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Benz will Urlaubsgeld streichen und die 35

Wirtschaft

Für die einen ist es ein Katalog der Notwendigkeiten, für die anderen eine Liste des Grauens. Mercedes-Benz fordert weitaus mehr Einschnitte für Beschäftigte als bislang öffentlich bekannt. Der Konzernspitze geht es nicht nur um eine Abschaffung der 35-Stunden-Woche, sondern will den Arbeitnehmenden zahlreiche Leistungen streichen.

Gebündelt sind die Forderungen in einem Zehn-Punkte-Plan, der Mitarbeitern in einzelnen Werken bereits von Arbeitnehmerseite präsentiert wurde. Der Plan von Mercedes-Benz erhöht den Druck für die Tarifverhandlungen, die am 7. Oktober beginnen.

Bei der Protestkundgebung am Montag vor Tor 6 des Rastatter Werks hatte Sok-Yong Lee, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Gaggenau, die „Giftliste“ schon grob umrissen. Und einen klaren Appell formuliert: „Es kann nicht sein, dass die Folgen der aktuellen Krise allein auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden.“

Rund 2.000 Beschäftigte bei Protest vor dem Rastatter Werk

Rund 2.000 Beschäftigte hatten am bundesweiten Aktionstag am Montag vor dem Rastatter Werk unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“ gegen die Absichten der Konzernspitze demonstriert. Bei der außerordentlichen Betriebsversammlung, die anschließend stattfand, war Vorstandsmitglied Jörg Burzer dann nicht konkret auf einzelne Punkte der Sparpläne eingegangen. So berichten es Teilnehmer der Veranstaltung.

An Punkt eins des Forderungskatalogs, der dieser Redaktion vorliegt, wird die Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden genannt. Dies soll ohne Lohnausgleich erfolgen. Medienberichten zufolge ist diesbezüglich schon eine 38-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich als möglicher Kompromiss in der Diskussion.

Urlaubsgeld soll nach Willen des Konzerns komplett gestrichen werden

Mit der längeren Arbeitszeit soll es nach dem Willen von Mercedes-Benz aber nicht getan sein. Als zweiter Punkt wird auf der Forderungsliste der komplette Wegfall des Urlaubsgeldes genannt. Ergebnisbeteiligung und Weihnachtsgeld, das sind die folgenden Punkte, sollen „deutlich reduziert“ werden. Dem Vernehmen nach um 50 Prozent.

Das „T-ZUG B“, das tarifliche Zusatzgeld B, soll den Forderungen zufolge ebenfalls komplett entfallen. Gleiches gelte für das Jubiläumsgeld. Auch bei „Bezahlte Pausen“ steht in der Liste als Zielsetzung: „Vollständiger Entfall“.

Nochmal mehr Arbeit: Leistungsgrad soll auf 110 Prozent hochgesetzt werden

Eine weitere Forderung betrifft die „Flexibilität“. Hier wird eine „Ausweitung Personalflex“ ins Spiel gebracht. Gemeint sind hierbei Leiharbeiter oder auch studentische Hilfskräfte. Auch beim sogenannten Leistungsgrad möchte der Konzern ansetzen. Als Zielsetzung wird hier 110 Prozent genannt.

Mit dem Leistungsgrad misst man, kurz erklärt, Effektivität und Produktivität von Beschäftigten. Im Tarifvertrag sind aktuell 100 Prozent festgelegt. 110 Prozent würde also bedeuten, dass Beschäftigte mehr unbezahlt arbeiten müssten, erläutert ein Gewerkschaftsvertreter.

Einbußen für Beschäftigte von bis zu 30 Prozent

Würden alle zehn Punkte des Forderungskatalogs wie formuliert umgesetzt, hieße das für die Beschäftigten eine Gehaltseinbuße von insgesamt 30 Prozent, rechnet ein Arbeitnehmervertreter dieser Redaktion vor.

Auch unter den Beschäftigten in den hiesigen Werken wie in Rastatt und Gaggenau herrscht vor allem Unmut darüber, dass man Probleme ausbaden müsse, die man selbst nicht zu verantworten habe. „Warum fangen die nicht mal bei sich selbst an?“, sagte eine Beschäftigte auf der Protestkundgebung der IG Metall am Montag mit Blick in Richtung Konzernspitze.

Mercedes-Benz droht auch mit Werkschließungen

Die wiederum droht auch mit Werkschließungen, sollten die Arbeits- und Produktionskosten in Deutschland nicht sinken. Mercedes-Produktionsvorstand Michael Schiebe hatte die Schließung von zwei Werken auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen angekündigt, wenn die Kosten in Deutschland nicht reduziert werden.

„Dafür müssen wir uns auf für alle verträgliche Maßnahmen einigen, um die Kosten in Deutschland zu senken. Gelingt uns dies nicht, werden wir ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen“, soll Schiebe auf der Versammlung gesagt haben.

Rastatt ist ein solches Aufbauwerk. Also ein Werk, in dem die Autos zusammengebaut werden. Weitere solcher Werke sind in Deutschland noch in Sindelfingen und in Bremen. Als denkbarer Ausweichstandort gilt der zuletzt stark ausgebaute Produktionsstandort im ungarischen Kecskemét. In Powertrainwerken werden Komponenten für das Auto hergestellt.

Viele Beschäftigte sehen eher hausgemachte Probleme

Arbeitnehmer sehen vor allem hausgemachte und politische sowie geopolitische Probleme als Gründe für die aktuelle Situation in der gesamten deutschen Autobranche.

Mercedes-Benz hat im zweiten Quartal dieses Jahres erneut deutlich weniger Autos verkauft, der Absatz sank laut des Unternehmens um gut acht Prozent. Was vor allem an der Entwicklung im chinesischen Markt liegt.

Dafür stieg der Verkauf von E-Autos im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 51 Prozent. In Rastatt wurde gerade erst der Produktionsstart des vollelektrischen GLA gefeiert.

Gewinn des Gesamtkonzerns stieg auch dieses Jahr an

Der Gewinn des Mercedes-Konzerns insgesamt stieg trotz des Einbruchs in der Autosparte im zweiten Quartal vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 1,55 Milliarden Euro.

„Der Vorstand wird auch dafür bezahlt, Zukunft zu gestalten“, sagte der Rastatter Betriebsratsvorsitzende Torsten Höink bei der Protestveranstaltung am Montag. „Wir sind der entscheidende Teil der Lösung“, rief er der Belegschaft noch zu. Das sieht auch die Konzernspitze so – allerdings verstehen sie offenbar etwas ganz anderes darunter.

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