Berlin-Adlershof, die „wissenschaftliche Wüste“? Ein Widerspruch
Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Die Darstellung von Professor Ingolf Hertel in der Berliner Zeitung bezüglich der Entwicklung des Wissenschaftsstandorts Adlershof drängt mich zu einer Erwiderung. Ich reagiere auf diesen Artikel nachfolgend ausschließlich aus meinen eigenen Erfahrungen. Hertel schildert in seinem Interview, wie er seine Ankunft in Adlershof erlebt und was er dort im Laufe der Jahre alles bewirkt hat. Er schildert die Situation aus der Sicht eines aus dem Westen (Freiburg) angekommenen Wissenschaftlers, der Adlershof mit seinen „tristen Bauten“ (seine Töchter müssen bei deren Anblick weinen) als wissenschaftliche Wüste empfindet. Wenn ich heute nach Adlershof fahre, bin ich immer wieder erstaunt, was aus dem damaligen Akademie-Gelände geworden ist. Ich finde ständig neue Institute und Unternehmen, die sich auf dem Gelände einen Standort für ihre Arbeiten errichten – und freue mich darüber. Ich habe ab 1970 in einem Adlershofer Akademie-Institut gearbeitet und bis zu meiner Berentung im Jahre 2008 alle Entwicklungen miterlebt. Ab 1980 leitete ich eine Abteilung, die engen Kontakt mit der Glas- und Stahlindustrie der DDR hatte. Die intensivste Zeit war die Zeit von 1988 bis etwa 1994. Mit der Rückendeckung von Michail Gorbatschow begann in unseren Instituten eine Zeit mit offenen Diskussionen und Veränderungen. Diese Entwicklung endete mit der „Abwicklung“ und für uns mit der Zeit, als fast alle meiner früheren AdW-Mitarbeiter mit den unterschiedlichsten Unterstellungsverhältnissen recht und schlecht bei einer Bundesanstalt untergekommen waren. Mangel macht kreativ Ich stehe auch heute noch dazu, dass wir eine ordentliche wissenschaftliche Arbeit geleistet haben, für die wir uns nicht schämen müssen – natürlich unter den uns gegebenen Bedingungen der DDR. Dazu gehörte eine geringe finanzielle Ausstattung, gehörten geringe Möglichkeiten, wissenschaftliche Geräte auf dem Weltmarkt zu erwerben. Das führte aber auch dazu, sich kreativ im Eigenbau zu behelfen. Hervorragend darin war auch das Zentrum für wissenschaftlichen Gerätebau der AdW unter Norbert Langhoff. Meine Vorgänger haben so z.B. einen Labor-Lichtbogenofen für Schmelzversuche gebaut und ein Dilatometer für den Hochtemperaturbereich entwickelt. In Gemeinschaftsarbeit mit der Elektro- und Feuerfestindustrie wurde in den Siebzigerjahren darüber hinaus ein kleintechnischer Lichtbogenofen entwickelt, der auch gesamtdeutsch ein Unikat war. Leider muss ich mich beim Lesen des Artikels an eine Veranstaltung Anfang der Neunzigerjahre erinnern, als unter der Leitung von Herrn Hertel über Adlershof und die Zukunft des Wissenschaftsstandorts diskutiert werden sollte. Hier hörte ich erstmalig den Ausdruck, dass er und seine Kollegen aus dem Westen Adlershof als „wissenschaftliche Wüste“ vorgefunden haben. Zu dieser Äußerung gab es keinen Widerspruch! Der Akademie der Wissenschaften wurden um 1960 der Windkanal, das Funktionsgebäude und die Testhalle als Laboreinrichtung zugewiesen, die seit 1945 vom Militär genutzt wurden. Seither hat sich meine Abteilung dort für unsere Arbeiten eingerichtet, zusammen mit den Abteilungen, die sich mit Glas- und mit Keramikentwicklungen befasst haben. Die zwölf Meter hohe Testhalle war für unsere thermischen Versuche ideal. In die sonstigen Gegebenheiten, gebaut für die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL), mussten wir uns schicken – und es ging. Mit viel Geschick und Improvisationstalent bauten unsere Techniker z.B. unter den Röhren des Windkanals eine Lagermöglichkeit für unsere Rohstoffe und Verbrauchsmaterialien – bestimmt kein „Bauwerk“, das Herrn Hertel gefallen hätte. Unsere wichtigste Forschungsaufgabe war bis 1990, Hochtemperaturmaterialien für die Glas-, Stahl- und chemische Industrie zu entwickeln, die deren Reinheitsansprüchen entsprachen, während der Außenhandel mit der DDR-Mark nur billige und zum Teil über das Jahr in der Zusammensetzung schwankende Rohstoffe beschaffen konnte. Das war für westliche Konkurrenten mit der stabilen D-Mark nicht nötig. Diese Themen waren für uns nach 1990 nicht mehr relevant. Gemeinsam mit der TU Berlin begannen wir mit der thermochemischen Behandlung von schadstoffbelasteten Rückständen (Filterstäuben, Schlacken, industrielle Abprodukte), die bisher aus der Bundesrepublik auf die Deponien der DDR verbracht wurden (Ketzin, Schöneiche, Schönberg usw.), was nun rechtlich nicht mehr möglich war. Kontraproduktive und abwertende Äußerungen Bei der Evaluierung unserer Abteilung durch den Wissenschaftsrat des Bundespräsidenten kam es zu verbalen Auseinandersetzungen. So erläuterten wir einem Ratsmitglied, einem Professor der BASF, unser Forschungsziel: Abtrennung und Wiederverwertung der Schadstoffe aus kontaminierten Rückständen und minderwertigen Rohstoffen (Schwermetalle, Zink usw.) und Zerstörung organischer Gifte (Dioxin u.a.), Verwertung der schadstofffreien silikatischen Restschmelze als Baustoff (Platten, Fasern usw.). Um uns die Sinnlosigkeit unserer Arbeiten zu demonstrieren, entgegnete jener Professor: „Wir haben doch jetzt mehrere Kalischächte in Thüringen und Sachsen-Anhalt zurückgewonnen. Die können wir doch erst einmal damit vollstellen.“ Derartige kontraproduktive und abwertende Äußerungen waren häufig auf der Tagesordnung. Gott sei Dank pflichtete uns der Delegationsleiter, Professor Hansjörg Sinn, bei. Das Ergebnis der positiven Evaluierung war schließlich, dass wir für zwölf damalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine feste Stelle für eine Nachfolgeeinrichtung zugesprochen bekamen. Nun ging der Kampf um die Unterbringung meiner Mitarbeiter weiter. Wir versuchten es über Drittmittel bei der DFG und der AiF, der Fraunhofer-Gesellschaft, bei der Industrie, über das System HEP-WIP und über ABM-Maßnahmen. Ich war ständiger Gast beim Arbeitsamt. Trotz aller Bemühungen war über Jahre die Finanzierung der Mitarbeiter oft ungewiss und deren Absicherung kostete viel Energie. Unsere Gebäude wurden vom Berliner Senat der Humboldt-Universität übereignet, die mehrmals mit dem Rauswurf aus unseren Räumen drohte. Wir hatten unsere angestammten Arbeitsräume am Windkanal 1991 illegal besetzt und weitergearbeitet – und das zeitweilige Bleiberecht mit Unterstützung wohlwollender Senatsmitarbeiter nach und nach ertrotzt. Eine Studie für die geplante Müllverbrennungsanlage in Böblingen zur Verwertung der anfallenden Reststoffe (Schlacke, Filterstäube und Klärschlammasche aus der Anlage in Stuttgart-Mühlhausen) verschaffte uns z.B. das Geld, um drei Monate weiterarbeiten zu können. Voraussetzung für die Gültigkeit meines persönlichen Arbeitsvertrages als Drittmittelbediensteter war die Bestätigung der Gauck-Behörde, kein Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein. Weiterhin musste ich die Bestätigung des Wissenschaftsministeriums in Thüringen erbringen, dass mein Physikstudium an der FSU Jena einem Studium an einer West-Universität gleichkommt. Erhebliche Gehaltsunterschiede Ich hatte Bekannte im Zentralinstitut für Optik und Spektroskopie (ZOS), aus dem dann durch das Engagement von Herrn Hertel das Max-Born-Institut hervorging. Ein Abteilungsleiter, Professor Hertz, war sogar Gutachter meiner Dissertationsarbeit. Ich weiß durch meine Kontakte um Hertels Bemühungen um den Aufbau des Max-Born-Instituts, vor denen ich Hochachtung habe. Die Aktivitäten von Hertel spielten sich aber mit dessen Beziehungen und seinem Netzwerk in Politik und Wirtschaft der Bundesrepublik auf einer anderen Ebene ab, als dies für uns möglich war. Mir standen die etwa 5000 AdW-Mitarbeiter in Adlershof nahe, von denen vielleicht 1000 bis 2000 den Übergang in die „neue Zeit“ überstanden haben. Viele wurden Pharmaberater, Hilfsarbeiter, Kellner oder wurden mit einem goldenen Handschlag aus der Arbeitslosenstatistik entlassen. Einige sind daran verzweifelt. Das waren sicher nicht nur, wie Hertel schreibt, „vom Kommunismus indoktrinierte“ Leiter und Mitarbeiter. Wir hatten in dieser Beziehung Glück, lebten und arbeiteten aber in einer anderen Liga als Hertel. Um 1994 waren wir in einer Bundesanstalt „angekommen“, allerdings mit verschiedenen Vergütungssystemen, die sich „gehaltsmäßig“ erheblich unterschieden (Leute aus dem Osten, Mitarbeiter aus der AdW, die zeitweilig in Dahlem gearbeitet hatten, ABM-Kräfte, Drittmittelbedienstete, ein West-Angestellter, der zu uns geschickt wurde …). Dabei verdient der aus dem Westen „delegierte“ Ingenieur viel mehr als unser bester (promovierter) Chemiker. Auch damit mussten wir leben. Und es ging. Hertel erwähnt den aus Gotha stammenden Professor Dirk Oschmann als Beispiel dafür, dass auch Leiter aus dem Osten in höhere Funktionen kommen konnten. Er hat in dessen Buch überlesen, dass er sich bei der Bewerbung als Wissenschaftler vorgestellt hat, der seine Sporen in den USA verdient hat. Hertel schreibt, dass er jungen Kollegen beibringen musste, Vorträge zu halten. Das mag stimmen. Wir waren bei unserer Außendarstellung meist an Fakten orientiert und weniger an einer Show. Da muss ich an (die uns heute sehr fehlende) Regine Hildebrandt denken, die in einer Sendung von Alfred Biolek einmal sagte, uns fehle zum Abitur das Jahr Schauspielunterricht, um mehr zu scheinen als zu sein. Auch ich habe mich auf diesem Gebiet „bewegen“ müssen. Ehrgeiz kontra Arroganz Der genannte kleintechnische Lichtbogenofen, von dem ich sprach, und viele Kammeröfen aus dem VEB LEW Hennigsdorf waren unsere wichtigsten Forschungsgeräte. Als die ersten Funktionsträger aus dem Westen kamen, fragten sie: „Für diesen Ost-Schrott aus Hennigsdorf wollen Sie eine bundesdeutsche Genehmigung (nach BImSchG) haben?“ Dieser Arroganz setzen wir unseren Ehrgeiz entgegen. Bald hatten wir die Genehmigung von der zuständigen Senatsbehörde und konnten unsere Forschungen an kontaminierten Stoffen mit neuer Abgasreinigung und Schadstoffanalytik fortführen. Heute ist dieser Lichtbogenofen, aufgerüstet mit neuer Hydraulik und Elektronik und vielen Zusatzgeräten, eines der wichtigsten Forschungsgeräte im neuen Technikum der Bundesanstalt in Adlershof. Und meine Forschungsgruppe, um deren Existenz ich über Jahre gekämpft habe, ist dort ein anerkannter Fachbereich. Wie wäre die Wiedervereinigung der deutschen Wissenschaft gelaufen, wenn man sich auf Augenhöhe getroffen hätte, ohne uns ein anderes System meist ohne fachliche Auseinandersetzung überzustülpen? Die Symbiose von Wissenschaftlern und Technikern aus dem Westen mit all ihren internationalen Beziehungen, oft ausgerüstet mit den besten Geräten und einem hohen Wissensstand mit Wissenschaftlern aus dem Osten, mit ihren spezifischen Kenntnissen und ihren Fähigkeiten, zu improvisieren und mit wenig Mitteln Ergebnisse zu erzielen, oft im Besitz von guten Verbindungen zu Fachkollegen in den östlichen Staaten, hätte auf manchen Gebieten zu einer neuen Qualität in der Forschung geführt. Die Geschichte ist „gelaufen“. Die Nachwirkungen sind aber heute noch spürbar, nicht nur in der Wissenschaft und der Politik. Vielleicht könnten sich die vielen „Aufarbeiter“ mit diesem Problem befassen, die dabei sind, uns unser Leben in der DDR zu erklären. Gerd Kley ist promovierter Physiker und arbeitete seit 1970 an Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 1980 bis zur „Abwicklung“ 1991 leitete er dort die Abteilung „Hochtemperaturwerkstoffe“. Von 1992 bis zur Berentung 2008 war Kley als Projektleiter an einer Bundesanstalt tätig. In seinen nebenberuflichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Persönlichkeiten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung und von der Kunstgeschichte vernachlässigt werden. Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert. Lesen Sie mehr zum Thema