Baufreiheit für Polens erstes Kernkraftwerk
Stand: 23.08.2026 20:42 Uhr
Die Vorarbeiten für das erste polnische Kernkraftwerk laufen. Gerade wurde das Baufeld an dem US-Baukonzern Bechtel an der Ostsee übergeben. Vor Ort trifft das 45-Milliarden-Euro-Projekt auf Wohlwollen, aber auch auf Widerstand.
von Martin Möller
Ab und zu radeln Touristen die löchrige Dorfstraße entlang, Kurierfahrzeuge halten auf dem staubigen Seitenstreifen, denn einen Dorfladen gibt es hier nicht. Ungefähr 150 Einwohner zählt Słajszewo in Hinterpommern, rund 280 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze, und noch ein paar Pferde mehr. Immer wenn die mit wehenden Mähnen in langer Reihe die Weide wechseln, kommt Bewegung in die stille Idylle. Verstreut zwischen den Koppeln stehen ein paar kleine, aber feine Ferienhäuser. Nur ein paar gelbe Schilder auf einer Wiese irritieren. "Hier Atomparkplätze, zum Atompreis" steht da in schwarzen Lettern.
Riesiges Loch im Küstenwald
Auf der Aussichtsplattform des nahen Leuchtturmes von Stilo wird klar, worum es geht. Mitten in einem der größten zusammenhängenden Küstenwäldern Polens klafft seit kurzem ein rechteckiges Loch. Die kahle Stelle ist so groß wie 500 Fußballfelder. Es ist das Baufeld des ersten polnischen Atomkraftwerkes. Mit geschätzten Kosten von 45 Milliarden Euro handelt es sich um die größte Einzelinvestition der Republik Polen seit 1989. Die Summe entspricht vier Jahreshaushalten des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Jurek Jędruch, der seit 20 Jahren seinen Pferdehof in Słajszewo betreibt, schätzt, dass die Hälfte der Einwohner seiner Gemeinde für und die andere Hälfte gegen das Kraftwerk sind. Er gehörte zunächst auch zu den Gegnern, aber das habe sich geändert, erzählt er auf seinem Reiterhof, wo er Bungalows vermietet und Reitferien anbietet.
Größte Investition Polens seit Jahrzehnten
Die saftig grünen Weiden von Jurek Jędruch liegen in einer feuchten Senke, hinter der sich die Stranddünen erheben. Dort steht Agnieszka Olszewska-Groen fassungslos vor dem Baustellenzaun, der nun den direkten Weg zum Strand blockiert. Dahinter parken drei rote Trucks, dessen Personal mit geologischen Untersuchungen beschäftigt zu sein scheint. "Sie wollen auf Dünensand bauen. Das bedeutet unkalkulierbare Kosten. Selbst in Frankreich und Großbritannien, wo sie Erfahrungen mit der Kernenergie haben, gibt es bei allen Kraftwerksprojekten Kostenexplosionen. Wie soll das erst hier in Polen werden?", fragt die Vermieterin von mehreren kleinen Ferienhäusern.
Agnieszka Olszewska-Groen arbeitet für eine Logistikfirma, die Lieferketten in der Automobilindustrie organisiert. Nebenbei engagiert sie sich in der Initiative "Bałtyckie-SOS" gegen das Kraftwerk. Agnieszka Olszewska-Groen ist in die Region gekommen, der wilden Strände und des riesigen Küstenwaldes wegen. Nun fürchtet sie bald am Rande eines gigantischen Gewerbegebietes leben zu müssen. "Alles ist abgeholzt, dabei gibt es bislang nur einen Bauantrag und noch keine Baugenehmigung," ärgert sie sich.
US-Reaktoren und US-Generalunternehmer
Noch wurde kein Beton gegossen, aber die Vorbereitungen schreiten voran. Die schwarzen Limousinen aus Warschau sind gerade erst wieder weg. Der Anlass: Übergabe des Baufeldes an den US-Baukonzern Bechtel, der Generalunternehmer ist. US-Botschafter Rose war an die Ostsee gekommen, weil auch die drei Druckwasserreaktoren in den USA von der Firma Westinghouse gebaut werden sollen. Ihre kombinierte Leistung: 3750 Megawatt. Das ist deutlich mehr als das abgeschaltete KKW-Greifswald leistete.
Ein GAU, wie in Tschernobyl sei ausgeschlossen, weil sich die Reaktoren bei einem Störfall automatisch abschalten und drei Tage ohne externe Stromversorgung auskommen könnten, erklärt eine Broschüre, die in der Informationsstelle des staatlichen Kraftwerkinvestors PEJ (Polski Elektrowne Jadrowe) in Choczewo ausliegt. Spielerisch leicht sieht es auf den Bildschirmen aus. Auf digitalen Landkarten entstehen neue Straßen, in Windeseile werden Bahnstrecken reaktiviert und im grünen Küstenwald wachsen drei Reaktorgebäude empor.
Bester Standort auf der Düne
Maja Gadowska ist die Chefin des Informationsbüros. Sie stammt selbst aus der Region und beantwortet geduldig alle Fragen. Warum wird das Kernkraftwerk nicht im Hinterland errichtet, dort wo bereits in den 1980er Jahren viele Milliarden Zloty verbaut wurden, bevor Geldmangel und Bürgerproteste das Projekt stoppten? "Vier Jahre lang haben wir mögliche Standorte verglichen, gemessen und analysiert. Danach ist der Standort bei Słajszewo der Beste", so Maja Gadowska: "Er bietet nämlich auch die Möglichkeit des Seetransportes zur Baustelle. Durch die direkte Lage an der Ostsee können wir außerdem auf Kühltürme verzichten, die etwa 200 Meter hoch wären", erklärt sie. Das erwärmte Kühlwasser soll ein paar hundert Meter draußen auf See eingeleitet werden. Maja Gadowska wirbt mit den vielen Milliarden, die in die Gemeinde Choczewo fließen würden, zu der auch das Pferdedorf Słajszewo gehört. Während der Bauphase würden bis zu 3.000 Arbeitskräfte kommen. Die bräuchten Unterkünfte und Verpflegung, auch außerhalb der Saison.
Bleiben oder gehen?
Agnieska Olszewska-Groen überzeugt das alles nicht: "Ich habe die Ferienhäuser nicht aufgebaut, um Bauarbeiter zu beherbergen," sagt sie. Und die ersten Urlauber würden schon absagen, weil sie der Verkehr mit den schweren Lkws auf den schmalen Alleen störe, weiß sie zu berichten. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier in zehn Jahren noch leben möchte", so die Kraftwerksgegnerin.
Pferdehofbesitzer Jurek Jędruch hingegen will nicht weg, obwohl sein Hof in Sichtweite vom künftigen Kraftwerk liegt. Die Entscheidung für die Anlage sei gefallen, sagt er. Er habe deshalb einen Vertrag mit dem Kraftwerksinvestor PEJ geschlossen. Die hätten ihm neue Reitwege und zahlende Kundschaft versprochen. Mittlerweile habe er 172 Pferde und die wollen versorgt werden. Allerdings ist der Weg zum Strand nun viele Kilometer länger, gibt auch der drahtige Unternehmer zu bedenken.
Pommerscher Atom- und Windstrom statt schlesischer Kohle
In einem sind sich beide einig: Das Wirtschaftswunderland Polen muss weg von der Kohleverstromung. Ausgerechnet in Sichtweite des KKW-Baufeldes steht der Windpark "Baltic Power" kurz vor seiner Fertigstellung. Ende des Jahres sollen 76 Turbinen mit 1.140 Megawatt am Netz hängen. Das entspricht ungefähr der Leistung eines Reaktors des geplanten KKW.
Bauzeit des Windparks: drei Jahre bei ungefähr fünf Milliarden Euro Kosten. Für das Kernkraftwerk hingegen sind zehn Jahre Bauzeit und 45 Milliarden Euro Kosten kalkuliert. Agnieska Olszewska-Groen glaubt nicht daran, dass es bis 2038 vollständig ans Netz geht. Zu groß seien die Unsicherheiten bei so einem Megaprojekt, findet sie. Ihr seien Windparks lieber. Pferdehofbesitzer Jurek Jędruch hingegen freut sich, dass er sein Geschäft weiterführen kann. "Es werden sicher viele Neugierige kommen, die sehen wollen, wie das Kernkraftwerk gebaut wird", sagt er. Das hätten ihm die Kraftwerksleute von PEJ jedenfalls versprochen, aber abgerechnet werde natürlich immer erst am Schluss.