Berliner Drohnen-Start-up: Die nächste Wette von Peter Thiel
Es gibt Unternehmen, deren Wert unter den richtigen Bedingungen explosionsartig steigt. Facebook zum Beispiel: Zwischen 2006 und 2007 vervielfachte sich die Bewertung des damals noch jungen sozialen Netzwerks in nur 18 Monaten von rund 500 Millionen auf 15 Milliarden US-Dollar. Oder OpenAI, das 2024 durch den kometenartigen Aufstieg von ChatGPT in zehn Monaten seinen Wert von 29 auf 80 Milliarden Euro steigern konnte. Ein Berliner Drohnen-Start-up hat dieses Tempo nun übertroffen. Als "Stark Defence" Anfang des Jahres eine Finanzierungsrunde abschloss, bewerteten Investoren das Unternehmen mit rund einer Milliarde Euro. Nur fünf Monate später folgte die nächste Runde: weitere 500 Millionen Euro frisches Kapital und eine neue Unternehmensbewertung von 3,2 Milliarden Euro [handelsblatt.de]. Innerhalb eines halben Jahres hat sich der Wert des erst zwei Jahre alten Unternehmens damit mehr als verdreifacht. Ein Grund für diesen rasanten Aufstieg dürfte ein 270 Millionen Euro-Auftrag der Bundeswehr sein [br.de]. "Wir konnten mit dem Vertrag der Bundeswehr vielen Investoren zeigen, dass wir nicht nur in PowerPoint oder auf Computern schöne Ergebnisse erzielen können, sondern dass wir auch den militärischen Nutzer effektiv davon überzeugen können, ihnen live zeigen können, was das System kann", sagte Sebastian Clauß, Vize-Chef der Software-Abteilung von Stark, dem rbb Anfang Juni auf der Luftfahrtmesse ILA. Ein Auftrag der Bundeswehr gleicht einem Ritterschlag für junge Defence-Tech-Unternehmen. Er signalisiert Investoren, dass aus einer Idee ein Geschäft werden kann. Die Zeitenwende liefert dafür den Nährboden. Steigende Verteidigungsausgaben machen Defence-Tech zu einer der am schnellsten wachsenden Branchen Europas. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum Stark seit Monaten Aufmerksamkeit auf sich zieht: die Liste seiner Investoren. Neben dem renommierten Silicon-Valley-Fonds Sequoia Capital, dem NATO Innovation Fund und Döpfner Capital, dem Investmentvehikel des Springer-Chefs Mathias Döpfner und seines Sohnes, gehört dazu auch der Founders Fund des deutschstämmigen Silicon-Valley-Investors Peter Thiel. Thiel war einer der ersten Geldgeber von Facebook, gründete PayPal mit, investierte früh in OpenAI, baute den Datenkonzern Palantir auf und gilt als einer der erfolgreichsten Venture-Capital-Investoren der vergangenen zwei Jahrzehnte. Peter Thiel wettete bereits früh auf Stark. Schon bei der ersten großen Finanzierungsrunde beteiligte er sich an dem Berliner Start-up. Nun investierte sein Founders Fund erneut. Für Venture-Capital-Investoren ist das kein Zufall: "Ein früher Einstieg bei einem Unternehmen, wo der Wert noch nicht ganz klar ist, ist für diese Menschen ja eigentlich das Geschäft", sagt Autor und Silicon-Valley-Experte Adrian Daub rbb|24. Zugleich zählt Thiel aber auch zu den einflussreichsten Ideengebern der amerikanischen Rechten. Er spendete für den Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump und unterstützte den Vizepräsidenten JD Vance, der früher sogar für Thiel arbeitete [manager-magazin.de]. Für Adrian Daub, Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der US-Universität Stanford ist Thiel sogar "ein Feind des Staates". Eine paradoxe Ideologie für jemanden, der wie Thiel sein Geld auch mit Staaten und zunehmend auch mit ihrer Verteidigung macht. Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, hat bei Thiel System. Daub nennt diese Vorstellung im Gespräch mit dem rbb "Corporate Sovereignty". "Unternehmen, die unabhängig von Staatsgebilden operieren und eigentlich staatsähnlich werden können", sagt Daub. In diesen Firmenstaaten würden Grundrechte, so die Vorstellung von Peter Thiel, zur Verhandlungssache. "Da wäre zum Beispiel das Frauenwahlrecht zu nennen, aber auch verschiedene andere Bürgerrechte, die ihn stören und die es in seinem Firmenstaat nicht geben sollte." Wie tief Technologie, Politik und Weltanschauung bei Thiel miteinander verwoben sind, zeigt auch seine Beschäftigung mit religiösen Endzeitvorstellungen. Im Mittelpunkt steht seine Deutung des Antichristen [deutschlandfunk.de]: In Vorträgen beschreibt Thiel den Antichristen nicht als Kriegstreiber, sondern als jemanden, der den technischen Fortschritt aufhalten will. "Thiels Vorlesungen zum Antichristen gehen ja darauf aus, dass im Grunde genommen der Antichrist auftreten wird, indem er vor KI warnt", sagt Daub. Das sei sehr nützlich: Wer Unternehmen kritisiere, in die Thiel investiert hat, werde in dieser Denkweise schnell zum Gegner des Fortschritts, ja sogar zum Antichristen erklärt. "Wenn sich also Peter Thiel offensiv für ein Unternehmen interessiert, ist es schon gut nachzufragen, warum", sagt Daub. Diese Frage beschäftigte auch die Politik. Noch vor dem ersten Bundeswehrauftrag an Stark äußerte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) öffentlich Bedenken gegen die Beteiligung Thiels. Er teile diese "ausdrücklich"[zeit.de], sagte er im Februar bei einem Besuch in einer Bundeswehrkaserne im baden-württembergischen Calw. Vor einer Beschaffung müsse geklärt werden, wie groß der Einfluss des US-Investors auf das Unternehmen sei. Wenige Wochen später erhielt Stark dennoch den Zuschlag der Bundeswehr. Inzwischen beteiligte sich Thiels Founders Fund auch an einer weiteren Finanzierungsrunde über 500 Millionen Euro. Das Unternehmen weist einen Einfluss Thiels entschieden zurück. Auf Anfrage des rbb erklärt Stark, die direkten und indirekten Anteile Peter Thiels seien durch die jüngste Finanzierungsrunde sogar weiter gesunken. Er habe weder Zugang zu Technologien noch besondere Kontroll- oder Einflussmöglichkeiten. Ohne Zustimmung der Bundesrepublik könne ein solcher Zugang auch gar nicht gewährt werden. Stark unterliege deutschem Recht und Exportrecht, Vorstand, Aufsichtsrat sowie Entwicklung und Produktion befänden sich ausschließlich in Europa. Für das Unternehmen ist die Frage damit beantwortet. Bereits im Juni verwies Sebastian Clauß auf maximale Transparenz gegenüber den staatlichen Auftraggebern. "Bezüglich unserer Investments gehen wir absolut offen gegenüber unseren Auftraggebern, also sprich dem Bundestag und dem Bundesverteidigungsministerium um. Das bedeutet also denjenigen, die Fragen dazu haben, die direkt im Beschaffungsprozess beteiligt sind, denen ist unsere Unternehmensstruktur, die Beteiligungsstruktur bekannt." Im Bundestag wird diese Einschätzung jedoch nicht von allen geteilt. "Ich habe keine Transparenz über die Gesellschaftsstruktur dieses Unternehmens. Ich weiß auch nicht, inwiefern Thiel da jetzt operativen Einfluss hat oder nicht", sagt Sebastian Schäfer, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion und stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss dem rbb. "Ich weiß allerdings, dass dieses Unternehmen mit unserer Bundeswehr im Geschäft ist, dass es Gewinn erzielt, den am Ende unsere Steuerzahlerinnen und Steuerzahler bezahlen und dass dieses Geld an Peter Thiel geht oder jedenfalls ein Teil dieses Geldes, der unserer Demokratie, unserer Freiheit nichts Gutes will, wenn man ihm Glauben schenkt, was er auch öffentlich ja immer wieder gesagt hat." Bundeswehrzahlungen fließen zwar nicht direkt an Peter Thiel, als Investor profitiert er aber davon, wenn Aufträge das Unternehmen wachsen lassen und seinen Wert steigern. Tatsächlich hat Thiel seine politischen Vorstellungen nie verborgen. "Ich glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind", schrieb er bereits 2009 in einem viel beachteten Essay [www.cato-unbound.org]. Der Satz zählt bis heute zu den radikalsten politischen Bekenntnissen eines führenden Silicon-Valley-Unternehmers. Für Adrian Daub ist er der Schlüssel, um Thiels Investments zu verstehen. Thiels Beteiligungen seien nie bloß Finanzinvestitionen. Sie folgten einer politischen Vorstellung davon, wer in Zukunft Macht ausübt. "Die Grundideologie der Tech-Branche in den letzten 20 Jahren ist eine Zweiklassengesellschaft. Es gibt Menschen, die die Technologie steuern, die die Systeme entwickeln, und es gibt die Menschen, auf die das angewandt wird", sagt Daub. Bei vielen Investoren sei das ein Nebeneffekt. "Bei Peter Thiel ist die Klassengesellschaft aber gewünscht. Sie ist das Prinzip." Mit Palantir gründete er gemeinsam mit Alex Karp eines der einflussreichsten Softwareunternehmen für Geheimdienste und Streitkräfte. Die Programme von Palantir analysieren riesige Datenmengen und unterstützen Sicherheitsbehörden und Militärs bei Entscheidungen. Mit seiner Beteiligung an Stark investiert Thiel nun erneut in eine Technologie, die künftig eine wichtige Rolle in der modernen Kriegsführung spielen könnte. Daub sieht darin ein Muster. Ob Software, die entscheidet, wer auf einer Fahndungsliste landet, oder Investitionen in Unternehmen, die militärische Schlüsseltechnologien entwickeln – immer geht es um Systeme, die staatliche Macht organisieren. "Seit Jahrzehnten sterben Menschen bei amerikanischen Drohnenangriffen, von denen wir nicht wissen, ob es in ganz schweren Anführungszeichen die Richtigen getroffen hat", sagt der Stanford-Professor im Gespräch mit dem rbb. Mit dem zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz werde diese Frage noch bedrohlicher. "Wenn man in dem Datensatz vorkommt und wenn das die Technologie ist, die bestimmt, wer von Drohnen angegriffen wird oder nicht, dann ist man sozusagen gearscht." Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Technologie selbst, sondern auch um die Frage wie Deutschland und Europa mit privaten Investoren in diesem sensiblen Bereich umgehen. Je mehr sicherheitspolitische Entscheidungen auf Daten und künstlicher Intelligenz beruhen, desto wichtiger wird die Frage, wer diese Systeme entwickelt, finanziert und damit ihren Aufbau überhaupt erst ermöglicht. Zwar gebe es Start-ups im Defence-Bereich, die darauf achten würden, dass ihr Kapital ausschließlich aus Europa komme, sagt der Bundestagsabgeordnete Sebastian Schäfer rbb|24. "Wir sehen aber, dass wir gerade, wenn es um Risikokapital geht, in Europa gegenüber den Vereinigten Staaten das Nachsehen haben." Gerade in einem Bereich wie der Verteidigung dürfe sich Europa deshalb nicht dauerhaft von Investoren abhängig machen. Schäfer sieht hier auch den Staat in der Pflicht. Die Bundesregierung könne über die KfW oder Minderheitsbeteiligungen selbst Kapital bereitstellen und damit mehr Kontrolle über sicherheitsrelevante Unternehmen gewinnen. "Mir geht es nicht um die Verstaatlichung dieser Unternehmen", sagt Schäfer. "Aber Verteidigungstechnologie gehört zu den sensibelsten Bereichen überhaupt." Das Problem endet also nicht bei der Beteiligung an einem einzelnen Unternehmen. Auch für Adrian Daub stellt sich eine grundsätzliche Frage: Was passiert, wenn dieselben Investoren nach und nach die Finanzierung immer weiterer Verteidigungstechnologien übernehmen? "Wenn Peter Thiel seine Finger bei allen möglichen Verteidigungstechnologien in Europa mit drin hat, dann kann der europäische Bürger so viel zetern, wie er will. Ohne Peter Thiel geht es dann nicht mehr." Ganz von der Hand zu weisen ist dieses Szenario nicht. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass Stark für Thiel nur eine von mehreren Wetten auf Deutschlands neue Rüstungsindustrie ist. Bereits 2023 stieg Thiel Capital beim bayerischen Drohnenhersteller Quantum Systems ein. Ende vergangenen Jahres erhielt das Unternehmen einen Bundeswehr-Auftrag über rund 750 Aufklärungsdrohnen [handelsblatt.de] im Wert von etwa 70 Millionen Euro. Anfang Juli folgte die nächste Finanzierungsrunde: 1,2 Milliarden Euro frisches Kapital, eine Unternehmensbewertung von rund acht Milliarden Euro. Damit ist Thiel inzwischen an zwei der drei milliardenschweren deutschen Defence-Start-ups beteiligt. Für einen Venture-Capital-Investor gehört es zum Geschäftsmodell, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Thiel investiert früh in einen Markt, der mit der Zeitenwende gerade erst entsteht. Seine eigentliche Wette ist deshalb nicht ein einzelnes Unternehmen. Seine Wette ist Deutschlands neue Rüstungsindustrie.