"Beifahrertür nie geöffnet": Die verrückte Story des Ferrari F40 von Lewis Hamilton
(Motorsport-Total.com) - Lewis Hamilton hat sich einen Kindheitstraum erfüllt: Der siebenfache Formel-1-Weltmeister kaufte sich vor einigen Wochen einen Ferrari F40, den er in Maranello aufwendig restaurieren ließ. Die Geschichte des italienischen Sportwagens ist derart außergewöhnlich, dass sie fast zu verrückt klingt, um wahr zu sein.
"Es ist ein Traumauto von mir", erinnert Hamilton daran, dass er sich erst vor wenigen Monaten von seiner kompletten Autosammlung getrennt hat. Dem Ferrari-Piloten war die Lust daran eigentlich vergangen, doch für den legendären F40 macht er eine Ausnahme. "Ich habe schon eine Weile danach gesucht und wollte einen mit geringer Laufleistung."
Der 41-Jährige war gezielt auf der Suche nach einem besonderen Auto mit einer einzigartigen Geschichte. "In den letzten Jahren kamen viele bei Auktionen unter den Hammer - manche mit wenig Kilometern, aber eben nicht besonders außergewöhnlich, oder vielleicht war der Lack erneuert worden oder Ähnliches", sagt Hamilton.
"Ich wollte das authentischste Exemplar finden und bin tatsächlich auf dieses hier gestoßen: Der Vorbesitzer hatte es gekauft, von Maranello nach Hause gefahren - 69 Kilometer -, es dann abgestellt und nie wieder gestartet. Die Beifahrertür war noch nie geöffnet worden. Es war einfach nur abgedeckt und voller Staub."
Lewis Hamilton lässt seinen Ferrari F40 aufbereiten
Für den siebenfachen Formel-1-Weltmeister stand schnell fest, dass er sich dieses besondere und äußerst seltene Schmuckstück sichern wollte. "Dann stand ich vor der Entscheidung: Was macht man damit?", verrät Hamilton. "Behält man es als Kunstobjekt, lässt man es staubig, oder lässt man es aufbereiten?"
"Ich habe eine Weile gebraucht, um mich zu entscheiden, und habe es dann schließlich aufbereiten lassen, weil ich damit fahren wollte." Am Donnerstag kam der Ferrari-Pilot tatsächlich im Fahrerlager von Monza vorgefahren - typisch Hamilton, bis ins kleinste Detail sorgfältig inszeniert, die passende Kleidung inklusive.
"Denn mir wurde klar, was eigentlich ziemlich verrückt ist: Ich kann mich irren, aber ich bin ziemlich sicher, dass in der Geschichte noch kein Ferrari-Fahrer in den coolsten Autos angekommen ist, die er besitzt - diesen ikonischen Modellen wie [250] GTO oder F40."
Enzo Ferrari machte es seinen Fahrern nicht leicht
"Und ich dachte mir: Das muss ich einfach machen", sagt der Brite mit einem Schmunzeln. Zwar sind jüngere Formel-1-Fahrer von Ferrari bereits in Straßen-Ferraris aus dem obersten Segment aufgetaucht, doch es stellt sich die Frage, ob sie diese Wagen tatsächlich selbst bezahlt haben oder ob ihnen die Autos lediglich zur Verfügung gestellt wurden.
Bekannt ist, dass sich Enzo Ferrari stets weigerte, seinen Fahrern die eigenen Autos zu schenken. John Surtees beispielsweise kam in Maranello mit einem BMW 507 an, den Count Agusta teilweise als Geschenk für Surtees bezahlt hatte, nachdem dieser in der Saison 1956 erstmals die Motorrad-Weltmeisterschaft gewonnen hatte.
Der Ferrari-Boss erklärte ziemlich schroff, dass sein Pilot einen Ferrari fahren sollte - lehnte es jedoch ab, ihm überhaupt nur einen zu leihen. Das beste Angebot, zu dem Ferrari bereit war, bestand darin, dass Surtees den Wagen zum Selbstkostenpreis kaufte.
Und obwohl weithin berichtet wird, Ferrari habe Surtees schließlich einen 330GT 2+2 für den Gewinn der Weltmeisterschaft im Jahr 1964 geschenkt, bestehen daran gewisse Zweifel, weil dieses Auto gegen jenes eingetauscht wurde, das er ursprünglich gekauft hatte.
Schicksal? F40-Motor trägt Startnummer von Hamilton
Bei Hamilton ist die Sache eindeutig: Der Brite hat sich seinen Traum vom F40 selbst bezahlt und pflegt nicht nur deshalb schon eine besondere Beziehung zu seinem neuen Ferrari. "Es war auch verrückt, als sie das Auto zur Überprüfung zerlegten: Erstens hatte es den Test der Zeit bestanden. Alles funktionierte noch. Es musste kaum etwas ausgetauscht werden."
"Und als sie den Motor ausbauten, entdeckten sie, dass er die Nummer 44 trug. Die Nummer 44 war in den Motor eingestanzt", so Brite. "Ich konnte es kaum glauben. Ich fragte: 'Wusstet ihr das? Ihr macht doch Witze.' Es fühlt sich also sehr nach Schicksal an."
"Und ich dachte, es wäre eine echte Gelegenheit, die Geschichte von Ferrari im Heimatland und bei ihrem Rennen zu würdigen - wann würde ich so etwas schon noch einmal erleben können?", meint Hamilton, der sich intensiv mit dem Erbe Ferraris auseinandersetzt.
"Ich persönlich nehme das sehr ernst", betont der langjährige Mercedes-Pilot. "Es ist ein phänomenales Erlebnis, Teil dieser Marke zu sein und zu sehen, wie sie über den Sport hinausreicht und Menschen auf der ganzen Welt berührt hat - mit ihrer Farbe, dem Logo und diesen ikonischen Autos."
"Ich habe einem der hochrangigen Verantwortlichen zum Beispiel den F40 gezeigt, den ich in Japan gefahren bin, und er meinte: 'Vielleicht kannst du nächstes Jahr einen Luce fahren.' Ich entgegnete nur: 'Das ist eben nicht dasselbe wie der F40.'"
F40 als eines der letzten Projekte von Enzo Ferrari
Der F40 nimmt in der Geschichte Ferraris tatsächlich eine Sonderstellung ein. Als Firmenboss Enzo Ferrari 1969 eine Mehrheitsbeteiligung an seinem Unternehmen an Fiat verkaufte, gab er die Kontrolle über die Straßensportwagen-Sparte ab, während der Rennsport sein persönliches Hoheitsgebiet blieb.
Die Übernahme durch Fiat beschleunigte das Ende jener alten Modelle, die noch in handwerklicher Manufaktur entstanden waren, und ebnete den Weg für konventionellere Methoden der Massenproduktion - und, so viel muss man sagen, für einen deutlich konservativeren Ansatz beim Produkt selbst.
"Die Freigabe des F40 war für mich eine der letzten Entscheidungen, die Enzo Ferrari noch direkt getroffen hat", sagte der damalige Projektleiter Nicola Materazzi, der als "Vater des F40" gilt, in einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahr 2022.
Als sich Ferraris Gesundheitszustand in den späten 1980er-Jahren zunehmend verschlechterte, wurde ihm seine eigene Sterblichkeit unmissverständlich bewusst. Zum 40. Jahrestag der Automobilproduktion soll er deshalb einen möglichst spektakulären Boliden als Vermächtnis haben schaffen wollen.
Dabei verlieh ihm der Erfolg des wegweisenden 288 GTO zusätzlichen Rückenwind: Der Supersportwagen war ab 1984 in einer limitierten Kleinserie gefertigt worden, um die Homologationsvorgaben der FIA für die Gruppe B zu erfüllen und Ferrari die Rückkehr in den Rallyesport zu ermöglichen.
Entwicklung des Ferrari F40 erfolgt im Geheimen
Passend zu der Idee, dass der F40 sinngemäß ein "Vaffanculo" (deutsch: Leck mich am Arsch!) an die Fiat-Anzugträger und deren erstickende Politik der Mittelmäßigkeit in allen Bereichen sein sollte, wurde die Entwicklung streng geheim vorangetrieben.
Ein Großteil der Konstruktions- und Produktionsarbeiten wurde an langjährige Partner und Verbündete ausgelagert, anstatt innerhalb der regulären Ferrari-Strukturen stattzufinden. Materazzi war ein vielseitig ausgebildeter Ingenieur, der 1979 von Lancia über Osella zu Ferrari gekommen war - mit dem Auftrag, das problematische Turbo-Motorenprojekt des Formel-1-Teams zu retten.
Sein persönliches Interesse an Flugzeugmotoren und seine Erfahrung mit dem Turbo-Lancia Stratos HF der Gruppe 5, der die Giro d'Italia gewonnen hatte, verschafften ihm besondere Expertise bei der Lösung von Problemen mit Frühzündungen, die bei hohen Verdichtungsverhältnissen auftraten.
Ferrari hatte sich nur äußerst widerwillig auf die Turboaufladung in der Formel 1 eingelassen - und erst, als die Ground-Effect-Aerodynamik das mechanische Layout des langjährig eingesetzten V12-Saugmotors zu einem Nachteil machte. Die frühen Turbo-Prototypen gingen regelmäßig kaputt.
Ferrari F40 mit Formel-1-Technik für die Straße
Doch mit Materazzis Unterstützung erzielte Ferrari bemerkenswert schnell konkurrenzfähige Leistungswerte und zugleich eine höhere Zuverlässigkeit. Er war auch an Innovationen wie der technisch interessanten Zusammenarbeit mit Kraftstofflieferant Agip beteiligt, um Frühzündungen zu bekämpfen, indem winzige Wassertröpfchen in das Gemisch eingebracht wurden.
Der 2,9-Liter-V8 des F40 mit zwei Turboladern verkörperte damit geradezu den Technologietransfer aus der Formel 1 jener Zeit. Er leistete 160 PS pro Liter und verfügte über eine damals hochmoderne Motorelektronik, die das Kraftstoffgemisch dynamisch anpasste, wenn Drehzahl und Ladedruck anstiegen.
Um die Geheimhaltung zu wahren, wurde ein Großteil der Detailarbeiten dem spezialisierten Ingenieursunternehmen Michelotto anvertraut - als Belohnung für die erfolgreichen Kooperationen mit Ferrari und Materazzi bei anderen Projekten, darunter dem 288 GTO.
Tatsächlich dienten zwei Prototypen des 288 GTO Evoluzione als Testträger für die Mechanik des F40, während das Projekt über einen Zeitraum von 13 Monaten Gestalt annahm. Pininfarinas kurz vor dem Ruhestand stehender Chefdesigner Aldo Brovarone beaufsichtigte Pietro Camardellas Arbeit am Karosseriedesign.
Ihm wird zugeschrieben, den charakteristischen rechtwinkligen Heckflügel des F40 hinzugefügt zu haben. Als Michelotto nach Windkanaltests einige Änderungen daran vornahm, wurde dies als Affront verstanden - Brovarone hatte viele einflussreiche Ferraris gestaltet, darunter den Superamerica und den Dino 246 GT. Pininfarina verlangte daraufhin kurzzeitig, dass der eigene Name aus dem Projekt entfernt werde.
Ferrari setzte beim F40 auf kompromisslosen Leichtbau
Nur die Endmontage des F40 erfolgte in Maranello. Die Subunternehmer bildeten ein wahres Who's Who der Ferrari-Zulieferer aus dem goldenen Zeitalter der handwerklichen Fertigung: Vaccari aus Modena lieferte das Rohrrahmen-Chassis, Scaglietti fügte die Verbundwerkstoff-Verstärkungen ein und Dino Cognolato, ein Nachbar von Michelotto, fertigte selbst die Verbundwerkstoff-Karosserie.
Als Rennwagen für die Straße machte der F40 aus zahlreichen Maßnahmen zur Gewichtsreduzierung eine Tugend. Der Lack wurde so dünn aufgetragen, dass die Kohlefaserstruktur aus bestimmten Winkeln sichtbar ist. Tatsächlich ist eine unsachgemäße Neulackierung bis heute ein sicherer Weg, den Wert eines gebrauchten F40 zu drücken.
Es gab nicht einmal eine Verkabelung für ein Radio, und die Türgriffe bestanden aus Stoffschlaufen statt aus geformten Griffen. Bei den frühen Modellen waren die Plexiglas-Seitenfenster fest montiert und verfügten lediglich über ein kleines Schiebefenster.
Das wurde jedoch geändert, nachdem jene Besitzer, die ihre Autos tatsächlich fahren wollten, über die Unbequemlichkeit beim Bezahlen der Mautgebühren auf der Autostrada geklagt hatten.
Wie der Ferrari F40 zum begehrten Kultobjekt wurde
Ursprünglich hatte Ferrari geplant, lediglich 400 Exemplare zu bauen. Angesichts der enormen Nachfrage wurden schließlich mehr als dreimal so viele produziert. Etwaige Bedenken der Fiat-Bürokratie gegenüber diesem Sonderprojekt waren angesichts seiner Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis schnell ausgeräumt.
Da es sich um Ferrari in den 1980er-Jahren handelte, sind die Unterlagen aus dieser Zeit nicht ganz eindeutig. Es wird davon ausgegangen, dass zwischen 1311 und 1315 F40 gebaut wurden. Ein Teil der Differenz lässt sich durch eine Handvoll Rechtslenker erklären, die vermutlich in den Pininfarina-Werken für den Sultan von Brunei gefertigt wurden.
Viele der Fahrzeuge verschwanden in privaten Sammlungen. Der F40 legte - mehr als viele andere Autos seiner Art - den Grundstein für seltene "Weniger ist mehr"-Sondermodelle, die sich an vermögende Kunden richteten. Hamiltons F40 gehörte zu jenen Exemplaren, die lediglich eine einzige Fahrt ab Werk absolvierten.
Das ist allerdings nicht der einzige Grund, waurm der Formel-1-Weltmeister sein neues Schmuckstück schon jetzt liebgewonnen hat. "Ich finde, die nostalgischen, ikonischen Kurven und Linien, mit denen diese Autos damals gebaut wurden - so etwas gibt es einfach kein zweites Mal", sagt er.
"Natürlich gibt es auch den F80, der ziemlich cool ist, oder den F50, aber für mich bleibt der F40 etwas Besonderes; ich erinnere mich, wie ich als Kind all diese Autos aufgereiht hatte, und das rote Auto - der F40 - war mein absoluter Favorit. Dass ich jemals die Chance haben würde, einen davon zu besitzen, lag damals völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft."