Bauerntheater für die Gen Z? Caroline Wahls Roman „1999 Meter über dem Meer"
„Ich fahre nicht gut Auto, aber dafür schnell“: Das könnte aus einem Didi-Hallervorden-Sketch sein, aber es ist ein Ausspruch der Bestsellerautorin Caroline Wahl, mit dem sie ihr schon seit einiger Zeit kultiviertes Motto „Keine falsche Bescheidenheit“ ergänzt. Sie gönnt sich was. Und ist inzwischen auch, Buch-Bestseller hin oder her, Botschafterin für einen bekannten Autohersteller.
Schon der zitierte Spruch mag angesichts sich häufender krasser Raserunfälle irritierend wirken, erst recht, wenn man wie die „Stuttgarter Zeitung“ miteinbezieht, dass der besagte Hersteller auch ein „Rennauto mit Straßenzulassung“ bewirbt – aber Caroline Wahl legt noch einen drauf. Die Protagonistin in ihrem neuen Roman denkt, autofahrend an einem Abgrund: „Sie könnte das Lenkrad ein bisschen nach rechts lenken und ihr Cabrio flöge wie ein kleines Spielzeugauto runter. Beunruhigend. Überwältigend. Vielleicht auch schön.“ Das ist modernes Erhabenheitsgefühl!
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An Baukastenpersonal mangelt es nicht
Hört man Wahl zu, wie sie im Bayerischen Rundfunk über das neue Werk spricht, klingt es viel bodenständiger. Angesprochen darauf, dass ihre Hauptfigur sich deutlich von vorherigen dem Wasser zugetanen, etwa aus dem sehr erfolgreichen Buch „22 Bahnen“, unterscheide, sagt die Autorin: „Ich dachte, ich kann jetzt nicht immer dieselbe Geschichte erzählen, jetzt muss mal eine Protagonistin herkommen, die das Meer richtig scheiße findet und schwimmen gar nicht mag, lieber die Berge – und hier ist sie.“
Immerhin ehrlich, könnte man sagen: So entstehen Bücher aus dem Baukasten. Das verwundert auch deshalb nicht, weil Wahl ein Buch pro Jahr veröffentlicht, nunmehr schon das vierte, und bekannt hat, sie möchte möglichst lange so weitermachen. An Baukastenpersonal mangelt es bei ihr nicht, und das jüngste Bastelprodukt heißt Samara. Sie hat Migrationshintergrund, gerade ihr Studium abgeschlossen und soll als Junior-PR-Beraterin in Berlin ihre erste Stelle antreten. Aber vorher muss noch ein bisschen gelebt werden auf Bali, und dann, konfrontiert mit der Scheinwelt der Beauty-Influencer, denen sie Reichweite verschaffen soll, ergreift sie der Weltekel. Samara bricht aus – mit dem Cabrio, das ihr Mechaniker-Vater ihr zum Abschied auf den Hof gestellt hat. („Baba: Ist Automatik. Jeder Idiot kann Automatik fahren. Mama: Zeig ihr das mit dem Dach.“)
Drogen immer schwierig, aber die Richtung gefällt mir
Es beginnt eine Reise, deren Fabel immer steiler wird und in die Alpen führt, daher der Titel „1999 Meter über dem Meer“. Das Buch erscheint am Freitag bei Rowohlt. Wer will, sieht darin viele Traditionen fortgesetzt, etwa des Abenteuer- und Entwicklungsromans, freilich ironisch gebrochen. Die Hauptfigur leidet an einer Angststörung, die sie überspielt. So wird daraus auch noch eine Hochstaplergeschichte. Denn Samara ist eine notorische Lügnerin, die manchmal aus dem Moment heraus ihr Leben erfindet. Aus einem Digital-Detox-Anfall und einem Faible fürs Fotografieren keimt ihr Plan, sich als analoge Fotokünstlerin darzustellen und damit die Galeristenszene in St. Moritz aufzumischen. Und, oh Wunder, es funktioniert.
Was man Caroline Wahl lassen muss: Sie hat ein Talent für komödiantische Dialoge. Das Kapitel in der Berliner Agentur ist wirklich unterhaltsam, auch in der Übertriebenheit der Marketing-Ideen („Ich: Vielleicht eine Techno-Ecke mit Microdosing. So entspannt auf der Dachterrasse den Abend ausfaden lassen. Ist natürlich heikel ... Sabine: Drogen immer schwierig, aber die Richtung gefällt mir“). Bis die Comedy dann zu trampelig wird in einer Wohngemeinschaft, die nach „Wasserschaden und Reformhaus“ riecht. Nach kurzer Erheiterung wird man gewahr, dass das ganze Buch in diesem Overdrive-Modus geschrieben ist, auch sein Hauptteil, der Samara in der Schweiz zwischen der Naturschönheit der hohen Berge und koksenden Aufschneidern in den besagten Abgrund schauen lässt („Überdosis Höhe quasi“).
Popliterarischer Subtext: Zwischen Kakao und Kracht
Aufgemotzt wird das alles noch durch einen popliterarischen Subtext, der gezielt Marken- und Autorennamen dropt, von Kakao bis zu Christian Kracht, außerdem Diskurse antippt, Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, Rechtsruck in der Schweiz, aber nie vertieft, und der Ansätze zur Kunstmarkt- und Mediensatire aufweist. Oder ganz kurz, aber wirklich nur ganz kurz, über „Transiträume“ philosophiert.
So entsteht die Prätention eines tiefsinnigen Kunstwerks, während aus den Zitaten und Anspielungen kaum etwas hervorgeht. Das macht den Roman zum Paradebeispiel eines von Umberto Eco geprägten, jüngst durch den Literaturwissenschaftler Moritz Baßler reaktivierten Begriffs: Midcult. Der richtet sich, so Baßler, an eine Leserschicht, „die keine Zeit hat, viel in literarisches Wissen zu investieren, aber dennoch durch ihre Lektüre an Hochkultur teilnehmen will“ – ein massenkompatibler Realismus, konsumierbar im Liegestuhl.
Außen hart, innen ganz weich
In der Flachheit steckt aber noch eine Spitze. Dass die Protagonistin nur außen hart, aber innen ganz weich ist, wirkt interessant in einer Gegenwart, in der Knallhärte und emotionales Desinteresse schon einer ganzen Generation zugeschrieben werden - siehe Artikel über den sogenannten „Gen-Z-Stare“, also den kalten Blick, oder auch zahlreiche Comedy-Videos zu diesem Phänomen.
Lieb gesagt: Caroline Wahl gelingt es, Trends, Stimmungen und Attitüden witzig zu verdichten. Bös gesagt: Das ist Bauerntheater für die Gen Z. Beziehungsweise: Bauerntheater über die Gen Z, mit weiterem Adressatenkreis. Was die Darstellung der Gegenwartsphänomene jenseits der Frage nach Tiefe angeht, ist es ja auch so: Boomer können aus dieser Lektüre sehr viel lernen.
Und freilich ermöglicht der Roman, dem Begriffe wie „road novel“ oder „Hochstaplerin“ überdeutlich eingeschrieben sind, auch eine Lesart, die das alles zu einer Parodie macht – somit auch einer Parodie des Midcults. Aber es wäre dann eine Parodie mit stellenweise äußerst schlichten Erkenntnissätzen, darunter: „Das Glück ist sehr zerbrechlich“, „Das Leben ist ungerecht“, und manchmal läuft es „wie in einem doofen Film“.