DAX +1,75 % 26.039,68 Pkt 18:00:00 MDAX +0,99 % 30.798,65 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,64 % 6.207,07 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 52.342,56 Pkt 21:20:01 S&P 500 -0,03 % 7.720,39 Pkt 21:20:01 Nasdaq -1,11 % 26.184,73 Pkt 21:30:54 Nikkei +1,10 % 64.659,47 Pkt 07:45:03 Gold -0,37 % 4.036,60 USD 21:20:48 Silber -2,21 % 52,28 USD 21:20:41 Brent -3,21 % 111,62 USD 21:20:20 WTI +0,02 % 102,80 USD 21:20:33 Bitcoin -1,15 % 80.329,99 USD 21:30:42 EUR/USD +0,47 % 1,11820 USD 21:30:45 EUR/GBP -0,10 % 0,83530 GBP 21:30:54 EUR/CHF -0,08 % 0,92160 CHF 21:30:53 EUR/JPY +0,27 % 176,275 JPY 21:30:54

Bitcoin-Kritik: Co-Pierre Georg warnt vor Systemrisiken bei Kryptowährungen

Technologie

Wenn Co-Pierre Georg über den Bitcoin spricht, bekommt er im Anschluss oft sehr unfreundliche E‑Mails. Der 44-Jährige leitet das Centre for Digital Economics der Frankfurt School of Finance. Dort beschäftigt er sich vorwiegend mit der Kryptowelt. Seine Forschung hat ihn zu Überzeugungen gebracht, die vielen Anhängern von Bitcoin und Co. gar nicht gefallen. Im Interview erklärt Georg, warum er nichts von Kryptowährungen hält.

WirtschaftsWoche: Herr Georg, Sie gelten als einer der größten Bitcoin-Kritiker im Land. Vor knapp zwei Jahren haben Sie das Blockchain-Center der Frankfurt School übernommen, das kürzlich umbenannt wurde. Wie kam es denn dazu?

Georg: Als ich gekommen bin, war ich gar nicht so sehr Bitcoin-Kritiker, vielmehr skeptisch. Aber je intensiver ich mich mit Bitcoin beschäftigt habe, umso kritischer wurde mein Blick auf die Kryptowährung.

Dann fangen wir doch mal mit den Risiken an.

Ein Problem ist das US-Unternehmen Strategy. Das ehemalige Softwareunternehmen hat in den letzten Jahren massiv Bitcoin gekauft. Irgendwann hatte sich der Markt daran gewöhnt, dass Strategy immer wieder neues Geld aufgenommen und in Bitcoin gesteckt hat. Das Modell lief lange gut – und kam ins Stocken, als der Kryptomarkt einbrach. Um weiteres Kapital von Anlegern zu bekommen, hat Strategy letztlich eine hochverzinsliche Vorzugsaktie ausgegeben, für die es immer höhere Zinsen zahlen muss.

Strategy hat zuletzt immer wieder Bitcoin verkauft, um den Druck abzufedern. Doch die Kryptokurse reagieren zunehmend schwächer darauf. Ist die Situation vielleicht doch gar nicht so schlimm?

Das Problem sind nicht so sehr kurzfristige Ausschläge, sondern dass konstanter Verkaufsdruck entstehen kann. Der Indexanbieter MSCI evaluiert, ob Unternehmen wie Strategy, deren Geschäftsmodell im Grunde darin besteht, Bitcoin zu kaufen, ausgeschlossen werden sollten. Damit würde Strategy aus vielen ETFs fliegen. Dann fiele mechanischer Kaufdruck weg. Ich glaube nicht, dass Strategy schnell pleitegeht. Aber wenn die Kurse sich nicht stabilisieren, werden die rund 840.000 Bitcoin nach und nach auf den Markt kommen.

Das sind spezielle Kryptowährungen, die an den Wert einer Fiatwährung wie dem Dollar gekoppelt sind und nicht im Kurs schwanken sollen.

Gerade im letzten Jahr wurde das Narrativ hochgejubelt, Stablecoins könnten gut für länderübergreifende Zahlungen genutzt werden, weil Transaktionen schnell und günstig sind. Tatsächlich wird aber nur ein sehr kleiner Anteil des Stablecoin-Volumens für Zahlungen genutzt. Der allergrößte Teil wird fürs Market-Making genutzt, also für Liquiditätsversorgung von Kryptobörsen.

Und wo liegt das Problem?

Tether ist also so etwas wie der Geldtransporter im Kryptosektor. Nehmen wir mal an, der Tether-Stablecoin verliert seine Bindung an den Dollar. Die Folge wäre, dass es auch auf den Kryptobörsen zu unterschiedlichen Preisen käme. Im Zweifel könnten die Börsen Auszahlungen stoppen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Anleger nicht an ihre Kryptowährungen rankommen, weil Börsen gerade nicht liquide sind. Dieser Cocktail könnte zu selbstverstärkenden Effekten führen und mehr Anleger aus dem Markt treiben. Das Problem bei Tether ist: Das Unternehmen hatte zu lange keine volle Wirtschaftsprüfung, die attestiert, wie die Einlagen angelegt sind. Die haben auch viele Bitcoin auf der Bilanz.

Eigenen Angaben zufolge machen die nur drei Prozent aus. Der Großteil der Einlagen – etwa drei Viertel – liegt in US-Staatsanleihen und Cash. Damit unterscheidet sich Tether doch von wilden Stablecoin-Zockern, die vor einigen Jahren kollabiert sind.

Ich würde auch nicht grundsätzlich unterstellen, dass sie falsche Zahlen rausgeben. Aber selbst der große Anteil an US-Staatsanleihen reicht in wirklichen Marktstresssituationen nicht aus. Entscheidend ist die Kapitalisierung im Verhältnis zu Risiken. Legt man gängige Eigenkapitalregeln an, wäre Tether extrem niedrig kapitalisiert. Wenn ich mir das alles anschaue, würde ich sagen: Der Bitcoin-Kurs hat diese Risiken noch nicht genug eingepreist.

Wo läge aus Ihrer Sicht denn der faire Wert des Bitcoin?

Einen Preis zu nennen, ist schwierig. Zur Frage gehört ja auch, wofür Bitcoin tatsächlich genutzt wird. Ursprünglich sollte Bitcoin ein Zahlungsinstrument sein. Laut Industriedaten liegt das globale Zahlungsvolumen pro Jahr in der Größenordnung von 700 bis 850 Millionen Dollar pro Jahr. Zum Vergleich: Allein durch Anlagebetrug hat die Forschung Bitcoin-Zahlungen in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar über drei Jahre identifiziert.

Das Analyseunternehmen Chainanalysis kommt zu dem Schluss, dass nur ein Prozent aller Krypto-Transaktionen einen kriminellen Bezug hat. Dramatisieren Sie nicht etwas?

Diese „Ein-Prozent“-Zahl ist aus meiner Sicht eine der größten Selbstlügen der Kryptoindustrie. Bei der Berechnung wird durch Transaktionen geteilt – also fließen auch Transaktionen durch Market Making und andere technische Transaktionen mit ein. Wenn man Äpfel mit Äpfeln vergleichen will, muss man Zahlungen mit Zahlungen vergleichen.

Geht das nicht an der Realität vorbei? Die Mehrheit der Bitcoin-Nutzer sieht ihn als Anlageobjekt oder Wertspeicher.

Das sehe ich anders. Bitcoin begann als Zahlungsmethode für illegales Glücksspiel. Groß wurde er als Zahlungsmittel des Darknets. Und nach aktueller Forschung wird es nach wie vor im großen Stil für Verbrechen genutzt. Wer heute Bitcoin und Co. kauft, stellt aus meiner Sicht Liquidität für diese illegalen Zahlungen zur Verfügung.

Sie finden also, jeder Anleger mit Bitcoin-Sparplan ist letztlich ein Gehilfe von Kriminellen? Das ist schon eine sehr harte These.

Ich halte den Leuten zugute, dass die Nebenwirkungen des Bitcoin gesellschaftlich noch nicht wirklich breit diskutiert sind. Dabei geht es ja nicht nur um Betrug oder Sanktionsumgehung, sondern auch um ganz krasse Sachen wie die Verwendung im Bereich Kinderpornographie. Lange haben Täter solches Material getauscht, jetzt wird es vor allem im Darknet verkauft. Der Bitcoin hat Kinderpornographie sozusagen kommerzialisiert. Es gibt zahlreiche Fälle und Ermittlungen, die zeigen, wie Darknet-Seiten mit kinderpornographischem Material über Bitcoin bezahlt wurden.

Kryptowährungen sind im Darknet quasi offizielles Zahlungsmittel. Aber werden sie letztlich nicht einfach von Kriminellen missbraucht, so wie es beim Bargeld auch der Fall ist?

Der Vergleich mit Bargeld passt aus meiner Sicht nicht. Kinderpornografie war noch nie ein Bargeldgeschäft. Anlegerbetrug ist kein Bargeldgeschäft. Das sind reale Menschen, die darunter leiden. Das Problem ist, dass es ein riesiges Narrativ um den Bitcoin gibt, das versucht, das zu verschleiern. Keine Technologie ist neutral. Auch der Bitcoin nicht.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27. August 2026 veröffentlicht. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

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