Brain Fog oder Demenz: Warnzeichen, die viele kennen, können ernsten Hintergrund haben
Startseite Panorama Brain Fog oder Demenz: Warnzeichen, die viele kennen, können ernsten Hintergrund haben Von: Jana Stäbener Uns auf Google folgen Konzentrationsschwierigkeiten und „Gehirnnebel“ sind Symptome unserer Zeit: Zwei Neurologie-Expertinnen erklären, was dahintersteckt. Frankfurt – Ein verschwommener Blick auf die Welt, plötzlich fehlende Worte oder das Gefühl, als würde man Gedanken nur noch durch einen dichten Nebel greifen können: In einer großangelegten Umfrage unter 25.796 Personen durch die App „Mindstep“ gaben 28,2 Prozent an, sogenannten „Brain Fog“ zu spüren. Im Schnitt waren Betroffene 35,7 Jahre alt und etwas häufiger Frauen als Männer. „Betroffene fühlen sich manchmal, als schauten sie durch Milchglas auf das, was um sie herum passiert. Teilweise wirken sie geistig abwesend und können sich nicht mehr für längere Zeit auf eine Sache konzentrieren“, sagt die Neurologin Andrea Winkler der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Man könnte sagen, Brain Fog ist eine Symptomatik unserer Zeit“, sagt die leitende Forscherin an der Klinik für Neurologie der Technischen Universität München (TUM). Nicht nur sei Brain Fog seit der Corona-Pandemie öfter im Gespräch, weil viele Long-Covid-Betroffene darunter litten. „Ich glaube auch, dass unser Gehirn auf unsere schnelllebige Gesellschaft mit Brain Fog reagieren könnte.“ Übermäßiger Social-Media-Konsum sei schädlich für unser Gehirn, weil er von Menschen fordere, „unschaffbar schnell“ Informationen zu verarbeiten. „Unser Gehirn steckt eigentlich noch in der Steinzeit. Es ist auf diese Schnelllebigkeit noch gar nicht ausgelegt.“ Brain Fog: Keine eigenständige Krankheit, sondern ein Notruf des Gehirns „Brain Fog ist kein klar definiertes Krankheitsbild, sondern ein Sammelbegriff für subjektiv erlebte Probleme“, erklärt die klinische Neuropsychologin Marisa Koini bei der Frankfurter Rundschau. Zu kognitiven Symptomen wie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisproblemen kämen oft auch körperliche Symptome wie Fatigue, Schwindel oder Muskel- und Gelenkschmerzen (Myalgien). Noch gebe es keine genauen Diagnosekriterien – diagnostiziert werde Brain Fog derzeit vorwiegend über Selbstberichte und ergänzende Tests zu Gedächtnis, Erschöpfung und psychischer Verfassung. Die assoziierte Professorin an der Medizinischen Universität Graz nennt als Warnzeichen für Brain Fog anhaltende oder neu auftretende Konzentrationsprobleme, Gedächtnisbeschwerden, emotionale Unklarheit und verlangsamtes Denken. Auch Wortfindungsstörungen, Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen, und Alltagsfehler bei Terminen oder Papierkram sowie mentale Müdigkeit weisen auf „Gehirnnebel“ hin. „Die Warnzeichen sind nicht spezifisch und müssen von anderen Ursachen wie Stress, Schlafstörung oder Depression abgegrenzt werden“, sagt Koini. Das sei nicht immer leicht. Hier seien der Kontext, die Dauer, die Fluktuation und die Begleitsymptome entscheidend. „Im Alltag mal unkonzentriert oder gestresst zu sein, sollte nicht zu einer objektiven Leistungsminderung führen.“ Brain Fog selbst könne ein „fluktuierender Zustand“ sein, sagt Winkler. „Bei einigen Betroffenen kann Brain Fog verschwinden, wenn sie ihren Lebensstil ändern, oder verbessert sich zumindest.“ Qualitativ hochwertiger Schlaf helfe dabei sehr, genauso wie ausgewogene Ernährung und strikter Drogenverzicht. Patienten berichteten ihr immer wieder, dass das „Milchglasgefühl“ besser werde, wenn sie erholt seien. Auch ihre Wortfindungsstörungen ließen dann teilweise nach. „Dies gilt jedoch leider nicht für alle Betroffenen. Bei manchen kann Brain Fog chronisch werden“, sagt Winkler. „Aber er wird nicht progressiv schlechter, wie eine Demenz.“ Denn Brain-Fog-Symptome können auch einen ernsten Hintergrund haben: Langsames Denken, schlechte Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnislücken können besonders bei älteren Menschen über 65 Jahren ein Warnzeichen für eine beginnende Demenz sein. „Wenn die Defizite einer Person fortgeschritten sind und auch den Angehörigen schon auffallen, sollte man in jedem Fall einen Arzt konsultieren“, sagt Koini. Eine neurologische Bildgebung (MRT oder PET-Scan) oder die Untersuchung von spezifischen Biomarkern in Nervenwasser und Blut können hier helfen, eine Alzheimer-Demenz auszuschließen. „Weniger effiziente Kommunikation“: Ursachen für Brain Fog sind sehr unterschiedlich „Es gibt keine einzelne Ursache für Brain Fog. Je nach Kontext wirken biologische Mechanismen, Begleiterkrankungen, Medikamente und Lebenssituation“, sagt Koini der Frankfurter Rundschau. Auch Hormonschwankungen (z. B. in den Wechseljahren), Schlafmangel oder Schilddrüsenunterfunktionen spielten oft eine Rolle. Als häufigste Ursache werde Long Covid angegeben. Die durch Corona ausgelösten anhaltenden Entzündungen (Neuroinflammationen) im Gehirn, Immunfehlregulationen, Mikrogerinnsel und verletzte Blutgefäße könnten zu einer „weniger effizienten Kommunikation zwischen kognitiven Netzwerken“ führen und damit Brain-Fog-Symptome verursachen. „Hinter Brain Fog können jedoch auch Depressionen oder Angststörungen stecken“, sagt Winkler. „Im Rahmen einer Depression kann auch der Denkprozess beeinträchtigt sein und imponiert zum Beispiel als Denkverlangsamung oder auch Vergesslichkeit.“ Würden diese Menschen beispielsweise mit Antidepressiva behandelt, könne sich der Denkprozess wieder stabilisieren. „Viele Leute sind depressiv und merken es gar nicht“, sagt Winkler, die Gastprofessorin für globale Hirngesundheit an der Harvard Medical School ist. Was sollte man tun, wenn das Denken langsamer und Multitasking schwerer wird oder sich ein Milchglasgefühl einstellt? Erst einmal Ursachenforschung betreiben, sind sich die Expertinnen einig – und den Lebensstil anpassen. Möglichst Stress reduzieren, zum Beispiel durch Entspannungstechniken, Schlafhygiene und eine neuroprotektive Ernährung mit ungesättigten Fettsäuren wie Olivenöl. Außerdem auf Bewegung setzen: „Moderates Training schützt das Gehirn“, sagt Koini. Wer im Rahmen von Long Covid unter Brain Fog und damit auch Post-Exertional Malaise (PEM) leidet, müsse jedoch vorsichtig sein und auf sogenannte „Pacing“-Strategien setzen, um eine Überlastung zu vermeiden. Dann sei es wichtig, die Schilddrüsenwerte und mögliche Vitaminmängel abzuklären. Begleitende Angststörungen oder Depressionen müssen diagnostiziert oder ausgeschlossen werden. Erst wenn das alles nicht helfe, sollte auf eine Alzheimer-Demenz getestet werden. (Quellen: eigene Recherche)