Berliner Volksbühne eröffnet Schwimmbad vor der Theatersaison
"Ich wollte immer schon Schwimmbadleiter werden und nicht Theaterdirektor, und den Wunsch habe ich mir jetzt erfüllt", sagt Mathias Lilienthal, künftiger Intendant der legendären Berliner Volksbühne, gut gelaunt. Das Badespektakel direkt vor dem Theater macht ihm offenbar sehr viel Spaß. Er springt auch selbst ins Wasser und fordert andere auf, doch mitzumachen. 25 Meter lang ist der Pool, fünf Meter breit und 1,30 Meter tief - also auch was für Nichtschwimmer, wenn sie nicht zu klein sind. Seit Freitag darf hier bis zum 1. Oktober jeder nach Herzenslust baden. Slots zum Baden bereits sehr beliebt Das Besondere: Der Eintritt ist gratis. Eine Ausweiskontrolle, wie in manchen Berliner Freibädern üblich, gibt es auch nicht. Eine der wenigen Regeln: Badewillige sollten per Internet Zeitslots reservieren. Denn wenn man an einer so exponierten Stelle schwimmen kann, also mitten in der Stadt vor eindrucksvoller Theaterkulisse, dann ist mit einem großen Andrang zu rechnen. Und so ist es auch. Die kommenden Tage, an denen das Bad geöffnet ist, sind schon ausgebucht. Man muss schnell sein. "Eine tolle Aktion und typisch Berlin", meint ein badendes Paar aus Dresden, das extra deswegen in die Hauptstadt gereist ist. Direkt nach dem Abtrocknen geht es zurück. Auch eine Pommesbude steht nebenan, für eine möglichst authentische Freibadatmosphäre. Es seien die billigsten Pommes von ganz Berlin, verspricht Lilienthal. Was hat Baden mit Theater zu tun? Eine coole Idee, gerade im heißen Sommer. "Aber was hat das mit Theater zu tun?", fragen kritische Beobachterinnen und Beobachter. Immerhin ist es ein recht kostspieliges Vorhaben: 300.000 Euro für Pool, Badepersonal, Security, Umkleidekabinen, Toiletten und mehr. Geld, das aus den Subventionen für das Theater stammt, und bei Inszenierungen womöglich fehlt. Aber Lilienthal zieht die Grenze zwischen Theater und Stadt ohnehin nicht so strikt. "Für mich ist auch Theater, wenn sich zwei Leute vor der Volksbühne nass spritzen. Für mich ist das auch schon ein theatralischer Akt", erklärt er. Protest gegen marode Infrastruktur und Ungerechtigkeit Baden ist volksnah, und das will die Volksbühne ja auch sein, daher auch der Name "Volksbad." Und ähnlich wie es bei der Volksbühne zum Wesenskern gehört, soziale Ungerechtigkeit anzuprangern, soll auch das Planschprojekt auf ein ernstes Problem aufmerksam machen: den Zerfall der Infrastruktur in Berlin. Zahlreiche Bäder seien zu oder auch teuer, kritisiert Lilienthal. So fiel die Entscheidung: "Wir helfen, dass Grundschüler schwimmen lernen, und stellen ein Schwimmbad hin." Geplant sind im Übrigen auch Kraulkurse und Einführungen ins Synchronschwimmen. Als er Intendant der Kammerspiele in München wurde, machte er mit einer ähnlichen Aktion von sich reden: Er ließ in der Münchner Innenstadt Hütten und andere provisorische Unterbringungsmöglichkeiten aufstellen, in denen man günstig übernachten konnte. Das war eine Protestaktion gegen die hohen Mietpreise in München. Kritik wegen Verschwendung Aber mit dem Berliner Pool schießt der sozialkritische und ideenreiche Theatermacher nach Ansicht von Kritikern über das Ziel hinaus. Denn angesichts des Spardrucks und der Kürzungen droht Berlins Kulturbetrieb gerade eher baden zu gehen, um im Bild zu bleiben. Mit 5,5 Prozent weniger Geld muss auch die Volksbühne auskommen. Wie kann man sich da so einen Pool leisten, wundert sich Alexander Kraus vom Bund der Steuerzahler Berlin. "Die Kulturlandschaft wird massiv vom Senat gefördert, was ja im Prinzip auch richtig ist, aber offensichtlich hat der Theaterbetrieb der Volksbühne zu viel Geld übrig, dass sie dann zusätzlich noch ein Schwimmbad betreiben kann", so Kraus. Auch die Bäderbetriebe klagen über einen Sanierungsstau Geld in solch ein temporäres Schwimmbad zu stecken, sei nicht besonders nachhaltig, findet Kraus. Schließlich klagen auch die Bäderbetriebe über einen Sanierungsstau in Höhe von 400 Millionen Euro. Zudem sei es ja auch nicht Aufgabe eines Theaters, ein Schwimmbad zu betreiben. Bäderbetriebe würden ja auch nicht anfangen, Theater zu spielen. Auch Dunja Wolff von der Berliner SPD-Fraktion ist etwas befremdet. Sie erinnert daran, wie sehr zahlreiche Theater ums Überleben kämpfen. "Wir haben viele kleine Theater auch im Bezirk, die so gekämpft haben. Die hätten sich über jeden Cent gefreut." Es fallen noch andere Gegenargumente ein: Wassermangel, zum Beispiel. Der Aufwand fürs unbeschwerte Baden ist enorm. Das Wasser muss täglich gefiltert und gereinigt werden. Für eine ökologische Variante habe das Geld dann doch gefehlt, muss der Intendant zugeben. Gute PR - Kartenverkauf nimmt zu Insgesamt aber wird der kulturelle Badespaß womöglich doch positiv als Riesengaudi mit hohem Aufmerksamkeitswert in die Kulturgeschichte Berlins eingehen. Und vielleicht kehrt das Geld auf Umwegen ins Theater zurück. Der Chefdramaturg der Volksbühne, Tarun Kade, berichtet, dass die Verkaufszahlen von Eintrittskarten gerade in die Höhe schnellen.