„Bewusste Fahrlässigkeit“ beim Bau von Atomkraftwerk? Ägypten erhebt Vorwürfe gegen Russlands Rosatom
Ägyptens Atombehörde hat dem russischen Staatskonzern Rosatom in einem vertraulichen Brief offenbar schwere Mängel beim Bau des ersten Atomkraftwerks des Landes, El Dabaa, vorgeworfen. Das geht aus internen Dokumenten hervor, über die das Nachrichtenportal Politico berichtet. Genannt werden Defekte an mehreren Reaktorblöcken, ein Arbeitsunfall mit Vertuschungsvorwurf und Verstöße gegen die nukleare Sicherheitskultur. Der Fall reicht möglicherweise über Ägypten hinaus: In Ungarn errichtet Rosatom derzeit mit Paks II eine Anlage derselben Bauart, die technologisch und finanziell eng an Russland gebunden ist. Was in dem vertraulichen Brief an Rosatom stehen soll Das Schreiben trägt laut Politico das Datum vom 4. Juni und richtet sich an eine Führungskraft von Rosatom. Verfasst hat es die ägyptische Nuclear Power Plants Authority, die den Bau der vier Reaktorblöcke überwacht. Einem Projektverantwortlichen wirft der Brief „bewusste Fahrlässigkeit“ vor. In der von Politico zitierten Fassung ist von einem erneuten Auftreten schwerer Defekte die Rede: von Hohlräumen hinter der Metallverkleidung an Block 4, von Mängeln in den Fundamentplatten der Blöcke 1, 2 und 3, deren Reparatur ein Jahr gedauert habe, sowie von Schäden in der Wandstruktur des Reaktorgebäudes von Block 4. Der Brief lag ursprünglich auf Englisch vor, wurde für den internen Gebrauch ins Russische übersetzt und von Politico den Angaben zufolge in einer zurückübersetzten Fassung wiedergegeben. Die Behörde wirft Rosatom zudem „irreführende Methoden“ und „fiktive Arbeiten“ vor. So solle der Eindruck entstehen, der Bau sei zu mehr als der Hälfte fertig – obwohl eine Sichtprüfung zeige, dass sich die Hauptgebäude noch in der unterirdischen Bauphase befänden. Alkohol, gefälschte Ausweise und ein Vorwurf der Vertuschung Der Brief beschreibt nach Politico-Angaben auch eine problematische Arbeitskultur. Beschäftigte seien mit „verbotenen alkoholischen Getränken“ angetroffen worden und hätten „gefälschte Ausweise“ genutzt, um sich unbefugt Zutritt zu verschaffen. Fotos und Videos von der Baustelle seien in sozialen Netzwerken gelandet. Der Brief nennt außerdem einen Arbeitsunfall: Ein Beschäftigter habe sich einen „schweren offenen Bruch“ zugezogen und sei danach in einem privaten Fahrzeug statt in einem „ausgestatteten Krankenwagen“ abtransportiert worden. Das sei nach Darstellung der Behörde „absichtlich“ geschehen, um den Vorfall zu vertuschen. Ein solches Verhalten sei ein „grober Verstoß“ gegen Sicherheitsvorschriften und Meldepflichten, heißt es in dem Schreiben. Interne Prüfung warnt vor 18 Monaten Verzug Politico beruft sich zusätzlich auf vier weitere interne Geschäftsdokumente von Rosatom, die Verzögerungen, Qualitätsprobleme und Mängel im Projektmanagement beschreiben sollen. Ein intern erstellter Prüfentwurf aus dem Jahr 2025 habe vor einem „erheblichen Risiko“ gewarnt, die vertraglichen Verpflichtungen nicht zu erfüllen. Der Zeitplan für den ersten Reaktorblock könne sich um 18 Monate verschieben – von September 2028 auf März 2030. Rosatom weist die Vorwürfe zurück Rosatom erklärte in einer E-Mail an Politico, man halte die höchsten Standards nuklearer Sicherheit ein und habe dies auch bei El Dabaa getan. Ob der Konzern den Brief erhalten habe, ließ er offen. Der hohe Standard werde durch die Aufmerksamkeit der politischen Führung Russlands und Ägyptens sowie der Leitung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) bestätigt, deren Vertreter regelmäßig an wichtigen Projektschritten teilnähmen, so der Konzern. Keiner der Vorwürfe sei „innerhalb der vertraglichen, technischen und Aufsichtsverfahren“ des Projekts bestätigt worden. Die ägyptische Atombehörde reagierte laut Politico nicht auf Anfragen. Parallel meldete Rosatom Baufortschritt: Am ersten Block sei die vierte Stufe des inneren Sicherheitsbehälters in einem 30-stündigen Durchgang betoniert worden, wie das Fachmedium World Nuclear News am 11. August berichtete. Was die Vorwürfe für Paks II in Ungarn bedeuten El Dabaa nutzt denselben Reaktortyp VVER-1200 wie Paks II, das der frühere Ministerpräsident Viktor Orbán im Jahr 2014 auf den Weg brachte und dessen Bau im Februar 2026 begann. Ungarns neuer Ministerpräsident Péter Magyar hat das Projekt auf den Prüfstand gestellt. Laut ursprünglichem Vertrag hätten die Reaktoren schon 2024 laufen sollen, sagte er am 13. August laut den Portalen Fakti.bg und EUToday. Rund eine Billion Forint (etwa 2,8 Milliarden Euro) seien ausgegeben, vor Ort gebe es aber vor allem Lagerhallen und „zwei große Betongruben“. Einen Abbruch schloss er nicht aus: „absolut alle Optionen liegen auf dem Tisch“. Rosatom-Generaldirektor Alexei Lichatschow wies die Kritik am selben Tag laut der russischen Nachrichtenagentur TASS zurück: Der Bau verlaufe trotz des Regierungswechsels im April planmäßig, die Betonarbeiten am Fundament von Block 5 seien zu über 80 Prozent fertig. Der frühere ungarische Grünen-Abgeordnete Benedek Jávor sagte Politico, die Vorgänge in Ägypten könnten weitreichende Folgen für Rosatom und Paks II haben. Die Regierung habe bereits entschieden, den Vertrag zu überdenken; die Informationen aus Ägypten würden „mit Sicherheit Teil der Bewertung sein“. Rosatom-Tochter auch in Deutschland involviert Die EU-Kommission erklärte gegenüber Politico, die Dokumente seien ihr nicht bekannt. Nukleare Sicherheit sei eine zentrale Priorität, zuständig sei aber der jeweilige Mitgliedstaat. In Deutschland genehmigte das niedersächsische Umweltministerium im Juli die umstrittene Erweiterung der Brennelementefabrik in Lingen, an der eine Rosatom-Tochter mitwirken darf – unter strengen nationalen Sicherheitskontrollen, wie die Bundesregierung erklärte. Der Londoner Thinktank Royal United Services Institute warnte westliche Regierungen vor Geschäften mit Rosatom und verwies auf Verbindungen zu russischen Nachrichtendiensten sowie auf die Rolle des Konzerns beim mit militärischer Gewalt kontrollierten Betrieb des besetzten ukrainischen Kernkraftwerks Saporischschja. Lesen Sie mehr zum Thema