Auswertung enthüllt das Ausmaß der Mittelstands-Krise
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Jedes dritte Unternehmen hochverschuldet: Creditreform enthüllt das wahre Ausmaß der Mittelstands-Krise
Von: Lennart Niklas Johansson Schwenck
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In Deutschland steigen die Firmenpleiten auf Rekordniveau. Jedes dritte Unternehmen hat kaum Eigenkapital. Investitionen erreichen ein 20-Jahres-Tief.
Berlin – Was Verbraucher an der Tankstelle oder beim Einkaufen als lästigen Preisanstieg erleben, bringt viele Unternehmen an den Rand des Ruins. Während Privathaushalte höhere Kosten meist noch abfedern können, reicht bei immer mehr Firmen die Substanz nicht mehr aus. So meldeten in Deutschland im ersten Halbjahr 2026 so viele Unternehmen Insolvenz an wie seit 2013 nicht mehr.
Das geht aus einer aktuellen Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor, die sich auf Daten des Statistischen Bundesamts stützt. Schon die Zahlen der vergangenen Monate hatten auf diese Entwicklung hingedeutet. Nach Angaben von Destatis registrierten die deutschen Amtsgerichte allein im April 2026 insgesamt 2276 beantragte Unternehmensinsolvenzen, ein Anstieg von 7,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle zählte für das zweite Quartal 4996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, nach eigenen Angaben der höchste Wert seit dem zweiten Quartal 2005.
Jedes dritte Unternehmen fast ohne Eigenkapitalpuffer
Die neue Creditreform-Auswertung liefert nun eine Erklärung dafür, warum sich diese Pleitewelle offenbar fortsetzt. Jedes dritte kleine und mittlere Unternehmen weist demnach eine Eigenkapitalquote von weniger als zehn Prozent aus, ist also zu mindestens 90 Prozent schuldenfinanziert. Die Sparkassen in Deutschland stufen solche Fälle als riskant ein. „Die Eigenkapitalquote ist ein wichtiger Indikator für die finanzielle Gesundheit eines Unternehmens“, heißt es auf deren zentraler Homepage. Unterhalb von zehn Prozent sei laut Faustregel die finanzielle Stabilität gefährdet.
Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform, sieht in dieser Eigenkapitalschwäche einen der Treiber hinter den steigenden Insolvenzzahlen: „Der Mittelstand wartet weiter auf den Aufschwung“, sagt er. Deutschland lebe derzeit von der Hoffnung, „in der Realität der allermeisten Unternehmen aber sind die Belastungen weiterhin zu hoch und die Insolvenzzahlen steigen“. Besserung sei kaum in Sicht, denn die Erträge fielen wegen gestiegener Kosten mager aus, wodurch die Unternehmen kaum Eigenkapital aufbauen könnten.
Kränkelnde Wirtschaftsleistung: Verkehr, Gastgewerbe und Bau besonders betroffen
Welche Branchen die dünne Eigenkapitaldecke am stärksten zu spüren bekommen, zeigt die amtliche Insolvenzstatistik. Bezogen auf je 10.000 Unternehmen verzeichnete der Bereich Verkehr und Lagerei nach Angaben von Destatis mit 43,9 Fällen bis einschließlich April 2026 die höchste Insolvenzhäufigkeit, gefolgt vom Gastgewerbe mit 41,2 und dem Baugewerbe mit 35,6 Fällen. Gestiegene Kraftstoffkosten und sinkende Margen setzen der Transportbranche zu, während Hotels, Restaurants und Cafés seit Jahren mit hohen Energie- und Lebensmittelkosten kämpfen, nachdem viele Betriebe ohne das Sicherheitsnetz der früheren Pandemiehilfen auskommen müssen.
Aber auch jenseits dieser drei Sektoren mehren sich die Warnsignale. In der Photovoltaikbranche steigen die Insolvenzen seit Anfang 2026 rasant, hohe Produktionskosten und der Preisverfall durch günstige Importe setzen vor allem kleinere Installationsbetriebe unter Zugzwang. Namhafte Unternehmen wie Meyer Burger haben ihre deutschen Tochtergesellschaften bereits in die Insolvenz geführt. Ähnlich angespannt ist die Lage in der Brauwirtschaft, wo laut dem Deutschen Brauer-Bund in den vergangenen sechs Jahren bis April 2026 insgesamt 137 Betriebe aufgeben mussten, darunter zuletzt die Aktienbrauerei Kaufbeuren mit einer Firmengeschichte bis ins Jahr 1308.
Investitionsstau bremst den gesamten Standort
Wie ernst die Lage ist, zeigen auch die Investitionszahlen der Analyse. Nur noch 37,3 Prozent der 1200 von Creditreform befragten Mittelständler planen aktuell ein Investment, deutlich weniger als die 43,5 Prozent im Vorjahr und der niedrigste Stand der vergangenen 20 Jahre. Besonders zurückhaltend zeigt sich das Baugewerbe mit kaum 27 Prozent, gefolgt vom Handel mit 31 Prozent. Zur Begründung heißt es in der Creditreform-Analyse, die finanziellen Spielräume vieler Unternehmen seien nach den Belastungen der vergangenen Jahre begrenzt, während die Finanzierungskosten gestiegen seien. Hinzu komme die anhaltende Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung.
Von den verbliebenen Investitionswilligen setzt die Mehrheit auf Ersatzinvestitionen, deren Anteil mit 52,8 Prozent allerdings zehn Prozentpunkte niedriger liegt als im Vorjahr. Erweiterungen folgen an zweiter Stelle, Rationalisierungen an dritter. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln kommt in einer eigenen Studie zu einem ähnlichen Befund. „Aus eigener Kraft schafft die gesamte Privatwirtschaft derzeit kein Wachstum mehr“, heißt es dort. Wachstumsimpulse kämen derzeit nur noch durch Staatskonsum und staatliche Investitionen, was für eine freie Marktwirtschaft weder normal noch nachhaltig sei, zumal diese Impulse mit höherer Staatsverschuldung erkauft würden.
IW-Konjunkturchef Michael Grömling hält es grundsätzlich für richtig, dass der Staat seinen Investitionsstau auflöst. Das milliardenschwere Sondervermögen für Infrastruktur sei aber „nur zu rechtfertigen, wenn es Hand in Hand mit Strukturreformen geht“, so Grömling. Da bleibe die Bundesregierung vieles schuldig, denn die Produktivität am Standort stehe aktuell in keinem guten Verhältnis zu den hohen Kosten für Arbeit, Energie und Bürokratie.
Erste zarte Erholungssignale trüben das Gesamtbild kaum
Dabei gibt es durchaus einzelne Lichtblicke. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal 2026 dank höherer Exporte um 0,3 Prozent, nachdem zuvor nur 0,2 Prozent erwartet worden waren, das dritte Quartal in Serie mit einem Plus. Mehrere Stimmungsindikatoren hätten sich zuletzt aufgehellt, so Creditreform. „Aber auch wenn die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr insgesamt wieder leicht wachsen dürfte, ist es noch ein langer Weg zurück zu alter Stärke“, ordnet Hantzsch ein. Insbesondere die hohen Energiepreise und die schwache private Nachfrage dämpften den Optimismus im Mittelstand weiterhin.
Bei den Auftragseingängen ist bislang nur eine verhaltene Belebung erkennbar, 20,2 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen melden Zuwächse, während 26,4 Prozent Rückgänge verzeichnen. Auch bei den Umsätzen fehlt eine klare Trendwende, 26,4 Prozent konnten Steigerungen verbuchen, ebenso viele mussten Rückgänge hinnehmen, wobei die höheren Erlöse laut Creditreform vor allem auf Preissteigerungen zurückgehen und nicht auf höhere Absatzmengen.
Beschäftigung im Mittelstand stagniert seit drei Jahren
Die angespannte Wirtschaftslage nach der Corona-Pandemie, zusätzlich zum Preisdumping durch die KI-Trendwende, schlägt zunehmend auch auf den Arbeitsmarkt durch. Seit mittlerweile drei Jahren werden im Mittelstand per Saldo keine zusätzlichen Stellen mehr geschaffen. Zuletzt vergrößerten 14,5 Prozent der Betriebe ihre Belegschaft, 18,6 Prozent bauten dagegen Personal ab. Als Hauptgründe nennen die Unternehmen die anhaltend schwache Auftragslage, Umstrukturierungen und fehlenden Ersatz für ausscheidende Mitarbeiter. Der Fachkräftemangel bleibe zwar ein Faktor, hat aber an Bedeutung verloren.
Für die kommenden Monate rechnet Creditreform, trotz des nahenden Winters, mit keiner spürbaren Belebung am Arbeitsmarkt. Nur 16,4 Prozent der befragten Mittelständler planen zusätzliche Einstellungen, 12,4 Prozent wollen hingegen Personal abbauen. Welche Folgen die anhaltende Pleitewelle schon jetzt für Beschäftigte hat, zeigen übrigens auch die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Sie zahlte 2024 rund 1,6 Milliarden Euro Insolvenzgeld an Beschäftigte insolventer Firmen, nahezu das Niveau des Krisenjahres 2009. Für 2026 werden laut Insolvenzverwalter-Datenbank bis zu 1,8 Milliarden Euro erwartet. Gläubiger wiederum müssen sich bei abgeschlossenen Insolvenzverfahren mit durchschnittlich 3,9 Prozent ihrer Forderungen begnügen, bei reinen Unternehmensinsolvenzen mit 6,2 Prozent. (Quellen: Statistisches Bundesamt, Creditreform, Bundesagentur für Arbeit, IW Köln)(ls)