"Besser als nichts": Putin stimmt offenbar lokaler Waffenruhe zu
"Es ist sehr bezeichnend, dass [der russische Armeechef Waleri] Gerassimow anstatt die Sicherheit des Gebiets mit den Streitkräften und Mitteln des russischen Verteidigungsministeriums zu gewährleisten, einen Waffenstillstand ausruft", schimpft (externer Link) Militärblogger Wladimir Romanow (151.000 Fans) über eine offiziell angekündigte lokale Waffenruhe bei der südukrainischen Stadt Oleschky.
Der Ort ist von russischen Truppen besetzt, die Versorgung der Bevölkerung allerdings schwierig bis unmöglich, weil die Ukraine ihn ständig beschießt und die Zugangswege mit Hilfe von Drohnen vermint.
Melania Trump: "Ohne mein Eingreifen unmöglich"
Laut russischer Armeeführung (externer Link) sollen in Absprache mit der ukrainischen Seite deshalb in dieser Region ab dem 27. Oktober um 4.00 Uhr früh die Waffen vorübergehend schweigen und eine "humanitäre Operation" zur Evakuierung und Versorgung der Zivilbevölkerung beginnen.
Vermittelt hat in dieser Angelegenheit nach eigenen Worten Melania Trump (externer Link): "Es war völlig klar, dass es ohne mein Eingreifen unmöglich gewesen wäre, humanitäre Hilfe in die Stadt zu bringen und die älteren Menschen zu evakuieren." Eine "unabhängige amerikanische Medienorganisation" soll demnach den Vorgang begleiten.
"Chancen auf echten Waffenstillstand"
Die ironische Reaktion eines russischen Kommentators (externer Link) "Da diese Aussage nicht von Donald Trump stammt, besteht die Chance auf einen echten Waffenstillstand. Und mit geringer Wahrscheinlichkeit ist es möglich, dass ein lokaler Waffenstillstand zu einem erweiterten führt. Auch wenn das schwer vorstellbar ist."
Der russische Sonderbotschafter Rodion Miroschnik beeilte sich allerdings (externer Link), die politische Bedeutung der lokalen Waffenruhe zu relativieren: "Es lässt sich derzeit nur schwer sagen, ob dies den Verlauf der Verhandlungen in Bezug auf politische oder militärische Fragen beeinflussen wird, da diese Handlungsstränge durchaus unabhängig voneinander verlaufen könnten."
"Mal ganz ohne Witz"
Russische Beobachter reagierten teilweise sehr befremdet: "Am beunruhigendsten ist das Recht der Bewohner, auf die ukrainische Seite zu fliehen", meinte Blogger Juri Barantschik (externer Link): "Wenn ein bedeutender Teil der Bevölkerung beschließt, in von Kiew kontrolliertes Gebiet zu fliehen, kann das vom Feind als politisches Argument gegen Russlands offizielle Beteuerungen ausgenutzt werden, die Versorgung vor Ort sei möglich."
Barantschik fürchtet für den Kreml vor allem mediale Peinlichkeiten: "Mal ganz ehrlich, ohne Witz. Abgesehen von den rein humanitären Aspekten könnte Oleschky zu einer ernsthaften Herausforderung für die Öffentlichkeitsarbeit werden. Es gibt keine Garantie, dass unsere staatlich gelenkten Medien damit umgehen können. Der Ort wird seit Februar 2022 von Russland kontrolliert. Wenn Melania uns also bei der Lösung der Krise hilft, geben wir dann nicht zu, dass dort eine humanitäre Notlage herrscht, die wir allein nicht bewältigen können?"
Die "Zwei Majore", mit 1,2 Millionen Fans einer der wichtigsten russischen Militär-Blogs, fürchtet sich davor [externer Link], dass der lokale Waffenstillstand einen "Präzedenzfall für die Bildung einer Demarkationszone" werden könnte.
Exil-Blogger Dmitri Kolesew argumentierte [externer Link]: "Besser als nichts. Doch insgesamt könnte dieses von Moskau und Kiew demonstrierte Tauwetter (und ich meine damit nicht nur Oleschky, sondern auch deren Bereitschaft, die Verhandlungen wieder aufzunehmen usw.) nach den US-Wahlen recht schnell wieder vorbei sein, und der Krieg könnte mit neuer Wucht aufflammen. Ich hoffe wirklich, ich irre mich!"
"Kreml muss sich verändern"
Auf einem weiteren populären russischen Telegram-Kanal heißt es [externer Link]: "Es wäre interessant zu sehen, was die Amerikaner, die jetzt die Möglichkeit haben, das Gebiet zu besuchen, nach dem Waffenstillstand sagen werden. Eine solche Reise zu organisieren und die Einheimischen zu treffen, wäre sehr hilfreich."
Einer der mit 300.000 Abonnenten wichtigen anonymen Polit-Blogger meinte [externer Link]: "Es ist unwahrscheinlich, dass diese Waffenruhe zu weiteren Vereinbarungen führt, doch als gegenseitiges Zeichen der Verhandlungsbereitschaft ist sie nützlich – auch um das Verständnis der Amerikaner für die Komplexität des Prozesses und die tatsächlichen Hindernisse zu vertiefen."
Die Verkündung einer Waffenruhe sei leichter als deren Umsetzung, schrieb Blogger Alexei Schiwow [externer Link]: "Mir ist aufgefallen, dass diejenigen, die am meisten von der Schlagzeile 'Putin und Trump haben keine Einigung erzielt, also wird weitergekämpft' begeistert sind, noch keinen einzigen Tag an der Front im Einsatz waren. Welch treue Fans! Sollte uns etwas passieren, werden sie später bestimmt für unser Seelenheil beten."
Fazit des kremlkritischen Politologen Andrei Kalitin [externer Link]: "Wenn der Kreml auf die Weltbühne zurückkehren will, muss er sich verändern. Die 'Kriegspartei' muss der Vergangenheit angehören, mit ihr die Drohungen mit Atomwaffen, die Hysterie im Fernsehen, die Gangster-Sprache des Außenministeriums und die Sabotageakte in der EU."