Bereit für Birmingham - Glänzende Aussichten für das DLV-Team
Schick sieht es schon aus, das Alexander Stadium. Auch, wenn in der 18.000 Zuschauer fassenden Arena im Norden Birminghams noch kräftig gewerkelt, geputzt und getestet wird. Die parallel zur 100-m-Bahn installierte Speed-Cam flitzt bereits reibungslos auf und ab. Sie wird die europäische Sprintelite in einen spektakulären Fokus rücken, darunter auch die deutschen Hoffnungsträger Gina Lückenkemper und Owen Ansah. Über ein bisschen weniger Fokus würde sich der deutsche 100-m-Rekordler (9,98 Sekunden) dieser Tage vermutlich nicht beschweren. Dem Hamburger droht eine Vierjahressperre, seit er Anfang Juli mutmaßlich einen Dopingtest verweigert hat. Keine Staffelstarts für Ansah Der 25-Jährige geht in Birmingham über 100 und 200 m an den Start und zählt zum erweiterten Favoritenkreis. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) entschied allerdings, dass er nicht in der Staffel laufen wird - damit wird der möglichen nachträglichen Streichung des Mannschafts-Ergebnisses vorgebeugt. Ansah: "Schnell rennen ist mein Traum" Kann Ansah das alles ausblenden und im Alexander Stadium zur ersten deutschen 100-m-Einzelmedaille seit 40 Jahren sprinten? "Ich habe in den letzten Monaten gut trainiert, das Resultat sind die Rennen, die ich bringe. Das andere ist nun mal da, daran kann man nichts ändern", sagte er kurz vor dem Sanktionsbescheid der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) im Sportschau-Interview und gab sich bemerkenswert besonnen: "Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann, und das ist schnell rennen. Das ist mein Job, mein Traum, mein Hobby und das mache ich unfassbar gerne. Deshalb kriege ich das hin." Ob es die gesamte deutsche Mannschaft mit 114 Athletinnen und Athleten hinbekommt, das Thema Ansah auszublenden, bleibt abzuwarten. "Das große DLV-Team ist wahnsinnig stimmig", sagt Lückenkemper. "Das wird eine coole Meisterschaft, da bin ich mir sicher." Die Voraussetzungen sind ohne Zweifel gut, um an die Erfolge der rauschenden Heim-EM von München 2022 (16 Medaillen, darunter siebenmal Gold) anzuknüpfen und die Titelkämpfe vor zwei Jahren in Rom (11 Medaillen, einmal Gold durch Malaika Mihambo) zu übertrumpfen. Der DLV hat bei der ersten EM in Großbritannien einige Medaillenkandidaten im Team. Neben Tokio-Olympiasiegerin Malaika Mihambo (Weitsprung) gehen Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer, Julian Weber (Speerwurf), Frederik Ruppert (Hindernis) und Amanal Petros (Marathon) als Goldhoffnungen ins Rennen. Chancen auf Edelmetall haben unter anderem auch Paris-Olympiasiegerin Yemisi Mabry (Kugelstoßen), die erfahrene Gesa Krause (3000 m Hindernis), Hammerwurf-Vizeweltmeister Merlin Hummel sowie Emil Agyekum (400 m Hürden) und Robert Farken (1.500 m) aus dem boomenden Männer-Laufbereich. Die deutschen Sprintstaffeln haben laut Lückenkemper ebenfalls "ein Mitspracherecht, wenn es um die Medaillen geht". Darunter auch die Mixed-Staffel über 100 m. Erstmals wird in Birmingham Gold, Silber und Bronze im Mixed auch über diese Distanz vergeben. Wie schwer Ansahs Fehlen wiegt, ist die Frage. Sorgt Mabry für einen Auftakt nach Maß? Zu Beginn der WM in Tokio im vergangenen September hatten Mihambo, Petros und Hummel dem deutschen Team mit einem Silberregen Schub verliehen. In Birmingham könnte Mabry gleich am ersten Tag für einen glänzenden DLV-Auftakt sorgen. Die Paris-Olympiasiegerin will abrufen, was sie sich erarbeitet hat. "Dann bin ich guter Dinge, dass ich vorne mitspielen kann." Neugebauer und die 9000 Punkte Alles andere wäre für Zehnkampf-Weltmeister Neugebauer eine Enttäuschung. Er hat seinen ersten EM-Titel fest im Blick. "Ich hatte noch nie irgendeinen perfekten Zehnkampf. Es lief ja immer irgendwas ein bisschen schief", sagt der 26-Jährige. Vielleicht ändert sich das ja schon in Birmingham. Der "unperfekte" Neugebauer ist mit seinem deutschen Rekord (8961 Punkte) sechstbester Zehnkämpfer der Geschichte - kaum vorstellbar, wo es da an zwei perfekten Tagen hingehen kann. 9000 Punkte? "Das ist echt möglich", sagt Neugebauer. Schon dieses Jahr? "Never say never!" Nächster Weltrekord? Duplantis im Fokus In neue Sphären vorstoßen, damit kennt sich keiner besser aus als Armand "Mondo" Duplantis. Die Lichtgestalt des Stabhochsprungs peilt in Birmingham nicht nur den vierten EM-Titel, sondern auch den nächsten Weltrekord an. Die von ihm im März aufgestellte Bestmarke liegt bei 6,31 m. Das Finale haben die Organisatoren nicht von ungefähr auf den letzten Wettkampftag der 27. Leichtathletik-Europameisterschaften gelegt. Der Hauptfokus wird dann auf der Stabhochsprunganlage im Alexander Stadium und Überflieger Duplantis liegen.