Biologin über Naturschutz mit Gentechnik: „So ein System wird immer künstlicher“
taz: Frau Schmidt, auf der UN-Naturschutzkonferenz in Jerewan wird es auch darum gehen, inwieweit die synthetische Biologie ein Mittel des Naturschutzes sein kann. Die Versprechungen sind groß.
Anne-Christine Schmidt: Ja, das sind sie. Es gibt Wissenschaftler, die sich zum Beispiel damit befassen, Korallen widerstandsfähiger gegen warmes oder kohlendioxidhaltiges Wasser zu machen. Oder die das Genom von Tieren, die kurz vor dem Aussterben stehen, erhalten wollen. Ich verstehe das Anliegen der Biolog:innen, mit ihren Mitteln zu versuchen, das Artensterben aufzuhalten oder zu verlangsamen. Ich glaube nur nicht, dass das der richtige Ansatz ist.
taz: Warum nicht?
Schmidt: Weil sehr fraglich ist, ob ein gentechnisch manipulierter Organismus in seinem Ökosystem auf lange Zeit wirklich existieren kann. Der Stoffwechsel eines Lebewesens lässt sich nicht nur auf sein Genom reduzieren, sondern befindet sich in einem Wechselspiel mit seinen Umweltbedingungen. Und wo soll das enden? Wenn sich die Weltmeere immer weiter erwärmen, müssen auch die Korallen immer weiter angepasst werden? So ein System wird immer künstlicher.
taz: Invasive Arten sind ein ernsthaftes Problem für die biologische Vielfalt. Was halten Sie davon, invasive Tiere und Pflanzen mit gentechnischen Mitteln auszurotten?
Schmidt: Natürlich können wir das Genom von Exemplaren des Indischen Springkrauts so verändern, dass sich diese invasive Pflanze nicht mehr von selbst fortpflanzen kann. Wenn ich zu Hause am Fluss spazieren gehe und überall diese lila blühende Pflanze sehe, gefällt mir das auch nicht. Aber mir wird mulmig, wenn wir die Laborwissenschaft in die Umwelt loslassen. Das ist gefährlich! Warum machen Schulklassen im Biologieunterricht nicht Exkursionen, wenn sie über invasive Arten sprechen, und bereinigen die Ufer? Das ginge doch auch.
taz: Warum sind Sie so kritisch gegenüber der Laborwissenschaft? Sie selbst haben an Pflanzen und ihrer Verträglichkeit von Schwermetallen geforscht …
Schmidt: Eben. In meiner Forschung sollten am Ende Pflanzen entstehen, die mit mehr Arsen in der Umwelt zurechtkommen. Zum Glück hat das ja nicht geklappt. Ich bin aus dieser Art von Wissenschaft schließlich ausgestiegen. Ich konnte das wissenschaftsethische Problem irgendwann nicht mehr ertragen, dass ich Pflanzen technisch darauf trimme, mit mehr Umweltgiften zu leben. Pflanzen technisch so zu optimieren, dass sie unseren Ansprüchen genügen, ist genau der falsche Weg. Wir müssten doch die Umweltgifte in der Natur verringern.
taz: Moderne gentechnische Methoden, wie die Genschere CRISPR/Cas, ahmen ja im Grunde Mutationen nach, die auch in der Natur vorkommen. Wieso lehnen Sie sie ab, nur weil sie gesteuert sind?
Schmidt: Die Natur arbeitet mit Zeit, Genome passen sich, soweit wir das bislang verstanden haben, über Jahrmillionen an ihre Umwelt an. Wie sich diese künstlichen Genmutationen entwickeln werden, das kann man nicht erforschen, weil Menschen eben einen ganz anderen Zeithorizont haben. Die Wissenschaftler:innen sitzen den ganzen Arbeitstag am Computer und simulieren Natur – von der Natur selbst haben sie sich zumeist weit entfernt.
taz: Seit wann ist das so?
Schmidt: Ich denke, als sie sich in den 80er Jahren auf die Gentechnik konzentriert hat, hat sich die Biologie in die falsche Richtung entwickelt. Dann hielten Computer mit ihren digitalen Messtechniken Einzug, das hat diese Entwicklung verstärkt. Seitdem verbraucht die biologische Forschung große Mengen an Chemikalien, Rohstoffen und Energie. Labore sind heute auch Großstromverbraucher, letztlich tragen auch sie zum zu hohen Energieverbrauch bei. Die Biologie als Wissenschaft arbeitet selbst nicht nachhaltig.
taz: Mit dieser Position sind Sie in der wissenschaftlichen Biologie ziemlich isoliert, oder?
Schmidt: Im Forschungsalltag sind mir solche Diskussionen nicht begegnet, das ist richtig, das sind eher Pausendiskussionen. Die Wissenschaftler:innen hetzen ja immer der Forschungseffektivität hinterher, sie haben nur befristete Stellen, der nächste Forschungsantrag steht bevor, die nächste Projektfinanzierung muss ergattert werden. Da ist wenig Zeit und Möglichkeit, Methoden oder Ziele zu hinterfragen.
taz: Wie müsste sich die Biologie verändern, um einen sinnvollen Beitrag zum Naturschutz leisten zu können?
Schmidt: Da ich nicht glaube, dass die notwendigen Veränderungen unter den jetzigen Bedingungen des Wissenschaftssystems kommen können, müsste sie mehr auf Stimmen von außen hören: auf die von Indigenen, Studierenden, Umweltgruppen. Dabei kann die UN-Naturschutzkonferenz eine ganz wichtige Rolle spielen, weil sie solchen, sonst häufig marginalisierten Gruppen eine Stimme gibt.
taz: Seit Sie aus ihrer wissenschaftlichen Karriere ausgestiegen sind, bewirtschaften Sie einen Selbstversorger-Garten. Was konnten Sie dort aus Ihrem Wissen als Biologin anwenden?