Biathlon: Philipp Horn exklusiv! "Ihn hat unsere Körpersprache geschockt"
03.08.2026 • 09:46 Uhr Philipp Horn war im vergangenen Winter einer der Lichtblicke im schwächelnden deutschen Biathlon-Team. In der kommenden Saison soll es dann für die gesamte Mannschaft wieder ein Stück weiter nach vorne gehen. Wie das gelingen soll, schildert der 31-Jährige im Interview mit SPORT1. Mit seinem ersten Weltcup-Podest hat sich Philipp Horn im vergangenen Winter einen lang gehegten Traum erfüllt. Allerdings konnte sein sportlicher Höhepunkt nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Biathlon-Mannschaft insgesamt hinter den eigenen Ansprüchen zurückblieb. Wie groß die Baustellen waren, machte Herren-Bundestrainer Tobias Reiter nach Saisonende selbst deutlich. Die Zahlen unterstreichen das. Erstmals seit Jahrzehnten blieb das DSV-Team bei Männern und Frauen eine komplette Saison ohne Sieg. Zum Vergleich: Der bisherige Tiefstwert lag bei drei Erfolgen im Winter 2020/21, in der erfolgreichen Saison 2007/08 feierte Deutschland sogar 24 Weltcupsiege. Im Interview mit SPORT1 spricht Horn nun über die Ursachen der Entwicklung, die Arbeit unter Reiter und die Frage, warum er dennoch optimistisch in die Zukunft blickt. Wenn du hier klickst, siehst du Instagram-Inhalte und willigst ein, dass deine Daten zu den in der Datenschutzerklärung von Instagram dargestellten Zwecken verarbeitet werden. SPORT1 hat keinen Einfluss auf diese Datenverarbeitung. Du hast auch die Möglichkeit alle Social Widgets zu aktivieren. Hinweise zum Widerruf findest du hier. IMMER AKZEPTIEREN EINMAL AKZEPTIEREN SPORT1: Philipp Horn, die neue Biathlon-Saison wirft langsam ihre Schatten voraus, das Training läuft. Wie weit sind Sie und das Team in der Vorbereitung? Horn: Wir waren zuletzt im Höhentrainingslager in Italien und haben einige intensive Wochen mit zwei Testrennen hinter uns. Bisher bin ich mit dem Verlauf der Vorbereitung sehr zufrieden. Der offizielle Trainingsstart ist zwar immer im Mai, aus Erfahrung weiß ich aber, dass man ruhig loslegen sollte. Deshalb habe ich mir im Mai auch bewusst noch Zeit genommen und war mit meiner Frau eine Woche im Urlaub. Biathlon: Horn arbeitet an privatem Projekt SPORT1: Die restliche freie Zeit war bei Ihnen dennoch gut gefüllt. Gemeinsam mit Ihrer Frau bauen Sie in Oberhof eine alte Villa zu einem Sporthotel um. Ist die Eröffnung in Sicht? Horn: Wir befinden uns auf der Zielgeraden. Gerade im April und Mai konnte ich neben dem Training noch viele Stunden auf der Baustelle verbringen und selbst mit anpacken. Es ist ein schönes Gefühl zu sehen, wie aus den Plänen nach und nach Realität wird. Zwischendurch gab es immer wieder Herausforderungen, und wenn ich ehrlich bin, waren wir bei unserer ursprünglichen Zeitplanung etwas zu optimistisch. Das sollte letztes Jahr schon eröffnen. Inzwischen erkennt man aber sehr deutlich, wohin die Reise geht. SPORT1: Wie sah der Baualltag im Leben eines Philipp Horn aus? Horn: Eigentlich war jeder Tag ziemlich durchgetaktet. Meist stand eine Trainingseinheit am Vormittag und eine am Nachmittag auf dem Programm. Dazwischen habe ich versucht, bewusst zu regenerieren und mich höchstens um organisatorische Dinge rund um das Hotelprojekt zu kümmern. Nach der zweiten Einheit ging es dann oft noch für einige Stunden auf die Baustelle. Diese Tage waren lang und anstrengend, aber ich habe das sehr gerne gemacht. Es ist etwas Besonderes, an einem eigenen Projekt zu arbeiten und einen Traum Wirklichkeit werden zu sehen. Olympia? „Umso mehr beschäftigt mich diese Schlussrunde manchmal“ SPORT1: Kommen wir zum Sportlichen. Im Winter konnten Sie einige Ausrufezeichen setzen und unter anderem Ihr erstes Podium feiern. Dennoch war die vergangene Saison für das deutsche Männerteam erneut von Höhen und Tiefen geprägt. Wie blicken Sie mit etwas Abstand darauf zurück? Horn: Ich selbst positiv. Natürlich habe ich mich riesig über dieses Podium gefreut. Die vergangenen beiden Winter waren ohnehin die besten meiner Karriere. Ich bin 31 Jahre alt, bald 32 – deshalb weiß ich, dass es lange gedauert hat, bis ich mich im Weltcup dauerhaft konkurrenzfähig gefühlt habe. Ein Podestplatz war mein großes Ziel. Ich hatte oft das Gefühl, das Potenzial dafür zu besitzen. Entscheidend war, einmal ein Rennen zu erwischen, in dem Laufleistung und Schießen gleichzeitig perfekt zusammenpassen. Genau das ist mir endlich gelungen und ich hatte generell einen guten Rhythmus, bis Weihnachten lief vieles wie von selbst. Die Menschen, die mich seit Jahren begleiten, wissen, wie viele Rückschläge ich auf dem Weg dorthin erlebt habe. Vielleicht genießt man einen solchen Moment dann noch ein bisschen mehr. SPORT1: Neben Ihrem ersten Podestplatz ist vor allem der Massenstart bei den Olympischen Winterspielen in Erinnerung geblieben, bei dem Sie die Einzelmedaille als Vierter nur knapp verpasst haben. Hängt Ihnen das noch nach? Horn: Nachhängen würde ich nicht sagen. Trotzdem denke ich immer mal wieder daran, weil es ein krasses Erlebnis war. Allein die Teilnahme an Olympia: Nachdem ich 2018 und 2022 gescheitert bin, ist für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Andererseits bin ich nicht nach Italien gefahren, um nur dabei zu sein. Ich wusste, dass ich um die Medaillen mitlaufen kann. Die Spiele verliefen zunächst mittelmäßig. Es waren gute Rennen dabei, aber vieles passte nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vor dem Massenstart haben wir uns im Team deshalb noch einmal intensiv mit der mentalen Seite beschäftigt. Nach der enttäuschenden Staffel war uns klar, dass wir mit einer negativen Einstellung nichts erreichen würden. Und es ist mir gut gelungen, den Fokus komplett auf dieses eine Rennen zu richten. SPORT1: Nach dem letzten Schießen gingen Sie auf Platz drei aus dem Stadion. Dann kam Quentin Fillon Maillet und verdrängte Sie vom Podest. Horn: Am Schießstand hatte ich einen richtig starken Tag, mit nur einem Fehler unter schwierigen Bedingungen. Umso mehr beschäftigt mich diese Schlussrunde manchmal. Normalerweise ist das eine meiner Stärken – ausgerechnet dort habe ich den Kampf um die Medaille verloren. Ein vierter Platz ist im ersten Moment bitter und undankbar. Mit etwas Abstand überwiegt aber dennoch der Stolz. Nicht nur auf das reine Ergebnis, sondern darauf, wie ich mich nach den vorherigen Rennen mental aufgerichtet habe. Eine Olympiamedaille wäre etwas Besonderes gewesen. So war dieser vierte Platz eine Leistung, auf die ich heute mit Zufriedenheit zurückblicken kann. Horn: „Das hat mich zum Nachdenken gebracht“ SPORT1: Ihnen gelingt es deutlich besser als in früheren Jahren, eine gute Sommerform auch in den Winter mitzunehmen. Woran liegt das? Horn: An der Trainingssteuerung. Früher war ich zu Beginn der Vorbereitung oft voller Tatendrang und hatte das Gefühl, immer eine Einheit mehr machen zu müssen. Also war ich häufig schon im Juli oder August in einer hervorragenden Verfassung. Das Problem war dann: Im Herbst fehlten häufig die Reserven, um noch einmal einen entscheidenden Schritt nach vorne zu machen. In den letzten Jahren habe ich gelernt, meine Kräfte besser einzuteilen. Dadurch kann ich in den letzten Monaten vor dem Saisonstart viel mehr wichtige Reize setzen und meine Form genau dann zuspitzen, wenn ich sie brauche. Im konditionellen Bereich war das die wichtigste Veränderung. SPORT1: Auch am Schießstand war ein Wandel spürbar. Horn: Genau. Vorher habe ich sehr viel ausprobiert und ständig nach Fehlern im Anschlag gesucht. Heute arbeite ich ruhiger und vertraue meiner Technik mehr, anstatt alles permanent infrage zu stellen. Da hat mir die Zusammenarbeit mit Tobias Reiter sehr geholfen. Er hat ein Auge für Details und gibt mir die Sicherheit, an den richtigen Stellschrauben zu arbeiten. Insgesamt bin ich dadurch weitaus entspannter geworden – und ich glaube, genau das zahlt sich im Wettkampf aus. SPORT1: Für das gesamte deutsche Team verlief der Winter aber eher durchwachsen. Sie haben Bundestrainer Tobias Reiter angesprochen. Im Podcast Extrarunde hat er nach der Saison sehr offen eingeräumt, dass das mangelnde Selbstvertrauen die größte Baustelle gewesen sei. Reiter sei überrascht gewesen, wie wenig Glaube an die eigene Stärke vorhanden war. Können Sie diese Einschätzung nachvollziehen? Horn: Ja, durchaus. Ich erinnere mich noch gut an Tobis ersten Weltcup als Cheftrainer nach der WM in der Lenzerheide. Nach dem Abschlusstraining hat er uns in einer Besprechung ziemlich deutlich gespiegelt, wie wir auf ihn wirkten. Er sagte, ihn habe unsere Körpersprache regelrecht geschockt. Sein Eindruck war, dass wir ständig auf die anderen schauen – auf die Norweger, auf die Franzosen, auf all die großen Namen – und dabei völlig ausblenden, dass wir selbst die Qualität haben, vorne mitzumischen. Diese Botschaft hat er uns immer wieder vermittelt. Ein Satz von ihm ist mir besonders in Erinnerung geblieben: „Winners focus on winning, losers focus on winners.“ Das hat mich zum Nachdenken gebracht, weil ich mich in den vergangenen Jahren auch ertappt habe, nicht immer mit dem größtmöglichen Selbstvertrauen an den Start zu gehen. Karriereende? „Das kann ich nicht genau sagen“ SPORT1: Hat sich das inzwischen geändert? Horn: Daran haben wir in den letzten beiden Jahren gezielt gearbeitet. Es ging darum, unserem Weg zu vertrauen, uns weniger mit der Konkurrenz zu beschäftigen und ich bin der Meinung, dass uns das Schritt für Schritt gelungen ist. Zumindest sprechen die Ergebnisse dafür. Natürlich fehlt uns mit Benedikt Doll ein Athlet, der über Jahre hinweg regelmäßig aufs Podest gelaufen ist. Trotzdem haben wir als Mannschaft einen Entwicklungsschritt gemacht. Philipp Nawrath hat eine starke Saison gezeigt, ich selbst habe mein erstes Weltcup-Podest erreicht, und auch Justus war mehrfach ganz nah dran. Das sind keine Zufälle. Für mich zeigt das, dass wir wieder stärker an unsere eigenen Fähigkeiten glauben und mit einer anderen Haltung in die Rennen gehen. Tobi hat daran einen großen Anteil. SPORT1: Was hat sich im Training oder im täglichen Umgang verändert? Horn: Man muss sich solche Dinge immer wieder vor Augen führen. Am Ende sind es aber die Erfolgserlebnisse, die den Unterschied machen. Die sammelt man am liebsten im Weltcup, nur kann man sie dort nicht einfach bestellen. Also haben wir versucht, sie im Training zu erzeugen. Gerade beim Schießen haben wir uns ständig unter Druck gesetzt. Zum Beispiel mit Eins-gegen-eins-Duellen, in denen eine Serie in 18 Sekunden fehlerfrei sitzen musste. Das wurde so oft praktiziert, bis wir davon überzeugt waren. Denn: Mit jeder gemeisterten Situation wächst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ein Stück weiter. So sind wir nach und nach zuversichtlich geworden, dass wir auf dem Top-Niveau mithalten können. SPORT1: Reiter sprach von einem „steinigen Weg“ zurück an die Weltspitze, glaubt aber daran, dass dieser machbar ist. Mit welchem Gefühl gehen Sie persönlich in die Vorbereitung auf die neue Saison? Horn: Mit einem sehr guten. Der Winter hat mir gezeigt, dass ich in Topform mit den Besten mithalten kann. Wenn dann am Schießstand alles passt, sind Spitzenresultate möglich. Dazu kommt die positive Dynamik innerhalb der Mannschaft. Mittlerweile trainieren der A- und B-Kader gemeinsam, das halte ich für einen großen Gewinn. Die Jüngeren bringen enorm viel Energie und Ehrgeiz mit, die Älteren können Erfahrungen weitergeben. Gleichzeitig sorgen die Nachwuchsathleten dafür, dass niemand es sich bequem machen kann. Man wird in jeder Einheit gefordert. Ich habe das Gefühl, dass uns diese Mischung als Team insgesamt stärker machen wird. SPORT1: Sie selbst gehören zu den erfahrenen Athleten im Team. Wissen Sie schon, wie viele Jahre Sie noch im Weltcup laufen möchten? Horn: Das kann ich nicht genau sagen. Vor einem Jahr wusste ich nicht, ob nach Olympia Schluss sein würde. Dann kam die vergangene Saison, und ich habe gemerkt, wie viel Freude mir der Sport immer noch macht. Klar helfen gute Ergebnisse dabei. Aber entscheidend ist, dass ich jeden Morgen Lust aufs Training habe. Ich habe nicht das Gefühl, mich von Einheit zu Einheit schleppen zu müssen – eher im Gegenteil. Manchmal denke ich sogar, dass ich zu den Motiviertesten in der Gruppe gehöre. Deshalb ist für mich klar: Es ist noch nicht der Zeitpunkt, das Gewehr an den Nagel zu hängen. Wann das passiert, entscheide ich von Saison zu Saison.