Berlin: Hackerangriff bedroht Tausende Wohngeldzahlungen
Sechs Tage nach dem Hackerangriff auf das Berliner Landesnetz ist nicht absehbar, wann die betroffenen Behörden wieder voll funktionsfähig sein werden. »Der Angriff auf unser Landesnetz war ernst, und er ist auch noch ernst«, sagte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Die Behebung des Problems werde noch Tage dauern. Nach ersten Kenntnissen seien keine sensiblen Daten abgeflossen, betonte er. Der Hackerangriff war am Freitag entdeckt worden. Aus Sicherheitsgründen wurden die beiden betroffenen Behörden – die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sowie die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Umwelt und Klimaschutz – vom Landesnetz abgetrennt. Ob der Angriff möglicherweise schon ein paar Tage zuvor erfolgte, wird nach Angaben der Sicherheitsexperten noch untersucht. Die Bedrohung durch Cyberattacken sei generell groß, so Wegner. Jeden Tag würden sehr viele Angriffe von den zuständigen Stellen verhindert. »Jetzt ist ein Hackerangriff gelungen.« Wegner versicherte: »Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die beiden Verwaltungen schnellstmöglich wieder ans Netz zu bekommen. Wir sind auch vorsichtig optimistisch, dass es schnell gehen kann.« Berlins Chief Digital Officer Florian Hauer sprach von einem »sehr ernsten Angriff«. Hier seien keine Amateure am Werk gewesen. Die Attacke sei aber schnell entdeckt worden, sodass sehr frühzeitig Gegenmaßnahmen hätten eingeleitet werden können. Die beiden Senatsverwaltungen seien vorsorglich vom Netz genommen worden, um Schlimmeres zu verhindern. Ferner sei nach derzeitigem Stand kein weiterer Schaden entstanden. Geodaten abgeflossen Details zur Art des Angriffs nannte der Senat nicht und verwies auf Sicherheitsgründe. Man wolle Ermittlungen zu dem Vorfall nicht behindern und keine »etwaigen Schwachstellen« offenlegen. »Jetzt geht es darum, die Gefahr einzudämmen und zu isolieren«, erläuterte Hauer. »Im Moment geht es um akutes Krisenmanagement, nicht um Ursachenanalyse.« Die folge später. Bisher bestehe kein Anlass, weitere Behörden vom Netz zu nehmen, ergänzte Hauer. Die Untersuchungen liefen aber weiter. Berlin stehe dabei auch mit Sicherheitsbehörden beim Bund in einem engen Austausch. Laut Senat hilft auch eine große US-Sicherheitsfirma dabei, die Folgen des Angriffs zu bewältigen. Laut Wegner waren der oder die Täter im System. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, größere Schäden anzurichten, doch die Sicherheitsmaßnahmen hätten schnell gegriffen. Nach Angaben des Landesbevollmächtigten für Informationssicherheit, Olaf Kroll-Peters, flossen bei der Attacke Geodaten ab, die ohnehin im Netz frei verfügbar seien. Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September sei durch den Hackerangriff nicht gefährdet, sagte Innensenatorin Iris Spranger. »Nach jetzigem Stand sind die IT-Systeme, die für die Wahlen benötigt werden, nicht betroffen«, so die SPD-Politikerin. Das gelte sowohl für die IT-Systeme zur Wahlvorbereitung als auch für die Systeme, die für die Wahlauswertung zentral seien. Nach Angaben Sprangers war die Onlinebeantragung von Wahlscheinen für die Briefwahl etwa einen Tag lang nicht möglich. Das funktioniere nun aber wieder ohne Einschränkungen. Die Innensenatorin unterstrich, das kurzfristige Problem sei kein Grund, um die Wahl später anfechten zu können. Bürgerinnen und Bürger könnten auch auf andere Weise Briefwahl beantragen, etwa per Mail, postalisch oder im Bezirkswahlamt. Laut Landeswahlamt ist offen, ob die Panne bei der Wahl-IT überhaupt mit der Cyberattacke zu tun hat. Probleme beim Wohngeld Infolge des Hackerangriffs sind die beiden betroffenen Senatsverwaltungen vom Internet abgeschnitten und können keine E-Mails mehr versenden. Ein Arbeiten vom Homeoffice aus ist nicht möglich. Laut Senatskanzlei sind die Verwaltungen aber arbeitsfähig. Allerdings wirken sich die Probleme auch auf Bereiche aus, die an die Senatsverwaltungen angeschlossen sind. So ist unter anderem die Auszahlung von Wohngeld an mehr als 50.000 berechtigte Haushalte in Berlin nicht möglich. Die Senatsverwaltung arbeite intensiv daran, die Auszahlung sicherzustellen, betonte Wegner. Linke und SPD forderten notfalls alternative Lösungen zur Auszahlung dieser und anderer staatlicher Leistungen. »Dieser IT-Gau darf niemanden seine Wohnung kosten«, sagte Linkenfraktionschef Tobias Schulze. Beim Thema IT und Digitalisierung hält CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers eine zentrale Steuerung für wichtig. »Ich trete dafür ein, dass wir ein zentrales Digitalbudget und einen Chief Digital Officer mit Durchgriff auf die Ressorts bekommen«, sagte Evers der Nachrichtenagentur dpa. »Die Gefährdungslage in Berlin ist als Bundeshauptstadt generell hoch. Deshalb muss Cybersicherheit höchste Priorität haben«, erklärte der Finanzsenator.