Billiger als Gaskraftwerke: Können Batterien Deutschlands Netz allein sichern?
Vier-Stunden-Speicher hängen neue Gaskraftwerke bei den Kosten ab. Doch um deutsche Engpässe abzusichern, müssen Speicher noch eine Hürde nehmen.
Wenn der Strombedarf kurzfristig hochschnellte, galten Gasturbinen lange als die günstigste Reserve. Diese Gewissheit ist dahin.
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Laut einer Analyse des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie liefern Batteriespeicher mit vier Stunden Entladedauer Strom inzwischen in allen 43 untersuchten Märkten billiger als neue offene Gasturbinen (Open-Cycle Gas Turbine, OCGT), die als Spitzenlastkraftwerke einspringen. Ausnahmen gibt es keine.
Grundlage der am 8. Oktober veröffentlichten Mitteilung von Wood Mackenzie sind die Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Electricity, LCOE). Sie verteilen sämtliche Kosten einer Anlage über deren Lebensdauer auf jede gelieferte Megawattstunde.
Principal Analyst Ahmed Jameel Abdullah sieht zwei Entwicklungen, die gegeneinander laufen: „Engpässe bei Gasturbinen und zunehmend schwankende Brennstoffpreise treiben die Kosten für Spitzenlast nach oben, während die wachsende Batteriefertigung die Speicherkosten weiter drückt.“
Vier Stunden sind keine Dunkelflaute
Ob Batterien Gaskraftwerke deshalb ersetzen können, beantwortet die Analyse nicht. Sie vergleicht Kosten für eine Vier-Stunden-Anwendung – ideal, um mittags Solarstrom aufzunehmen und abends abzugeben.
Fehlen im deutschen Winter aber tagelang Wind und Sonne, sind solche Speicher nach wenigen Stunden leer. Einen eigenen Wert für Deutschland nennt Wood Mackenzie nicht, ebenso wenig die Liste der 43 Märkte.
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Um genau diese Lücke dreht sich die Kraftwerksstrategie: Das im Juli beschlossene Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG) sieht 2026 Ausschreibungen über rund 9 Gigawatt vor – formal technologieoffen, im Entwurf noch ausschließlich für Gaskraftwerke als selten genutzte Reserve. Ein Gutachten des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) warnt, ein gaslastiger Kurs könne langfristig durch Importe teurer werden.
Die Speicherbranche wächst derweil: Am früheren AKW Grohnde sind Vier-Stunden-Systeme mit 1,47 Gigawatt geplant – mehr als die 1,36 Gigawatt des Atomkraftwerks.
Beim Netzbetreiber Mitnetz Strom gingen bis Mitte September über 10.000 Speicheranfragen ein, Branchenkenner sprechen von einem Boom mit Spekulanten: Neun von zehn beantragten Megawatt könnten nie ans Netz gehen, schätzt Eco-Stor-Chef Georg Gallmetzer.
Chinas Fabriken gegen Europas CO2-Preis
Bei Speichern gibt China den Takt vor. Dank eigener Lieferketten und riesiger Stückzahlen liegt der chinesische Richtwert mehr als 55 Prozent unter dem Schnitt des übrigen asiatisch-pazifischen Raums von 134 US-Dollar pro Megawattstunde. Bis 2036 soll dieser Schnitt auf 92 US-Dollar fallen.
Japan, Australien und die Philippinen bleiben wegen Zöllen, höherer Installationskosten und Vorgaben zur heimischen Fertigung teurer.
Europa hat dagegen die teuerste fossile Stromerzeugung aller modellierten Regionen: Bis 2030 sollen die eingepreisten CO2-Kosten die Brennstoffkosten übersteigen.
Lithium als Bremse
Ganz ohne eine entgegengesetzte Tendenz sinken die Preise allerdings nicht. In Europa stiegen die Investitionskosten schlüsselfertiger Batteriespeicher zuletzt um rund 2 Prozent, zum ersten Mal seit drei Jahren.
Zellen kosten rund 10 Prozent mehr als zum Tiefpunkt 2025, getrieben von Nachfrage und Lithiumpreisen. Bis 2031 erwartet Wood Mackenzie dennoch 12 Prozent niedrigere Projektkosten.
2029 dürfte sich der Lithiumpreis allerdings ungefähr verdoppeln, weil das Überangebot dann aufgezehrt ist und die Nachfrage neue Minen- und Raffineriekapazitäten übersteigt.
In Nordamerika belasten Zölle und Regeln gegen Lieferanten, die als Foreign Entity of Concern (FEOC) gelten, den Markt. Steuergutschriften (Investment Tax Credit, ITC) federn das noch ab; nach deren Auslaufen rechnet Wood Mackenzie ab 2038 mit einem Kostensprung.
Solar plus Speicher als Preisdeckel
Wohin die Reise geht, zeigt die Region Nahost und Afrika: Vier-Stunden-Speicher kosten dort jetzt rund 120 US-Dollar pro Megawattstunde, bis 2035 sollen die Kosten auf etwa 80 US-Dollar fallen.
Großsolaranlagen, deren Module einachsig der Sonne folgen, fallen bis 2035 von 37 auf 24 US-Dollar pro Megawattstunde. Weltweit ist diese Bauform in 43 von 48 modellierten Märkten die billigste neue Stromquelle.
Abdullah folgert, dass Solar und Speicher gemeinsam die Ökonomie ganzer Stromsysteme umkrempeln: Langfristig vertraglich gebundene Erneuerbare setzten zunehmend die Obergrenze der Stromkosten – und schwächten das Argument für neue Gas-Spitzenkraftwerke.