Blockierte Wetterlagen: Leipzig Forscher entschlüsseln Ursachen der Sommerdürre
Stand: 23.07.2026 16:06 Uhr Europas Sommer werden spürbar heißer und trockener, was Ernten, Wasserversorgung und Energieproduktion gefährdet. Bislang galt vor allem der direkte Temperaturanstieg als Hauptursache. Eine neue Studie der Universität Leipzig zeigt nun jedoch, dass rund 55 Prozent des sommerlichen Rückgangs der Bodenfeuchte auf veränderte atmosphärische Zirkulationsmuster zurückgehen. Dauerhafte Hochdruckgebiete blockieren den Regen. In bereits trockenen Sommern verstärkt dieser dynamische Effekt die Klimawandelfolgen noch einmal zusätzlich. von MDR WISSEN / RR In den letzten Jahrzehnten hat sich das Sommerwetter in Europa spürbar verändert. Rekordhitze, Ernteausfälle, sinkende Flusspegel und Einschränkungen bei der Energieerzeugung gehören inzwischen fast schon zur sommerlichen Regelmäßigkeit. Europa ist eine der Regionen, in denen die Erwärmung weltweit am schnellsten voranschreitet. Um die genauen Triebkräfte hinter diesem besorgniserregenden Trend zu verstehen, hat die Arbeitsgruppe Klimaattribution an der Universität Leipzig eine umfassende Analyse durchgeführt. Die Wissenschaftler nutzten dafür fortschrittliche Methoden, um die beobachteten Klimadaten der Jahre 1980 bis 2024 detailliert aufzuschlüsseln. "Wir haben uns in dieser Studie Europa gewidmet, da dies eine der Regionen mit den stärksten beobachteten Erwärmungstrends ist. Unter anderem hat in den letzten Jahrzehnten die Häufigkeit und Intensität von Hitze und Dürre im Sommer stark zugenommen", erklärt Juniorprofessor Sebastian Sippel vom Institut für Meteorologie, der an der im Fachjournal "Nature Geoscience" veröffentlichten Untersuchung mitgewirkt hat. Die Macht der veränderten Wetterlagen Bislang ging man in der Wissenschaft häufig davon aus, dass die Erderwärmung den Boden vor allem direkt austrocknet: Mehr Treibhausgase in der Atmosphäre erhöhen die Lufttemperatur, warme Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf, und dadurch verdunstet das Wasser im Boden schneller. Dieser direkte Effekt wird in der Fachwelt als "thermodynamische Komponente" bezeichnet. Die Leipziger Forscher konnten jedoch zeigen, dass eine zweite Komponente noch schwerer wiegt: die sogenannte atmosphärische Zirkulation, also das großräumige Strömungsmuster von Hoch- und Tiefdruckgebieten über dem Kontinent. Diese Zirkulationsänderung ist laut Studie für rund 55 Prozent des sommerlichen Rückgangs der Bodenfeuchte in Mitteleuropa verantwortlich. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben sich typische Wetterlagen verschoben. Es treten immer häufiger und lang anhaltendere Hochdruckgebiete über Mittel- und Südeuropa auf. Gleichzeitig ziehen seltener regenbringende Tiefdruckgebiete über den Kontinent. Das Ergebnis sind lange währende, sonnige und trockene Wetterperioden, in denen den Böden der Nachschub an Regen fehlt. Ein gefährlicher Verstärkungseffekt in trockenen Jahren Besonders wichtig erscheint eine Entdeckung der Leipziger Meteorologen bezüglich des Zusammenspiels beider Effekte: Die veränderten Wetterlagen und der direkte Klimawandel wirken nicht unabhängig voneinander, sondern verstärken sich gegenseitig. "Wir haben zudem festgestellt, dass sich der Einfluss des Klimawandels auf die europäische Bodenfeuchte von Jahr zu Jahr unterscheidet: Besonders in Sommern mit wenig Niederschlag ist der reduzierende Einfluss des Klimawandels auf die Bodenfeuchte besonders hoch", erläutert Erstautor István Dunkl. Demnach schlägt die thermodynamische Erwärmung durch den Klimawandel ungleich härter zu, wenn ein Sommer ohnehin durch ein hartnäckiges Hochdruckgebiet trocken beginnt. Die heiße Luft saugt die verbliebene Restfeuchte noch aggressiver aus den Böden. In feuchteren Sommern hingegen schwächen stärkere Einzelniederschläge diesen Austrocknungseffekt etwas ab. Künftige Prognosen stehen vor Rätseln Die dominierende Rolle der Luftströmungen bringt jedoch eine große wissenschaftliche Unsicherheit für den Blick in die Zukunft mit sich. Während physikalische Klimamodelle die direkte thermodynamische Erwärmung durch CO₂ sehr verlässlich berechnen können, tun sie sich schwer damit, die Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation korrekt abzubilden. "Diese Änderung der atmosphärischen Zirkulation trägt erheblich zur sommerlichen Dürre bei, das hat unsere Studie gezeigt. Das damit einhergehende wissenschaftliche Problem birgt eine sehr hohe Ungewissheit, was die Projektionen von Dürre in Europa angeht: Während die Mechanismen hinter den direkten Effekten der Erderwärmung verstanden sind, gibt es noch erhebliche Unsicherheit über die Ursachen der Zirkulationsänderung", so Dunkl. Derzeit ist noch weitgehend ungeklärt, ob die veränderten Hochdruckwetterlagen eine direkte, dauerhafte Folge der menschengemachten Erderwärmung sind oder ob sie größtenteils aus natürlichen, jahrzehntelangen Klimaschwankungen resultieren. Mit den Auswirkungen des Klimawandels auf aktuelle Dürre-Ereignisse hat sich auch eine Studie der "World Weather Attribution" (WWA) befasst. Sollte der menschliche Einfluss die Ursache sein, wird sich die Verdorrung Europas weiter beschleunigen. Handelt es sich hingegen um natürliche Schwankungen, könnte sich der Trend in kommenden Jahrzehnten vorübergehend wieder abschwächen. Die Ergebnisse der Leipziger Forschungsgruppe könnten eine wichtige Grundlage sein, um bestehende Klimamodelle zu verbessern. Nur wenn sowohl dynamische Wetterlagen als auch thermodynamische Prozesse gemeinsam betrachtet werden, lassen sich verlässliche Schutz- und Anpassungsstrategien in Europa entwickeln.