DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:39:27 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,59 % 68.713,80 Pkt 08:45:03 Gold +1,30 % 4.437,30 USD 23:00:00 Silber +0,18 % 65,11 USD 22:59:58 Brent 0,00 % 88,52 USD 22:59:58 WTI 0,00 % 82,40 USD 22:59:59 Bitcoin -0,19 % 62.903,62 USD 12:05:35 EUR/USD +0,37 % 1,15730 USD 23:29:57 EUR/GBP +0,11 % 0,85480 GBP 00:09:58 EUR/CHF +0,34 % 0,94060 CHF 23:29:57 EUR/JPY +0,38 % 184,365 JPY 23:29:57

Böses als Gutes getarnt: Wie gute Menschen zu Tätern werden

Wissenschaft

Wie kommt es, dass Menschen in problematischen Gruppen Dinge tun, die man ihnen nie zugetraut hätte? Das Spektrum reicht von Kontaktabbruch bis hin zu Gewalttaten. Die Psychologie dahinter ist komplex - und geprägt von einigen falschen Bildern. Es ist der 20. März 1995 in der Tokioter U-Bahn, mitten in der morgendlichen Rushhour. Ikuo Hayashi steigt mit einem in Zeitungspapier gewickelten Plastikbeutel Sarin in einen Waggon der Chiyoda-Linie. Hayashi war Kardiologe und Oberarzt in einer Tokioter Klinik - eigentlich ein Mann, der jahrelang Menschenleben gerettet hat. Doch irgendwann schloss er sich der Sekte "Aum Shinrikyo" und ihrem Anführer Shoko Asahara an. Und nun sitzt er hier, mit tödlichem Gas in einem U-Bahn-Waggon voller Menschen. Und er zögert: Er sieht die Pendler um sich herum, denkt daran, den Anschlag abzubrechen. Er sticht am Ende nur einen der ihm zugeteilten Beutel an, nicht wie eigentlich geplant mehrere. Trotzdem sterben durch das Gas, das er freisetzt, Menschen. Hayashi stellt sich später der Polizei und gesteht vollständig. Mehr noch: Er sagt gegen Asahara aus, und das Gericht hält ihm das zugute und verhängt nur eine lebenslange Haftstrafe anstatt der Todesstrafe - unter anderem, weil es von seiner tiefen Reue über die Tat überzeugt war. Die Geschichte von Hayashi ist eindrücklich. Und sie steht stellvertretend für eine Frage, die Sozialpsychologen seit geraumer Zeit umtreibt - nicht nur, aber auch mit Blick auf sogenannte Sekten: Wie kommt es, dass Menschen, die eigentlich im Grunde gut sind, unter bestimmten Umständen doch schlecht oder gar böse handeln? Milgram und Zimbardo: Widerlegte Koryphäen Jahrzehntelang gab es da eine Standarderklärung und sie taucht bis heute immer wieder auf: Menschen in Autoritätssituationen würden ihren moralischen Kompass unter bestimmten Bedingungen einfach abschalten. Sie würden dann blind gehorchen, weil Gehorsam ein urmenschlicher Reflex sei. Als Belege dafür werden gerne Stanley Milgrams Elektroschock-Experimente aus den 1960er Jahren und Philip Zimbardos Stanford-Prison-Experiment herangeführt. Die Bilder von Versuchspersonen, die auf Anweisung schmerzhafte Stromstöße verabreichen, oder von Studierenden, die binnen Tagen zu sadistischen Gefängniswärtern werden, haben sich als Beweis dafür durchgesetzt, dass Menschen im Grunde zu allem fähig sind, wenn sie sich innerhalb eines autoritären Systems bewegen. Das Problem ist nur: Inzwischen weiß man, dass das nicht stimmt. Beide Experimente stehen stark in der Kritik modernerer sozialpsychologischer Forschung. Zimbardos Experiment gilt als methodisch völlig unbrauchbar - Archivmaterial zeigt, dass Wächter aktiv angeleitet wurden, brutal zu sein. Zimbardo hatte den Wärtern klare Anweisungen gegeben, wie sie die Gefangenen entmenschlichen sollten, die Schlussfolgerungen standen vor dem Experiment fest. Mehrere Teilnehmer gaben später zu, bewusst geschauspielert zu haben. Das Ganze war also im Grunde Theater, keine Wissenschaft. Auch bei Milgram zeigt eine Auswertung des Original-Archivs der Yale University ein anderes Bild als das typische Klischee: Viele Teilnehmer haben eben nicht gedankenlos gehorcht. Sie haben deshalb mitgemacht, weil sie überzeugt waren, der Wissenschaft zu dienen. In seinem Buch "Im Grunde gut" schlussfolgerte der Historiker Rutger Bregman: "Wenn man nur hart genug an Menschen herumzerrt, […] dann sind viele von uns zu Bösem imstande. Aber das Böse ist nicht an der Oberfläche, es muss mit großer Mühe nach oben gepumpt werden. Und noch wichtiger: Es muss sich immer als das Gute tarnen." Blinder Gehorsam? Engagierte Gefolgschaft! Diese Bewertung wird inzwischen von Studien gestützt. "Engaged Followership" nennt sich dieses Modell. Eine Kernthese: Menschen folgen einer Autorität nicht, weil sie den jeweils eigenen Willen abschalten, sondern vielmehr deshalb, weil sie sich mit dieser Autorität und ihrem Ziel identifizieren. Wer sich als Teil eines höheren Zwecks versteht, handelt nicht trotz seines moralischen Empfindens - sondern gerade aufgrund dieses Empfindens. Eine mutmaßliche Gräueltat wird zur moralischen Pflicht umdefiniert. Das erklärt zum Beispiel auch, warum Mitglieder in problematischen Gruppierungen ihre eigene Beteiligung fast nie als Kontrollverlust erleben, sondern als völlige Hingabe zugunsten eines höheren Zwecks. Der "Mitläufer" läuft nicht deshalb mit, weil ihm die Fähigkeit fehlt, nein zu sagen. Er tut es deswegen, weil er in diesem Moment überzeugt ist, dass es das Richtige ist. Ein wichtiger Baustein ist dabei - so merkwürdig das erst mal klingt - die Sprache. Handlungen werden zum Beispiel moralisch umgedeutet, indem sie sprachlich beschönigt werden: Ein Kontaktabbruch wird zum "Liebesdienst", um die Person, die die Gruppe verlassen hat, wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Eine Bestrafung wird zur notwendigen "Läuterung", die nötigt ist, um vor Gott zu bestehen. Das Einhalten von strengen moralischen Standards wird zur "Heiligung" des Lebens - und so weiter. Auf diese Weise können auch objektiv schädliche Dinge so eingeordnet werden, dass sie dem vermeintlich höheren Zweck dienen. Verschmolzen mit der Gruppe Und dann ist da noch etwas, das wir vermutlich alle kennen: Eine starke Identifikation mit der Gruppe, zu der man gehört. Wird diese Gruppe beleidigt oder angegriffen, kann sich das wie ein persönlicher Angriff anfühlen. Auf einer einfachen Ebene empfinden wir das vielleicht, wenn der persönliche Lieblings-Fußballverein von anderen "angegriffen" oder "abgewertet" wird. Doch das kann ins Extrem kippen. Dann spricht man von "Identitätsfusion", einem Begriff, der auf den Anthropologen Harvey Whitehouse zurückgeht. Die Identifikation mit einer Gruppe kann durch verschiedene Mechanismen stark aufgeladen sein - etwa, weil man von der Gruppe oder einem Guru in einer kritischen Lebensphase aufgenommen oder "gerettet" wurde, oder weil man gemeinsam ein bestimmtes Ziel verfolgt. Dann kann die Grenze zwischen dem eigenen Selbst und der Gruppe verschwimmen. Ein Angriff auf die Gruppe wird dann körperlich als Angriff auf die eigene Person erlebt. Und dann schützt man die Gruppe mit demselben Reflex, mit dem man sich selbst schützen würde: Wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Auf die Frage, warum gute Menschen Böses tun, gibt es also keine einfache Antwort - es ist ein kompliziertes Zusammenspiel aus unterschiedlichen Faktoren. Viele kleine Schritte, die letztlich dazu führen können, dass jemand etwas tut, das man ihm nie zugetraut hätte. Bei Ikuo Hayashi waren das rund 20 Jahre in einer Gruppe, die sich einem Guru verschrieben hatte - und selbst dann hat er noch gezögert.

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren