Mitte 2027 fertig.
Ultranet: Sollte ursprünglich 2017 in Betrieb gehen, wird aber erst Ende 2026 fertig.
SuedLink: Die beiden Leitungen sollten ursprünglich 2019 beziehungsweise 2022 in Betrieb gehen, werden aber erst Ende 2028 fertig.
SuedOstLink: Sollte ursprünglich 2022 in Betrieb gehen, wird aber erst 2027 fertig. Die ursprüngliche Planung sah eine etwas andere Streckenführung vor. Die deutlich später ergänzte Verlängerung soll ab 2032 in Betrieb gehen.
Insgesamt besteht der Ausbau der Übertragungsstromnetze inzwischen aus mehr als 100 einzelnen Bauprojekten, die meisten wurden verspätet fertiggestellt oder sind im Verzug - teilweise um mehr als zehn Jahre.
Planänderung: Erdkabel statt Freileitungen
Es gibt zahlreiche Gründe für die Verzögerungen: Die Pläne, Freileitungen an Strommasten zu verlegen, wurden 2015 von der Bundesregierung geändert, obwohl Freileitungen beim Bau von solchen so genannten Stromautobahnen "der absolute Status quo sind, weil sie günstig und effizient sind", sagt Kathrin Goldammer, wissenschaftliche Leiterin des gemeinnützigen Reiner Lemoine Instituts für erneuerbare Energien.
Mit Rücksicht auf die Landtagswahl in Bayern sei mit Kabeln in der Erde neu geplant worden, um Protest gegen Freileitungen und Strommasten zu vermeiden. "Wir haben damit Aufwand und Kosten massiv erhöht und müssen das jetzt abarbeiten", so Kathrin Goldammer, und dies laufe derzeit auch gar nicht so schlecht.
Lange Genehmigungszeiten
Die früher oft sehr langwierigen und komplizierten Genehmigungsverfahren für den Netzausbau sind nach Ansicht von Kathrin Goldammer unter dem ehemaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck deutlich beschleunigt worden – unter anderem, weil das überragende öffentliche Interesse auf die Hochspannungsnetze ausgeweitet wurde. Jedoch fehle es häufig an Trafos und Kabeln, weil überall auf der Welt Stromnetze ausgebaut werden, sagt Goldammer. Und in Deutschland mangele es an Nachwuchs im Bereich Elektrotechnik.
In den nächsten Jahren werden viele Stromleitungen fertig
Inzwischen hat sich die Lage aber geändert und viele Projekte sind zwar verspätet, aber auf der Zielgeraden: Pläne sind erstellt und genehmigt worden und die Bauarbeiten laufen. Für SuedLink wurde im Sommer der Tunnel unter der Elbe fertiggestellt, und beim Projekt A-Nord wurden die ersten Kabel in die Rohre eingezogen.
Hohe Kosten durch verzögerten Netzausbau
Derzeit fehlen die großen Nord-Süd-Stromautobahnen aber noch. Wenn viel Wind weht und die Sonne scheint, müssen die Netzbetreiber einzelne Windkraft- und Solaranlagen abschalten lassen, damit das Stromnetz nicht überlastet wird. Für den entgangenen Gewinn wird eine Entschädigung gezahlt, die über die Netzentgelte auf alle Stromkunden umgelegt wird. Zusätzlich beteiligt sich der Staat an den Kosten.
Fast 9,4 Terawattstunden an erneuerbarem Strom konnten im vergangenen Jahr nicht eingespeist werden - das sind etwa vier Prozent der erneuerbaren Erzeugung. Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen aber einen positiven Trend: Verglichen mit dem Jahr 2023 musste in den vergangenen beiden Jahren weniger Strom aus Erneuerbaren abgeregelt werden.
Mehr als vier Milliarden an Zusatzkosten seit 2022
Wären die vier großen Stromleitungen von Nord- nach Süddeutschland bis 2022 fertig gewesen, dann hätten in den vergangenen drei Jahren jährlich mindestens 1,4 Milliarden Euro an Kosten vermieden werden können, schätzt Arne Lilienkamp vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Uni Köln.