Besser als F-16: Warum die Ukraine auf diesen schwedischen Kampfjet setzt
Die Ukraine wird Gripen-Kampfjets erhalten, die als besonders geeignet für ihren Krieg gegen Russland gelten. Die Lieferung bringt kurzfristige Herausforderungen, könnte dem Land aber langfristig große Vorteile verschaffen. Die ukrainische Luftwaffe besteht derzeit aus westlich gelieferten F-16, französischen Mirage-Kampfjets und Flugzeugen aus sowjetischer Produktion. Der in Schweden entwickelte Gripen gilt jedoch als besonders passend für den ukrainischen Kampf: Er wurde dafür konzipiert, mobil zu bleiben, von einfachen Flugplätzen aus zu operieren, weniger Wartung als einige andere Kampfjets zu benötigen und gegen genau die Art von Bedrohung zu bestehen, die Russland darstellt. Die Ukraine soll im Rahmen eines Abkommens im Wert von etwa 2,54 Milliarden Dollar (etwa 2,2 Milliarden Euro) insgesamt 16 moderne Gripen-E-Jets erhalten, wie der schwedische Rüstungskonzern Saab kürzlich mitteilte. Die Auslieferungen sollen Anfang 2029 beginnen. Schweden will der Ukraine jedoch bereits Anfang kommenden Jahres 16 ältere Gripen-C/D-Maschinen zur Verfügung stellen. Der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson bezeichnete den Deal als „ersten Schritt“ auf dem Weg zu dem von der Ukraine erklärten Ziel, langfristig bis zu 150 Gripen-E/F-Flugzeuge zu erwerben. Tim Robinson, Experte für Militärluftfahrt bei der britischen Royal Aeronautical Society, sagte BI, die Jets würden nicht nur Verluste ersetzen, sondern auch den konkreten Anforderungen der ukrainischen Streitkräfte entsprechen. Die Flugzeuge seien „für einfache, flexible und verteilte Einsätze sowie schnelle Wiederbewaffnungs- und Wartungszeiten entwickelt worden“ – genau jene Doktrin, mit der die Ukraine ihre Luftwaffe erfolgreich am Leben gehalten und weiterkämpfen konnte, erklärte er. Dieses Design passt zu der Art, wie die Ukraine kämpfen muss: Ihre Flugzeuge müssen verteilt stationiert werden, regelmäßig den Standort wechseln und Angriffe auf feste Ziele vermeiden, die Russland leichter treffen könnte. Kampfjet für einen Krieg, in dem Flugplätze nicht sicher sind Der Gripen wurde gegen Ende des Kalten Krieges mit Blick auf Russlands Suchoi-Kampfjets entwickelt. Das Flugzeug entstand für den Fall, dass Luftwaffenstützpunkte und Startbahnen gezielt angegriffen werden und Maschinen für Einsätze abseits klassischer Militärstrukturen verteilt werden müssen – etwa Starts und Landungen auf zivilen Straßen. Der Gripen E ist die modernste Variante des Jets und eine deutliche Weiterentwicklung gegenüber dem Modell C/D. Die schwedische Luftwaffe nahm ihn Ende vergangenen Jahres in Betrieb. Ein ukrainischer Kampfpilot sagte bereits im vergangenen Jahr, der Gripen sei der einzige Jet, „für den ich bereit wäre, meine Seele zu verkaufen“. Er bezeichnete ihn als die „ideale Option“ für die Ukraine. Michael Bohnert, Militärexperte bei der RAND Corporation, sagte zuvor gegenüber BI, Gripen-Kampfjets seien „eine viel bessere Lösung für die Ukraine“ als F-16, weil sie „etwas stärker auf die Anforderungen zugeschnitten“ seien. Schweden habe „unter der Bedrohung durch Russland“ ein Flugzeug entwickelt, das genau für diese Art von Krieg gedacht sei – anders als die F-16. Mehr Flugzeugtypen bedeuten auch mehr Aufwand Doch während ein neuer Kampfjet neue Möglichkeiten eröffnet, bringt er auch neue Probleme mit sich. Die Ausbildung von Piloten und Technikern sowie die Integration verschiedener Flugzeugtypen sind kompliziert. Hinzu kommen unterschiedliche Ersatzteile, Logistikketten, Anforderungen an Luftwaffenstützpunkte und Wartungssysteme. Mark Cancian, leitender Berater beim Center for Strategic and International Studies, sagte BI, bei einer großen Zahl unterschiedlicher Kampfjettypen liege das praktische Problem darin, Ersatzteile und Reparatureinrichtungen für viele verschiedene Flugzeuge bereitzuhalten. „Sie alle benötigen unterschiedliche Teile. Sie brauchen unterschiedliche Schulungen für ihre Mechaniker“, sagte er. Außerdem seien spezielle Wartungseinrichtungen mit eigenem Werkzeug und besonderem Fachwissen für jeden Flugzeugtyp notwendig. „Es ist also sehr ineffizient, mehrere Flugzeugtypen gleichzeitig zu betreiben. Im Krieg akzeptiert man diese Ineffizienz, aber in Friedenszeiten möchte man effizienter werden – und weniger verschiedene Typen einzusetzen, ist eine Möglichkeit dafür.“ Auch Robinson sagte, dass „die Einführung kleiner Stückzahlen eines völlig neuen Kampfsystems immer eine Herausforderung sein kann“. Allerdings sollte die geringe Wartungsinfrastruktur und die einfache Handhabung des Gripen dies „vermutlich einfacher machen als bei anderen komplexen oder anspruchsvollen Kampfjets“, ergänzte er. Die Ukraine hatte den Gripen schon einmal zurückgestellt Trotzdem war genau dieser Punkt lange ein Problem. Tobias Billström, damals schwedischer Außenminister, sagte 2024, die Ukraine habe ihre Bemühungen um den Gripen zunächst pausiert, weil sie zu dem Schluss gekommen sei, dass die gleichzeitige Einführung zweier Kampfflugzeugsysteme – F-16 und Gripen – zu viel gewesen wäre. „Es geht nicht nur darum, Flugzeuge zu erhalten und Piloten auszubilden“, sagte er. „Das sind komplexe Systeme, und zwei davon gleichzeitig einzuführen, war zu viel.“ Nachdem die Ukraine F-16 erhalten hatte, nahm ihre Luftwaffe später auch französische Mirage-Kampfjets auf. Schweden hielt daraufhin auf Wunsch seiner Verbündeten zunächst mit einem Angebot für Gripen-Flugzeuge zurück. Mittlerweile ist die Ukraine weiter vorangekommen: Sie setzt F-16 seit August 2024 ein und hat auch ihre Mirage-Jets in Betrieb genommen. Ukrainische Piloten trainieren außerdem bereits seit 2023 in Schweden am Gripen. Der Gripen-Deal ist mehr als nur ein neues Flugzeug Für die Ukraine überwiegen die Vorteile offenbar die Herausforderungen. Das Land will seine Streitkräfte so eng wie möglich an den Westen anbinden und Teil dessen Verteidigungsstruktur werden. Selbst nach dem Ende des aktuellen Krieges bleibt das Risiko weiterer russischer Aggression bestehen. Robinson sagte, die breitere Auswahl an Waffenlieferanten verschaffe Kiew „strategische Widerstandsfähigkeit“, falls geopolitische Veränderungen künftig die Nutzung der Flugzeuge oder die Versorgung mit Ersatzteilen einschränken sollten. Eine vielfältigere Kampfjet-Flotte ist zwar schwieriger zu verwalten, macht die Ukraine aber weniger abhängig von einem einzelnen Partner. Cancian sagte, die Ukraine könne auch einen Vorteil darin sehen, mehrere Lieferanten zu haben. Eine ausschließliche Abhängigkeit von F-16 würde Kiew von Washington abhängig machen, während eine reine Gripen-Flotte eine Abhängigkeit von Stockholm schaffen würde. Für die Ukraine geht es beim Gripen-Abkommen daher nicht nur darum, einen weiteren Kampfjet hinzuzufügen. Es geht darum, eine Luftwaffe mit mehr Optionen, mehr Lieferanten und engeren Verbindungen zu westlichen Streitkräften aufzubauen – auf die Kiew auch nach dem Ende dieses Krieges angewiesen sein dürfte.