Bereitet sich Moskau auf den Verlust der Krim vor?
Startseite Politik Russland soll geheimen Evakuierungsplan vorbereiten: Verliert Putin die Krim? Von: Tim Krüger Uns auf Google folgen Die Ukraine hat die nördlichen Versorgungsrouten zur Krim weitgehend gekappt. Nun kursieren Berichte über Moskaus Notfallpläne zur Evakuierung. Die russisch besetzte Halbinsel Krim gerät militärisch und logistisch in eine immer bedrohlichere Lage. Seit dem Frühjahr 2026 verfolgt die ukrainische Armee eine neue Strategie: Statt kostspieliger Bodenoffensiven setzt Kiew auf eine systematische Abschnürung der Halbinsel durch den massiven Einsatz kostengünstiger Drohnensysteme. Die sogenannte „Mittelstreckenkampagne“ hat binnen weniger Wochen die wichtigsten Versorgungskorridore weitgehend außer Gefecht gesetzt. Die Folgen sind gravierend – und reichen bis in die Führungsetagen der russischen Besatzungsverwaltung. Initiiert wurde die Kampagne Anfang April 2026 vom ukrainischen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, der eigens neu formierte Einheiten für unbemannte Systeme einsetzte. Das erklärte Ziel: ein vollständiger logistischer Zusammenbruch der russischen Streitkräfte in den besetzten Gebieten. „Im Grunde genommen wird die Krim durch Drohnen isoliert. Und es sieht so aus, als würde sie sich in naher Zukunft in eine Insel verwandeln“, erklärte Fedorow in einem Interview mit ukrainischen Medien. Die „Mittelstreckenkampagne“ zeigt Wirkung Im Zentrum der ukrainischen Strategie steht die systematische Zerstörung jener Infrastruktur, über die russische Truppen und Material auf die Krim gelangen. Am 22. Juni 2026 wurde die strategisch bedeutende Eisenbahnbrücke über den Nord-Krim-Kanal nahe dem Ort Rosdolne in einer koordinierten Aktion zerstört – ein komplettes Brückensegment stürzte ein. Einen Tag später registrierten Satellitenaufnahmen schwere Schäden an der Tschonhar-Brücke sowie an der Henitschesk-Brücke. Die russische Seite sah sich daraufhin gezwungen, eine provisorische Pontonbrücke nahe Tschonhar zu reaktivieren, die zuvor drei Jahre lang ungenutzt geblieben war. Der militärische Gütertransport entlang der zentralen Autobahn R-280 brach laut dem Kommandeur der 414. Unbemannten Luftangriffsbrigade, Robert „Madyar“ Brovdi, innerhalb von nur zwei Wochen um 71 Prozent ein, wie unter anderem „The Guardian“ berichtet. Die ukrainische Seite nutzt dabei neuartige Drohnentypen wie „Hornet“, „Dart“ und die Anti-Brücken-Drohne „Behemoth“ – deren Stückpreis unter 50.000 US-Dollar liegt – um die die russischen Verteidigungskapazitäten zu überfordern. Teure Flugabwehrsysteme scheitern oftmals an der schieren Masse der Angreifer. Die Kertsch-Brücke als letztes Nadelöhr Angesichts der weitgehend zerstörten nördlichen Landkorridore stellt sich die Frage, was von Russlands Versorgungsinfrastruktur auf der Krim noch übrig bleibt. Die Antwort des ukrainischen Militäranalysten Oleksandr Kovalenko von der Gruppe „Information Resistance“ gegenüber der österreichischen „Krone“ fällt knapp aus: „Tatsächlich bleibt nur noch die Kertsch-Brücke übrig.“ Das 19 Kilometer lange Bauwerk, das Wladimir Putin persönlich im Mai 2018 eingeweiht hatte, ist symbolisch wie kein zweites Bauwerk mit dem russischen Anspruch auf die Halbinsel verknüpft. Militärisch hingegen hat es als logistisches Fundament bereits weitgehend ausgedient. Aufgrund massiver struktureller Schäden durch ukrainische Angriffe in den Jahren 2022, 2023 und 2025 wird die Brücke von den russischen Streitkräften nicht mehr für schwere Munitions- und Treibstofftransporte genutzt. Als die Besatzungsbehörden das Bauwerk am 21. Juni 2026 zudem für den motorisierten Individualverkehr sperrten, bildete sich auf der Ausreiseseite ein gewaltiger Stau. Dass die Ukraine die Brücke trotz ihrer bekannten Verwundbarkeit bislang nicht vollständig zerstört hat, folgt einer kalkulierten militärischen Rationalität: Solange ein Fluchtweg nach Osten offenbleibt, neigt die russische Bevölkerung und Verwaltung zur freiwilligen Evakuierung. Um die Brücke zu schützen, greift das russische Militär zu ungewöhnlichen Mitteln: Satellitenaufnahmen belegen den großflächigen Einsatz künstlicher Nebelwände, die die Suchköpfe ukrainischer Präzisionswaffen irritieren sollen. Militäranalysten zweifeln jedoch an der Wirksamkeit dieser Methode. Da die geografischen Koordinaten der Brücke unveränderlich sind, können moderne ukrainische Systeme das Ziel auch ohne visuelle Sicht ansteuern. Ausnahmezustand, Treibstoffkollaps und geheime Evakuierungspläne Am 26. Juni 2026 rief der von Moskau eingesetzte Gouverneur der Republik Krim, Sergej Aksjonow, den regionalen Ausnahmezustand aus. In einer bemerkenswert offenen Erklärung räumte Aksjonow ein, dass sich die Halbinsel in einer „schwierigen Phase“ befinde und die russische Luftabwehr keinen absoluten Schutz garantieren könne. Parallel dazu hat Aksjonow bereits Befehle erteilt, bombensichere Ausweichquartiere für die Besatzungsregierung außerhalb Simferopols vorzubereiten. Besonders gravierend ist die akute Treibstoffknappheit, die nach einer ukrainischen Angriffswelle auf Öl-Raffinerien ganz Russland trifft. In Sewastopol ist Benzin für die Zivilbevölkerung vollständig aufgebraucht; Diesel steht nur noch sporadisch zur Verfügung. Der Benzinpreis stieg um rund 50 Prozent im Vergleich zum russischen Durchschnitt, am 30. und 31. Mai 2026 wurden Rationierungskarten eingeführt. Der reguläre Busverkehr im besetzten Süden wurde weitgehend eingestellt. Hinzu kommen flächendeckende Stromausfälle: Berichten zufolge ist etwa die Hälfte der Halbinsel ohne Elektrizität. Vor diesem Hintergrund gewinnen Berichte über konkrete Evakuierungsvorbereitungen an Gewicht. Wie der investigative russische Telegram-Kanal „VChK-OGPU“ berichtete, hat die russische Führung einen detaillierten Evakuierungsplan für bis zu 250.000 Personen ausgearbeitet. Betroffen wären vorrangig Angehörige der Besatzungsbehörden, der Justizorgane und der Geheimdienste sowie deren Familien. Kovalenko bewertet diesen Plan als „äußerst wahrscheinlich“ und weist darauf hin, dass Moskau sich der extremen Verwundbarkeit der Kertsch-Brücke vollkommen bewusst sei. Sollte dieser letzte Fluchtweg dauerhaft gekappt werden, wäre eine Evakuierung der administrativen Elite faktisch unmöglich.