Bauchspeicheldrüsenkrebs: Neuer Bluttest weckt Hoffnung
Ein internationales Forschungsteam hat einen neuartigen Bluttest entwickelt, der Bauchspeicheldrüsenkrebs bereits in frühen Stadien aufspüren kann. Bis zum Einsatz in der klinischen Praxis ist es allerdings noch ein weiter Weg.
Kaum eine Krebserkrankung gilt als so tückisch wie das Pankreaskarzinom, besser bekannt als Bauchspeicheldrüsenkrebs. In den meisten Fällen bleibt der Tumor lange unbemerkt, weil er zunächst kaum Beschwerden verursacht.
Wenn er schließlich entdeckt wird, hat er sich häufig bereits auf andere Organe ausgebreitet. Rund 85 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnose. In Deutschland erhalten jedes Jahr etwa 20.000 Menschen die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, wie der Krebsinformationsdienst berichtet. In Österreich und der Schweiz sind es zwischen 1.500 und 2.000 Menschen pro Jahr.
Bauchspeicheldrüsenkrebs
Bauchspeicheldrüsenkrebs heißt fachsprachlich Pankreaskarzinom und ist eine bösartige Tumorerkrankung der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Die Bauchspeicheldrüse besteht aus zwei Gewebearten: exokrinem Gewebe (bildet Verdauungssäfte, die über Pankreasgänge in den Darm gelangen) und endokrinem Gewebe (produziert Hormone wie Insulin und Glucagon zur Regulierung des Blutzuckerspiegels).
Bei etwa 95 von 100 Betroffenen entsteht der Krebs im exokrinen Gewebe, bei etwa 5 von 100 Betroffenen entsteht der Tumor im endokrinen Gewebe.
Ein neues Testverfahren macht nun Hoffnung: Eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung des "City of Hope"-Krebsforschungszentrums in Los Angeles hat einen Bluttest namens PANXEON entwickelt, der das Pankreaskarzinom bereits im Frühstadium identifizieren soll. Die Ergebnisse der Studie mit knapp 1.800 Teilnehmenden aus vier Ländern wurden im Fachmagazin "Nature Medicine" veröffentlicht.
Test kombiniert drei Marker
Das Besondere an PANXEON: Der Test fahndet nicht nach einem einzelnen Hinweis auf Krebs, sondern kombiniert drei verschiedene biologische Signale. Konkret analysiert er zirkulierende Mikro-RNAs, Mikro-RNAs in winzigen Zellbläschen – sogenannten Exosomen – sowie das Protein CA19-9, einen bereits bekannten, aber allein zu ungenauen Tumormarker. Ein Algorithmus auf Basis Künstlicher Intelligenz verrechnet sämtliche Messwerte zu einem Risikowert, wie aus einer Pressemitteilung zur Studie hervorgeht.
"Die meisten Biomarker erzählen nur einen Teil der Geschichte. Durch die Kombination mehrerer biologischer Signale erhalten wir ein klareres Bild davon, was in der Bauchspeicheldrüse vor sich gehen könnte", erklärt Studienleiter Ajay Goel.
Die Resultate der internationalen Studie fielen vielversprechend aus: PANXEON identifizierte Bauchspeicheldrüsenkrebs im Stadium I und II mit einer Trefferquote von 86,8 Prozent korrekt, wie aus der veröffentlichten Arbeit hervorgeht. Bei Personen ohne erhöhtes Krebsrisiko lag die Rate falscher Alarme bei lediglich 3,2 Prozent.
Zu hohe Falsch-Positiv-Rate ist noch eine Einschränkung
Allerdings schlug der Test bei Hochrisiko-Patienten – also Menschen mit familiärer Vorbelastung oder bestimmten Vorerkrankungen – deutlich häufiger ohne tatsächlichen Krebsbefund an: Die Falsch-Positiv-Rate betrug dort fast 16 Prozent.
Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm, der nicht an der Studie beteiligt war, sieht darin eine wesentliche Einschränkung. Solange die Quote falscher Treffer so hoch ausfalle, blieben herkömmliche Untersuchungsmethoden wie MRT oder endoskopischer Ultraschall unverzichtbar, sagt er der "Tagesschau". Dennoch bewertete Seufferlein die Arbeit als bedeutenden Fortschritt: "Das ist wirklich eine spannende Studie, die die Biomarkerforschung deutlich beflügeln wird."
Bemerkenswert ist zudem, dass PANXEON auch hochgradige Dysplasien, also fortgeschrittene Krebsvorstufen, in über 64 Prozent der Fälle aufspürte. Das könnte Medizinern künftig dabei helfen, gefährliche Veränderungen der Bauchspeicheldrüse noch vor der eigentlichen Krebsentstehung zu erkennen.
Für wen der Test gedacht ist
Der Test zielt nicht auf ein flächendeckendes Screening der Allgemeinbevölkerung ab. Vielmehr könnte er bei Personen mit deutlich erhöhtem Erkrankungsrisiko zum Einsatz kommen, etwa bei familiärer Vorbelastung, bestimmten Genveränderungen wie einer BRCA2-Mutation, chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung oder auffälligen Pankreaszysten.
Bislang existiert für die breite Bevölkerung keine empfohlene Früherkennungsuntersuchung für Bauchspeicheldrüsenkrebs. Für Hochrisikogruppen stehen derzeit Magnetresonanztomographie und endoskopischer Ultraschall zur Verfügung – Verfahren, die jedoch aufwendig und kostspielig sind.
Ein zuverlässiger Bluttest könnte diese bestehenden Methoden sinnvoll ergänzen und dabei helfen, diejenigen Patienten herauszufiltern, die weiterführende Untersuchungen benötigen. "Je früher wir Bauchspeicheldrüsenkrebs entdecken, desto größer ist die Chance, dass eine sinnvolle Behandlung noch möglich ist", betont Studienleiter Ajay Goel.
Bis der Test tatsächlich in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann, dürften allerdings noch Jahre vergehen. Weitere groß angelegte prospektive Studien müssten zunächst belegen, dass PANXEON hält, was die ersten Ergebnisse versprechen – das räumten auch die Studienautoren selbst ein, wie die "Tagesschau" berichtet.
Auch bei der Behandlung tut sich etwas
Parallel zur Diagnostik gibt es auch bei der Therapie Fortschritte. In den USA erhielt kürzlich der Wirkstoff Daraxonrasib eine Zulassung für die Behandlung von metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es handelt sich um einen sogenannten RAS-Inhibitor, der ein Protein hemmt, das in rund 90 Prozent aller Pankreastumoren verändert ist und deren Wachstum antreibt.
"Das ist die erste Therapie, die wirklich an einer Schlüsselstelle angreift", sagt Dieter Saur vom Institut für Experimentelle Tumortherapie der Technischen Universität München der "Tagesschau". Bislang stehe Ärzten lediglich die Chemotherapie zur Verfügung, die auch gesundes Gewebe schädige.
Doch auch Daraxonrasib hat Grenzen: Bei etwa der Hälfte der Erkrankten erweist sich der Tumor als resistent gegen den Wirkstoff. Und selbst bei geeigneten Tumoren lässt die Wirkung nach einigen Monaten nach, da sich Resistenzen entwickeln.
Bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA ist die Zulassung beantragt – Saur rechnet mit einer Genehmigung innerhalb weniger Monate. Er warnt Betroffene jedoch davor, auf das neue Medikament zu warten und laufende Therapien abzubrechen: "Das Pankreaskarzinom schreitet dann so schnell fort, dass man das wahrscheinlich nicht erleben wird."
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PANXEON ist nicht der einzige vielversprechende Ansatz in der sogenannten Liquid-Biopsy-Forschung. Auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart verfolgen gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Erlangen einen innovativen Weg: Ihr Verfahren analysiert Methylierungsmuster in zellfreier DNA aus dem Blut und konnte in einer ersten Studie nicht nur Bauchspeicheldrüsenkrebs, sondern auch dessen Vorstufen sowie weitere Krebsarten des Magen-Darm-Trakts identifizieren, wie die "Nationale Dekade gegen Krebs" berichtet. Eine multizentrische Folgestudie befindet sich derzeit in Vorbereitung. (red)