Betrug mit deutschen Pässen im Namen von Naziopfern: "Auf ekelhafte Weise skrupellos"
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Mutmaßliche Täuschungen im Namen von Naziopfern »Auf ekelhafte Weise skrupellos«
Bundestagsabgeordnete zeigen sich schockiert von der SPIEGEL-Enthüllung zum mutmaßlichen Betrug mit deutschen Pässen – und setzen CSU-Innenminister Dobrindt unter Druck.
04.09.2026, 16.22 Uhr
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Mehrere Bundestagsabgeordnete aus den Regierungsparteien und der Opposition haben den mutmaßlichen Passbetrug im Namen von Naziopfern verurteilt. »Es ist nicht nur kriminell, sondern auf ekelhafte Weise skrupellos«, sagte etwa Sebastian Fiedler, der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.
Am Donnerstag hatte der SPIEGEL enthüllt, dass etliche mutmaßliche Betrüger hauptsächlich aus China sich deutsche Pässe erschlichen und dabei eine Bundesbehörde ausgetrickst hatten. Sie gaben sich demnach fälschlicherweise als Nachfahren von Jüdinnen und Juden aus, die einst von den Nationalsozialisten verfolgt und aus Deutschland vertrieben worden waren. (Lesen Sie hier die Recherche zum Fall. ) Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf und das Bundeskriminalamt ermitteln derzeit gegen 32 Beschuldigte.
Der Hebel: Artikel 116 des Grundgesetzes
Die mutmaßlichen Passbetrüger nutzten Artikel 116 des Grundgesetzes, der die Wiedereinbürgerung von NS-Verfolgten und deren Nachfahren ermöglicht. Das Bundesverwaltungsamt (BVA) in Köln ist für Anträge nach Artikel 116 zuständig. Die Behörde fällt in die Zuständigkeit des Bundesinnenministeriums von Alexander Dobrindt (CSU).
Es gehe um einen Fall von »transnationaler, organisierter Wirtschaftskriminalität«, sagte Fiedler. Innenministerium und BVA müssten ihn nun aufarbeiten. Es handele es sich um ein »betrügerisches Netzwerk«. Zugleich betonte der SPD-Mann, Artikel 116 habe seine Berechtigung: Es sei »richtig und wichtig«, dass es diese Möglichkeit der Einbürgerung gebe.
Der CDU-Politiker Alexander Throm, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sagte dem SPIEGEL: »Wo Einbürgerungen durch Täuschung erlangt wurden, sind sie schnellstmöglich zu widerrufen. Die Behörden dürfen keine Zeit verlieren.« Er forderte »eine umfassende Darstellung davon, wie viele weitere Fälle vergleichbare Auffälligkeiten aufweisen«. Tatsächlich gehen Ermittler derzeit davon aus, dass die Zahl der Beschuldigten noch steigen könnte.
Für ihre Täuschungen erfanden die mutmaßlichen Betrüger Verwandtschaftsverhältnisse zu einst real existierenden Naziopfern; zudem legten sie dem BVA offenbar gefälschte Dokumente vor. Laut den Angaben in den Einbürgerungsanträgen soll etwa eine angebliche Familie mit dem chinesischen Nachnamen Wong von einem jüdischen Ehepaar namens Süßkind abstammen. Karl Siegfried und Gertraud Süßkind gab es wirklich, das Paar musste Deutschland während der NS-Diktatur verlassen, es flüchtete nach Palästina.
Es sei »abscheulich«, dass Kriminelle die Schicksale von NS-Verfolgten missbraucht hätten, sagte der Innenexperte der Grünen, Marcel Emmerich. »Das Bundesinnenministerium muss erklären, wie lange die Schwachstellen schon bekannt sind und ob Warnsignale übersehen wurden.«
Grünen-Politiker fordern scharfe Reaktion
Laut seinem Parteikollegen Konstantin von Notz stelle sich »die drängende Frage, ob hier rechtlich vorgesehene Sicherungs- und Überprüfungsmechanismen nicht ausreichend beachtet oder gar gezielt missachtet« worden seien. Versuche, sich das Recht auf Einbürgerung zu erschleichen, müssten »scharf geahndet« werden, sagte von Notz.
Das Bundesinnenministerium ließ eine SPIEGEL-Anfrage vorerst unbeantwortet. Das BVA hatte bereits vor der Veröffentlichung des Falls mitgeteilt, man äußere sich nicht zu laufenden Ermittlungen.