Beatrix Heilmann lebt mit Schizophrenie und vermisst ihre Kinder
Sie hört eine Stimme, obwohl da niemand ist. Die sagt ihr, dass sie nach Holland fliegen soll. Sofort setzt sich Beatrix Heilmann in ein Flugzeug. In den Niederlanden angekommen, soll sie laufen, immer weiter, die ganze Nacht durch, bei Eiseskälte. „Ich bin gelaufen, bis ich Frostbeulen an den Füßen hatte“, sagt sie. Drei Monate verbringt sie in verschiedenen Hotels in Holland, bis ihr Geld aufgebraucht ist. Jetzt endlich „erlaubt“ ihr die Stimme, nach Hause zu fliegen. „Ich dachte, ein Engel spricht zu mir“, sagt sie.
Vor vier Jahren erkrankte Heilmann aus Knittlingen an Schizophrenie. Seitdem hört die 38-Jährige Stimmen, wo keine sind, und nimmt Gerüche wahr, die kein anderer riecht. Sie ist überzeugt, dass ein Mann die Krankheit bei ihr ausgelöst hat. Es ist seine Stimme, die zu ihr „spricht“. Heute nimmt sie Medikamente. Seit einem halben Jahr ist es still in ihrem Kopf. „Endlich bin ich wieder ein normaler Mensch“, sagt sie.
Ich war mit meinen Feen im Kopf beschäftigt.
Beatrix Heilmann
Betroffene
Die Krankheit bricht aus, als sie mit ihrem damaligen Mann und den drei gemeinsamen Kindern auf Weltreise ist. Jamaika, Griechenland, Zypern, Spanien – anschließend will die Familie über den Atlantik zurück nach Jamaika segeln.
Auf Kreta hört sie die Stimme zum ersten Mal. Sie befiehlt: „Lass dich scheiden. Geh von Bord“ – und Heilmann geht. Erst leben die Kinder bei ihr auf Kreta, doch schon kurze Zeit später folgen sie ihrem Vater zurück nach Deutschland. „Die Kinder haben sich in der Schule schwergetan und ich war sowieso mit meinen Feen im Kopf beschäftigt.“
Ich dachte, ich bin vom Teufel besessen.
Beatrix Heilmann
Betroffene
Zunächst, sagt sie, hört sie eine „schöne Stimme“. Diese motiviert sie, ihren spirituellen Weg weiterzugehen. Doch nach und nach ändert sich das. Irgendwann spricht die Stimme von der Hölle. Freunde hält Heilmann fortan für Dämonen. In ihren Gesichtern sieht sie Fratzen. „Ich dachte, ich bin vom Teufel besessen.“ Phasenweise kann sie kaum noch atmen, sie hat starke Schmerzen in der Seite. Mit Muskelkrämpfen liegt sie im Bett. Zeitweise kann sie weder laufen noch sprechen. Später diagnostizieren Ärzte bei Heilmann eine katatone Schizophrenie, eine seltene Unterform der Erkrankung, die sich auch motorisch auswirkt.
Therapeuten empfehlen Tagesstätte in Bretten
Sie merkt, dass sie Hilfe braucht. Sie will sich in eine Klinik einweisen lassen und geht zum Arzt und zur Polizei. Doch dann hört sie eine Stimme, die ihr befiehlt, sich umzubringen. Der Suizidversuch scheitert. Ihr Vater holt sie nach Deutschland zurück. Seitdem lebt Beatrix Heilmann wieder bei ihren Eltern. „Hätten meine Eltern mich nicht bei sich aufgenommen, hätte ich die Psychose wahrscheinlich nicht überlebt“, sagt sie. Sie geht in eine Psychiatrie und in die Reha. Dort empfehlen ihr die Therapeuten die Tagesstätte des Diakonischen Werks in Bretten.
Die Auslöser einer Schizophrenie seien unterschiedlich und vielfältig, sagt Isabel Götzner, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Diakonie in Bretten. Eine genetische Veranlagung könne ebenso eine Rolle spielen wie neurobiologische und Umweltfaktoren. Dazu zählen etwa Drogenkonsum, Stress und das soziale Umfeld.
Meist lasse sich Schizophrenie medikamentös, oft begleitet von einer Therapie, gut behandeln. Herausfordernd sei allerdings häufig die Suche nach dem passenden Medikament. „Man muss häufig lange ausprobieren, was wirkt.“
Heilmann hofft auf Rückkehr in den Beruf
Auch bei Heilmann ist die Suche schwierig. Sie sagt, das Medikament, das sie jetzt nimmt, ist ihre letzte Chance. „Ich dachte schon, ich würde die Stimme nie mehr los“, sagt sie. Heute ist Beatrix Heilmann glücklich, noch zu leben. Sie hofft, bald wieder in kleinem Umfang arbeiten zu können. Von Beruf ist sie Fotografin. Halt geben ihr die Diakonie, ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Tante, ihre Oma und ihre Kirchengemeinde.
Doch ihr Alltag bleibt herausfordernd. Beatrix Heilmann hat Angst vor der Dunkelheit, vor Autofahrten, vor dem Alleinsein. Alltägliche Dinge wie Kochen, Duschen oder Anziehen fallen ihr schwer. Häufig verbringt sie ganze Tage im Bett und schreibt sich ihre Sorgen von der Seele. So sind zwei Kinderbücher und eine Autobiografie entstanden. Ihre Autobiografie soll Ende Oktober erscheinen, sagt sie.
Am meisten schmerzt Beatrix Heilmann, dass ihre Kinder fünf Autostunden entfernt in Bayern wohnen. Immer wieder rufen sie an und fragen, wie es ihrer Mutter geht. Doch Heilmann hat Angst, sie zu gefährden, und lässt andere ans Telefon gehen. Erst an Pfingsten überwindet sie sich. Sie ruft ihre Kinder an. Seitdem haben sie wieder Kontakt. Die drei sind heute 15, 13 und zwölf Jahre alt.
In den Ferien kommen die Kinder zu Besuch, doch manchmal vergehen zehn Wochen, bis sie sich wiedersehen. „Ich vermisse meine Kinder bis aufs Blut“, sagt sie. Gleichzeitig ist sie froh, dass die Kinder nicht miterleben mussten, wie schlecht es ihr ging. „Das hätte sie so verängstigt, als ich von Dämonen gequatscht habe“, sagt sie.