Bedrohung durch KI: Gelingt der SAP-Aktie ein Comeback?
Christian Klein hat derzeit wirklich keine leichte Aufgabe. Egal, ob in Interviews, Pressekonferenzen oder auf der Bühne: Die ganze Welt will vom SAP-Chef eigentlich nur eines wissen: Zerstört Künstliche Intelligenz (KI) das Geschäftsmodell des einst wertvollsten Unternehmens Europas? Für Klein selbst scheint die Antwort mittlerweile klar zu sein. „Ich habe keine Angst“, erklärte er im Mai auf der SAP-eigenen Technologiekonferenz Sapphire in Florida. Es sind eindrückliche Worte, die er da wählt. Denn während er sich in seinem Vortrag bewusst euphorisch über die Chancen durch KI äußert, blickt ein Großteil der Anleger zurzeit völlig anders auf die Zukunft von Softwaretiteln wie SAP. Sie sorgen sich vor allem davor, dass neue Unternehmen mittels KI das Geschäftsmodell der Konzerne teilweise oder gar komplett ersetzen und so die alten Platzhirsche von ihrem Thron stoßen. „KI frisst Software“, heißt es seit Jahresbeginn, und deshalb brachen die Kurse der einstigen Börsenstars massiv ein. Neben Adobe, ServiceNow oder Salesforce steckt auch SAP im Zentrum dieser Abverkäufe. Die Aktie der Walldorfer ist seit Jahresbeginn um rund ein Drittel gefallen. Seit dem Allzeithoch von fast 284 Euro im Februar 2025 beträgt das Minus mittlerweile sogar mehr als 50 Prozent. Wie unsicher sich Anleger aktuell verhalten, zeigt auch der jüngste Kurssturz von IBM. Konzernchef Arvind Krishna gab am Dienstag eine Gewinnwarnung für das zurückliegende Quartal bekannt. Schuld daran sei das veränderte Investitionsverhalten der Kunden, die statt IBM-Rechner und Software lieber KI-Rechenzentren sowie Speicherchips kaufen. Die IBM-Aktie rauschte in der Folge um 25 Prozent nach unten. Für einige Anleger dürften die Verluste der Software-Aktien aber etwas Positives haben: Die einst so teuren Papiere gibt es jetzt vergleichsweise günstig zu kaufen. Das zeigt der Expanded Tech-Software Sector ETF der Blackrock-Tochter iShares. Im Frühjahr 2025 lag das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der enthaltenen Unternehmen noch bei knapp 47, das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) bei fast neun. Heute ist der Indexfonds mit einem KGV von 35 sowie einem KBV von 6,7 deutlich niedriger bewertet. Billig ist das auf den ersten Blick noch nicht. Doch wer die Augen nach besonders günstigen Kandidaten aufhält, der findet sie mittlerweile auch in der Softwarebranche. Ein solches Unternehmen ist SAP. Während die Börsenwelt noch über den Abstieg von der europäischen Spitze staunt, macht der Konzern einfach weiter das, was er am besten kann: erfolgreich wirtschaften. Fundamental lässt sich der Kursverfall der Walldorfer nämlich nicht nachvollziehen. Das Geschäft brummt, im ersten Quartal nahm das Unternehmen währungsbereinigt zwölf Prozent mehr ein als im Vorjahresquartal, der operative Gewinn (EBIT) stieg sogar um 24 Prozent. Im Ergebnis liegt die Profitabilität, gemessen an der EBIT-Marge, mittlerweile bei über 30 Prozent. So profitabel wirtschaftete das Unternehmen in den vergangenen Jahren nur in einem einzigen Quartal, damals aber bedingt durch Einmaleffekte. Zuletzt stieg die EBIT-Marge hingegen in sechs Quartalen am Stück. Grund dafür ist vor allem das wachsende Cloud-Geschäft von SAP. Zuletzt lag das Wachstum in dem Segment währungsbereinigt bei 27 Prozent. All das schlägt sich in einer Bilanz nieder, die selbst die schärfsten Kritiker beeindruckt. Die Cashbestände liegen deutlich über den Schulden, die Eigenkapitalquote beträgt komfortable 62 Prozent. Der Cashflow steigt und ermöglichte so zuletzt ein Aktienrückkaufprogramm sowie eine Dividendenerhöhung – ohne der Substanz zu schaden. Allerdings bringt all das wenig, wenn Anleger mehr wollen. KI hat die Vorzeichen geändert, und an der Börse scheinen Investoren jegliches Orientierungsgefühl verloren zu haben. Das wurde deutlich, als SAP-Chef Klein im Januar die Geschäftszahlen von 2025 präsentierte. Der Cloud-Umsatz stieg um 26 Prozent, der Gesamtumsatz um elf Prozent, das EBIT um 27 Prozent, alles über den Erwartungen. Die Aktie brach am selben Tag trotzdem um 17 Prozent ein, denn: Der kurzfristige Auftragsbestand im Cloud-Geschäft lag um ein Prozent unter den Erwartungen, er wuchs um 25 statt 26 Prozent. Für den Konzern ist so etwas aber nicht völlig neu. Ende des Jahres 2020 verkündete SAP-Chef Klein den großen Umschwung auf Cloud-basierte Software. Traditionell setzte der Konzern darauf, dass Kunden die Software – etwa für Buchhaltung, Einkauf sowie Verkauf oder Personalwesen – einmalig als Lizenz erwarben. Dazu kamen Einnahmen für Wartung sowie Beratung durch den Konzern selbst oder Partner. Doch mit der Zeit wollten SAP wie auch Konkurrenten wie Microsoft, dass Kunden über die Cloud auf die Software zugreifen und dafür monatliche Beiträge zahlen (Software as a Service, SaaS). Für Kunden kann das die Hürde hoher Startkosten senken, den Anbietern hingegen bringt dieses Modell regelmäßige und vor allem planbare Zahlungen. An der Börse kam Kleins Verkündung jedoch nicht gut an, innerhalb weniger Tage fiel die SAP-Aktie um 20 Prozent. SAP blieb trotzdem bei der Cloud-first-Strategie. Damit mehr Kunden auf das Cloud-Modell wechselten, bot der Konzern neue Innovationen ab 2023 nur noch über das Cloud-Modell an – und nicht mehr über die lokal installierte Software. Erwartungsgemäß liefen Kunden Sturm gegen diese Veränderung, bei Anlegern kam die Strategie aber gut an. In den kommenden Monaten konnte die Aktie stark zulegen, innerhalb eines Jahres betrug das Plus rund 70 Prozent. Womit wir wieder bei Kleins Keynote in Florida wären. Dort präsentierte der SAP-Chef seine Vision eines autonomen Konzerns. Die Basis bilden bestehende und vor allem funktionierende Produkte, die auf einer neuen Plattform zusammengefügt und um KI-Agenten erweitert werden. Von Anwendern wie den Wirtschaftsprüfern von KPMG oder auch der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) gab es schon positives Feedback. Um die Vision umzusetzen, wirft Klein aber auch seine bisherige Strategie über Bord. Die neue Plattform soll es nicht nur für Cloud-Kunden geben, sondern auch für Kunden mit installierter Software. Das könnte man als Rückschritt interpretieren, oder aber als notwendige Maßnahme. Schließlich nutzt laut Daten des US-Analysehauses Gartner noch rund jeder zweite SAP-Kunde nach wie vor die lokal installierte Software. Die Nutzung von KI-Agenten ist sogar über alle Kunden hinweg gering. SAP tut deshalb gut daran, diese Zahlen zu steigern. Schließlich wird der Konzern künftig genau daran gemessen. Gut ist ebenfalls, dass SAP endlich das Problem des Wechsels von alten auf neue Systeme lösen will. Der Support für das SAP-Paket ECC läuft bis spätestens Ende 2030 aus und Kunden müssen zu S/4Hana wechseln – oder sich ganz von SAP loslösen. Das ist ein kritischer Moment für die Kundenbindung des Konzerns. Die Systemmigration ist komplex und langwierig, und längst haben Drittanbieter sich auf KI-Lösungen dafür spezialisiert. Deshalb hat SAP nun endlich einen eigenen Migrationsassistenten mit KI-Unterstützung angekündigt, der ab Herbst die Kunden unterstützen soll. Das ist zwar spät, könnte aber gerade noch rechtzeitig sein. Dass KI das Geschäftsmodell von SAP verändert, steht außer Frage. Ob das aber – wie Anleger derzeit glauben – zwangsläufig zulasten der Walldorfer geht, ist längst nicht klar. Christian Klein trimmt den Konzern auf die Technologie. Die kommenden Monate werden zeigen, wie Kunden das Angebot annehmen werden. Noch dazu besitzt SAP weiterhin eine enorme Marktmacht. Von den 100 größten Unternehmen der Welt setzen 99 auf SAP. Bei den 500 umsatzstärksten US-Konzernen zählen immer noch 450 zu SAP-Kunden. Ein Wechsel zu anderen Anbietern ist vor allem wegen individueller Erweiterungen im SAP-System schwierig. Selbst dann, wenn die Konkurrenz agilere KI-Modelle anbietet, denn: Viele Unternehmen sind schlichtweg froh, wenn ihre Systeme funktionieren. Eine Umstellung ist kostenintensiv und führt häufig zu Verzögerungen im Hauptgeschäft, die man lieber vermeiden möchte. Fazit: All das macht die Aktie von SAP äußerst attraktiv. Mit einer der stabilsten Bilanzen im Dax ist das Unternehmen fundamental hervorragend gewappnet für die KI-Transformation. So sind zwischenzeitliche Dämpfer verkraftbar und führen nicht gleich zu finanziellen Engpässen. Außerdem erzielt SAP weiterhin starke Wachstumsraten. Insbesondere die steigende Profitabilität ist ein gutes Zeichen. Derzeit notiert die Aktie auf dem 22-fachen des Gewinns der vergangenen zwölf Monate. Damit ist das Papier so günstig wie zuletzt vor mehr als zehn Jahren. Dass sich Anleger bei Softwarekonzernen derzeit Sorgen machen, ist verständlich und sogar angemessen. Der derzeitige Kurs der SAP-Aktie reflektiert aber keine Sorge, sondern Angst – und die ist selten ein guter Berater. Wir nehmen SAP aufgrund der fundamentalen Stärke und des Potenzials als Turnaround-Aktie in unser konservatives Musterdepot auf. Der Zeitpunkt dafür ist zwar durchaus riskant: Der jüngste Kurssturz von IBM hat die Angst unter Anlegern erneut verdeutlicht. Am kommenden Donnerstag veröffentlicht auch SAP die Zahlen fürs zweite Quartal. Langfristig sind wir aber überzeugt, dass das Papier der Walldorfer ungeachtet des aktuellen Quartalsberichts deutlich zulegen wird. Unsichere Anleger können das kurzfristige Risiko vermeiden, indem sie vorerst die Geschäftszahlen abwarten. Sollte dieser jedoch gut ausfallen, hätten sie womöglich erste Kurserholungen verpasst. Ebenfalls muss klar sein: Bislang lässt sich bei der SAP-Aktie noch keine Bodenbildung erkennen. Anfang Juli hat die Aktie einen Erholungsversuch gestartet, der aber schon kurz darauf sein Ende fand und seither in einen erneuten Abwärtstrend überging. Aber: Obwohl der IBM-Sturz auch die SAP-Aktie um sechs Prozent fallen ließ, holte das Papier noch am selben Tag auf. Derzeit notiert es weiterhin bei rund 137 Euro. Spannend dürfte in naher Zukunft sein, ob die Aktie das 2020er-Hoch von 143 Euro sowie im Anschluss die 50-Tage-Linie bei aktuell 146 Euro und die 100-Tage-Linie bei 151 Euro durchbrechen kann. Dieser Beitrag entstammt dem wöchentlichen Anlage-Newsletter BörsenWoche. Das wöchentliche Anlagebriefing können Sie hier abonnieren. Zusätzlich können Sie sich mit unserem Newsletter BörsenTag über tagesaktuelle Entwicklungen an den Märkten informieren. Hier können Sie sich anmelden.