„Big Four“ Beratungsfirma hält grünen Stahl aus Deutschland für nicht konkurrenzfähig
Regelt es der Markt, könnte es in 10, 15 Jahren keine mitteleuropäische Rohstahlproduktion mehr geben. „Für Mitteleuropa zeigt sich in keinem Szenario die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Primärstahlproduktion“, schreibt die Beratungsfirma PWC in einer am Montag veröffentlichen Studie. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Stahl klimafreundlich mit Wasserstoff oder traditionell mit Kohle erzeugt wird. Insbesondere in Indien und der Golfregion seien die Wettbewerbsvorteile bei Energie- und Rohstoffpreisen zu hoch. Allein in Skandinavien soll künftig eine konkurrenzfähige grüne Stahlproduktion möglich sein. PWC legt deshalb nahe, die energieintensive Rohstahlproduktion ins Ausland auszulagern. Lediglich in der „wissensintensiven“ Weiterverarbeitung und der Stahlgewinnung aus Schrott sieht die Beratungsfirma eine wettbewerbsfähige Zukunft. Gewerkschaftskreise warnen allerdings davor, den Standort aufzugeben. Dass die Stahlindustrie schon länger in der Krise steckt, ist unbestritten. Weltweit herrschen Überkapazitäten, weil die Autobauer in der Krise sind, fehlt die heimische Nachfrage. Seit dem Jahr 2008 gingen in der europäischen Stahlindustrie rund 100.000 Jobs verloren. Weitere Entlassungen drohen. Neue EU-Schutzzölle sollen die hiesige Produktion vor billiger Konkurrenz aus China, Indien und der Türkei schützen. Die Beratungsfirma PWC geht davon aus, dass die traditionelle Produktionstechnik mit Kohle-Hochöfen im Vergleich zu anderen Verfahren nicht mehr preislich konkurrenzfähig ist. Dies liegt nicht nur am steigenden CO₂-Preis, mit dem die EU Anreize zur Emissionsreduzierung schaffen will. „Schon heute existieren Primärstahlkapazitäten, beispielsweise in den Golfstaaten, die günstiger und emissionsärmer produzieren können als die europäische Industrie“, heißt es in der Studie. Neuer Stahl-Hotspot Oman Als Beispiel nennt PWC die Sonderwirtschaftszone Duqm im Oman. Dort errichtet der indische Stahlkonzern Jindal derzeit gleich mehrere moderne Direktreduktionsanlagen mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen pro Jahr. Sie sollen Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen und zunächst mit omanischen Erdgas, später mit Wasserstoff betrieben werden, der ebenfalls kostengünstig im sonnenreichen südarabischen Land produziert werden kann. Gleichzeitig stockt in Mitteleuropa die Transformation der Stahlproduktion. „Von den angekündigten europäischen Green-Steel-Projekten ist annähernd die Hälfte bereits verschoben, gestoppt oder im Umfang reduziert worden“, schreibt PWC. ArcelorMittal habe seine Transformationspläne für die Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt vollständig aufgegeben und zugesagte Fördermittel in Milliardenhöhe verfallen lassen, Thyssenkrupp hat die Ausschreibung für grünen Wasserstoff für seine Duisburger Direktreduktionsanlage ausgesetzt und bewegt sich nach eigener Aussage „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit“. Die IG Metall warnt jedoch vor einem Ende der Rohstahlproduktion. „Als bedeutende Grundstoffindustrie liefert die Stahlbranche unverzichtbare Inputs für nachgelagerte Sektoren, insbesondere Bauwirtschaft, Maschinenbau und Automobilindustrie“, erklärt ein Sprecher der Industriegewerkschaft. Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze in Deutschland entfielen auf stahlintensive Branchen. Der Ökonom Patrick Kaczmarczyk hält ein Aus der heimischen Stahlproduktion ebenfalls für gefährlich. Er warnt davor, dass viele neue, grüne Stahlanlagen derzeit wie im Oman in der Region rund um die Straße von Hormus entstehen. Weil diese im Zuge des Irankrieges gesperrt ist, sind in den vergangenen Monaten die Spritpreise massiv angestiegen. „Projekte in Oman mögen zwar außerhalb dieser Meerenge liegen, doch die Route durch das Rote Meer hat sich durch die Huthi-Angriffe ebenfalls als störanfällig erwiesen“, warnt deshalb Kaczmarczyk im Gespräch mit der taz vor möglichen künftigen Stahl-Lieferengpässen. 50 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust Der Ökonom hat zusammen mit Tom Krebs in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung berechnet, dass der deutschen Wirtschaft bei einem globalen „Stahlschock“ ohne nennenswerte eigene Produktion ein Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro droht.