Biologisches Geschlecht und Epilepsie
Die Berücksichtigung des biologischen Geschlechts hat sich in vielen Bereichen der Medizin zu einem festen Bestandteil einer individualisierten Versorgung entwickelt. So wurden beispielsweise geschlechtsspezifische Tumorfrüherkennungsprogramme entwickelt, da sich Prävalenz und Spektrum verschiedener Tumorerkrankungen zwischen Männern und Frauen unterscheiden. In der Epileptologie ist diese Entwicklung weniger weit fortgeschritten. Geschlechtsspezifische Aspekte werden hier nach wie vor v. a. mit reproduktionsmedizinischen Fragestellungen assoziiert, insbesondere mit Schwangerschaft, hormoneller Kontrazeption und Katamenialepilepsie. Deutlich weniger bekannt ist, ob sich Frauen und Männer auch hinsichtlich Anfallssemiologie, Komorbiditäten, Ansprechen auf anfallssupprimierende Medikamente (ASM) bzw. Therapieoutcome unterscheiden. Ein Grund hierfür ist, dass viele klinische Studien nicht darauf ausgelegt waren, geschlechtsspezifische Fragestellungen systematisch zu untersuchen. Im Folgenden wird die bisherige Evidenz zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Epileptologie zusammengefasst und deren potenzielle klinische Implikation diskutiert. Sex und Gender – eine notwendige Begriffsklärung Unter dem deutschen Begriff „Geschlecht“ werden die beiden englischen Entsprechungen sex und gender subsumiert. Während das biologische Geschlecht (sex) chromosomale, gonadale und hormonelle Merkmale umfasst, bezieht sich die Geschlechtsidentität (gender) auf das selbst empfundene und sozial gelebte Geschlecht. Da die zitierten Studien durchgehend das administrativ dokumentierte biologische Geschlecht als Variable verwenden, ist im Folgenden bei der Verwendung des Begriffs Geschlecht stets das biologische Geschlecht gemeint. Geschlechtsspezifische Prävalenz der Epilepsie Auf Bevölkerungsebene bestehen allenfalls geringe geschlechtsspezifische Unterschiede in der Epidemiologie der Epilepsie. In einer bevölkerungsbasierten dänischen Registerstudie wurden höhere Inzidenzen für Epilepsie bei Männern in praktisch allen Altersgruppen beschrieben – mit Ausnahme der 10–20-Jährigen, in der die Inzidenz bei Mädchen/jungen Frauen höher lag [1]. Eine große prospektive Kohortenstudie (Norwegen, > 111.000 Teilnehmende) zu Epilepsien im Kindes- und Jugendalter fand ebenfalls tendenziell höhere Inzidenzen bei Jungen, ohne dass jedoch statistisch signifikante Geschlechtsunterschiede nachgewiesen werden konnten (Odds Ratio 1,09; 95%-Konfidenzintervall 0,96–1,23) [2]. Im Erwachsenenalter scheinen laut einer großen Metaanalyse (222 Studien, über 124 Millionen Personen) etwas höhere Inzidenzen bei Männern fortzubestehen [3]. Auf Ebene umschriebener Epilepsiesyndrome des Kindes- und Jugendalters lassen sich teils geschlechtsspezifische Prävalenzunterschiede finden. Während im Säuglingsalter bei myoklonischen Epilepsien und dem West-Syndrom [4] sowie im Kleinkindalter bei Rolando-Epilepsie [5] eine leichte männliche Prädominanz besteht, zeigen sich bei der Pyknolepsie höhere Prävalenzen bei den Mädchen [6]. Im Adoleszenten- und Erwachsenenalter weisen Frauen höhere Inzidenzen für generalisierte Epilepsiesyndrome wie die Juvenile myoklonische Epilepsie und die Juvenile Absence-Epilepsie auf [7]. In Anbetracht des ausgeprägteren Risikoverhaltens und somit häufigerer Schädel-Hirn-Traumata finden sich bei Männern, v. a. in der 3.–5. Lebensdekade, häufiger strukturell bedingte, fokale Epilepsien [7]. Geschlechterunterschiede in Anfallssemiologie und Anfallsfolgen