Boom: Darum steigen die Steuereinnahmen
In Deutschland wurde im vergangenen Jahr eine Rekordsumme an Erbschaftsteuer eingenommen: 21,4 Milliarden Euro gingen in die Kassen der Bundesländer. Das sind rund 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch in Baden-Württemberg wurden Rekordwerte registriert. Wie das Statistische Landesamt am Dienstag in Stuttgart mitteilte, lag bei knapp 39.600 Fällen eine steuerliche Veranlagung vor. Nach Abzug von Freibeträgen und Befreiungen verblieb ein steuerpflichtiges Vermögen von rund 13 Milliarden Euro. Darauf setzte die Finanzverwaltung Erbschaft- und Schenkungssteuern in Höhe von knapp 2,7 Milliarden Euro fest.
Philipp Kauffmann ist Fachanwalt für Steuerrecht. Er berät Vermögende bei Schenkungen und Erbschaften. Sein Geschäft boomt, weil viele Unternehmer aus geburtenstarken Jahrgängen jetzt ihre Firmen an die nächste Generation übergeben wollen. Auch, weil sie fürchten, dass Steuergesetze zu ihrem Nachteil verschärft werden könnten. Die politische Lage habe dazu geführt, "dass die Leute vermehrt in Gestaltungen investieren", also das Vermögen absichern, und auf die Kinder übertragen.
Erbschaftsteuer: Ab welchem Betrag sie gezahlt werden muss
Die meisten Erbschaften und Schenkungen in Deutschland bleiben aufgrund von Freibeträgen von bis zu 500.000 Euro steuerfrei. Weil vor allem große Vermögen von mehr als 20 Millionen Euro im vergangenen Jahr übertragen wurden, erreichten die Steuereinnahmen aber ein neues Rekordhoch. Dabei ist der Unterschied zwischen Ost und West gewaltig: Von den gut 21 Milliarden Euro Steuereinnahmen entfielen mehr als 20 Milliarden auf Westdeutschland - nur knapp eine Milliarde auf die östlichen Bundesländer und Berlin. Laut Fachanwalt Kauffmann wurden die meisten dieser vererbten Gelder nicht von der verstorbenen Generation selbst erwirtschaftet.
Beim schwäbischen Textilhersteller TRIGEMA zum Beispiel zieht Bonita Grupp die Fäden. Sie hat gemeinsam mit ihrem Bruder vor zwei Jahren das Unternehmen in Burladingen (Zollernalbkreis) übernommen. Bei der Betriebsübergabe haben die Grupps legale Möglichkeiten genutzt, um hohe Steuern zu vermeiden. "Hier entsteht ja auch Produktivität", betont Grupp. "Das heißt, daraus verdient der Staat ja auch wieder Steuergelder." Arbeitsplätze würden entstehen und gehalten werden, ebenso wie Investitionen in breiter Fläche in Deutschland, ist die 36-Jährige überzeugt. "Und das ist ja auch nicht zu unterschätzen."
Erbe spricht sich für mehr Steuern aus
Auch Kai Viehof wurde als Erbe des Gründers der Allkauf-Kette früh Millionär. Er spendet einen Großteil seines Geldes und sagt, man könne reiche Menschen noch mehr belasten. "Besteuerung ist auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit", sagt Viehof. Gerade passiere das Gegenteil, etwa, "dass beispielsweise ab 2028 der Körperschaftssteuersatz schrittweise sinken soll." Sozialleistungen würden allerdings "massiv gekürzt". Viehof sieht es nicht als problematisch an, wenn ein Erbender sogar ein Darlehen aufnehmen muss, um zum Beispiel fällige Steuern zu bezahlen, denn auch Unternehmer holten sich Fremdkapital.
Viehof kritisiert zudem, dass hohe Betriebsvermögen von mehr als 26 Millionen Euro verschont werden können - wenn anfallende Steuern die Existenz des Unternehmens gefährden. Wegen solcher Ausnahmen seien den Finanzämtern im vergangenen Jahr 3,7 Milliarden Euro entgangen.
Erbschaft: Ungleichverteilung bei übertragenem Vermögen
Obwohl die Zahl der Erbfälle deutlich höher war als die der Schenkungen, geht aus den Zahlen des Statistischen Landesamts hervor, dass Schenkungen finanziell den größeren Anteil ausmachten. Bei gut 6.600 Schenkungen wurden steuerpflichtige Vermögenswerte von 6,8 Milliarden Euro übertragen. Bei den rund 22.400 Erbschaften lag der steuerpflichtige Wert hingegen bei 6,1 Milliarden Euro.
Die Statistik verdeutlicht zudem eine starke Ungleichverteilung der übertragenen Vermögen. In über einem Drittel der steuerpflichtigen Erbschaften und Schenkungen ging es um Beträge bis 50.000 Euro. Demgegenüber standen lediglich 525 Fälle, bei denen jeweils mehr als 2,5 Millionen Euro übertragen wurden. Diese Großübertragungen machten mit knapp 7,3 Milliarden Euro mehr als die Hälfte des gesamten steuerpflichtigen Vermögens aus. Da viele Erbfälle unter die steuerlichen Freibeträge fallen, werden sie von der Statistik nur teilweise erfasst.
Textil-Erbin Bonita Grupp sagt, wenn die Nachfolge in Firmen nicht wie geplant über die Bühne gehen könne, bestehe das Risiko, dass Unternehmen "in ausländische Hand" kämen. Aus diesem Grund möchten die Grupps die Erbschaftsteuer gerne umgehen und versprechen dafür, Jobs und Löhne für sieben Jahre stabil zu halten.