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Buchkritik zu "Mein Jahr, in dem ich KI für (fast) alles genutzt habe"

Wissenschaft

Was ist dran an den Versprechen der KI‑Branche, ihre Modelle würden schon bald Menschen in praktisch allem übertreffen und durch sie könnten wir besser leben als jemals zuvor? Was passiert, wenn man der KI möglichst viele Bereiche des eigenen Lebens überlässt – inklusive wichtiger Entscheidungen für sich und die eigene Familie –, wollte die ehemalige Autorin und Kolumnistin des »Wall Street Journal« Joanna Stern wissen. Ihr Bericht über ihr ›KI-Jahr‹ ist leicht zugänglich, humorvoll und selbstironisch, stellenweise etwas weitschweifig – aber vor allem ist er eines: erschreckend. »Was ich in meinem Jahr mit Kl erlebt habe, ist kein abstraktes Gedankenspiel. Es ist eine Realität, die für uns alle bereits begonnen hat. Ich war nur etwas früher dran.« (S. 24)

Einen zweifelhaften Höhepunkt erreicht Sterns Experiment im Sommer 2025: Sie ist umfassend mit KI-Anwendungen vernetzt. Zuhause erledigen KI-Roboter den Haushalt mehr schlecht als recht. KI-Arm- und -Stirnbänder zeichnen jede Bewegung auf und schulen einen KI‑Personaltrainer. Gelesen werden wahlweise ein von einer KI verfasster Roman oder KI‑generierte Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder. Gekocht wird, was die Kl empfiehlt – sofern Kl-Arzt oder -Therapeut keinen Widerspruch einlegen. Und die KI-Brille flüstert Stern zu allem, was sie sieht, in Echtzeit zusätzliche Informationen ins Ohr. Wandeln am KI-Abgrund – ist das wirklich eine erstrebenswerte Zukunft?

Wenn die KI alles hört

Stellenweise dokumentiert Stern ihren Selbstversuch doch sehr ausführlich; etwa beim Vergleich zwischen dem potenziell lebensrettenden Einsatz von KI bei der Mammografie und dem KI-Einsatz beim Zahnarzt, der dann meist zu weiteren, kostspieligen Behandlungen rät, oder bei Berichten über Testfahrten mit selbstfahrenden Roboterautos in Phoenix (inklusive eines Fast-Unfalls auf dem Highway), bei der Schilderung der Arbeit humanoider Saug-, Mäh- und Wäscheroboter im Haushalt, bei Gesprächen mit einem KI-Therapeuten, aus denen Stern über zehn Seiten lang zitiert, um dann zu der wenig erstaunlichen Erkenntnis zu gelangen, dass es ihm an Menschlichkeit fehle.

Besonders eindrücklich wird ihr Bericht jedoch dort, wo Stern beschreibt, was die allgegenwärtige KI-Nutzung mit ihr selbst, ihrem Denken, ihrer Haltung macht. Ihr Umgang mit einem KI-Armband zeigt dies auf besonders beängstigende Weise: Stern ließ fast 2000 Stunden ihrer alltäglichen Gespräche von diesem aufzeichnen und transkribieren – wobei freilich ihre Gesprächspartner keineswegs immer wussten, dass sie gerade abgehört wurden.

Wenn das eigene Gehirn aussteigt

Als die Autorin wegen eines Wasserschadens einen Handwerker zurate zieht – ChatGPT kann offenbar noch keine Wände trockenlegen –, erklärt ihr dieser, was nun genau zu tun sei und mit welchen Kosten sie zu rechnen habe. Und dann passiert es: »Mein biologisches Gehirn klickte sich offiziell aus, im Vertrauen darauf, dass das künstliche alles unter Kontrolle hatte.« (S. 127) Im Wissen, dass ihr Armband alles aufzeichnet, sie also die Ausführungen des Handwerkers später würde nachlesen können, schaltete sie intellektuell einfach ab.

Als sie Wochen später einige noch lange nicht serientaugliche humanoide Haushaltsroboter testet, erlebt sie Ähnliches und stellt fest: Zwar könne mit der KI in weniger Zeit und unter Beteiligung von weniger Menschen mehr erledigt werden, »aber das ist zugleich auch die Gefahr. Wir werden dadurch zu effizienten Rädchen im System und verlieren die Teile der Arbeit, bei denen Denken und Kreativität erforderlich sind« (S. 249). Angesichts dieser Berichte über die Auswirkungen des KI-Einsatzes auf die eigene Persönlichkeit und das direkte Umfeld läuft es einem kalt den Rücken herunter.

Energiehunger, Datensammelwut und das Schwinden der Urteilskraft

Joanna Stern reflektiert auch die möglichen gesellschaftlichen Kosten der KI-Revolution – etwa bei einem Besuch in Virginia, dem Epizentrum der Rechenzentren und damit dem physischen Rückgrat der gesamten Techbranche. Zwar gleitet ihre Schilderung in eine seitenlange Zahlenschlacht zum unfassbaren Strom- und Wasserverbrauch der IT ab, macht aber gerade damit die Umweltproblematik der KI-Nutzung deutlich: »Alles an diesem Bestreben, Maschinen mehr für uns erledigen zu lassen, basiert auf industrieller Rechenleistung, die so heiß läuft, dass sie Kühlung in Orkanstärke braucht, so laut ist, dass man Gehörschutz braucht, und so energiehungrig, dass sie das Stromnetz der USA neu formt.« (S. 180)

Humanoide Roboter im Haushalt empfindet Stern aufgrund ihrer Datensammelwut als »dystopisches Überwachungssystem« (S. 218). Der Einsatz von KI beim Lernen erscheint ihr besonders folgenreich, da er einen Schwund an Erkenntnisfähigkeit nach sich ziehe: »Selbst wenn wir die KI nicht mehr benutzen, schalten wir unser Gehirn möglicherweise nicht auf den vorigen Stand zurück. Unsere Gehirne könnten bei Schlüsselfähigkeiten aus der Übung sein – beim Ordnen von Gedanken, Aufstellen von Argumenten und Lösen von Problemen.« (S. 276f.) Die Schlüsselfrage sei also, was passiere, wenn wir aufhörten, das Denken zu üben. »Wenn sich Lernende beim Denken zu früh und zu häufig auf die Hilfe von Kl verlassen, haben wir es am Ende vielleicht mit einer Generation zu tun, die in Wissensfragen zwar immer auf KI zurückgreifen kann, aber weniger Möglichkeiten hatte, ihr Urteilsvermögen herauszubilden.« (S. 284)

Zwischen Utopie und Dystopie

Am Ende formuliert Stern zwei entgegengesetzte Zukunftsszenarien. In ihrer Utopie funktioniert alles so, wie es soll: Es gibt selbstfahrende Autos, im Haushalt legen humanoide Roboter die Wäsche zusammen, räumen auf und kochen, der KI-Therapeut berät in schwierigen Situationen, KI‑Lehrer unterrichten die Kinder in Mandarin und Gitarre. In ihrer Dystopie gibt es dagegen Fehldiagnosen der KI-Ärztin und Fehlentscheidungen der selbstfahrenden Autos. Im Haushalt zeichnen humanoide Roboter auch noch die letzten Details der Privatsphäre auf, der KI‑Therapeut rät zu unsozialem Verhalten, damit man nur noch mit ihm redet, die Kinder nutzen zum Schreiben und zum Lösen von Problemen nur noch die KI und werden anschließend auch von dieser benotet. Zudem gehören Stromausfälle und Wasserknappheit zum Alltag.

Bemerkenswert ist, dass Stern aus ihrem Experiment kein grundsätzliches Plädoyer gegen den Einsatz von KI ableitet. Ihr Fazit liegt irgendwo zwischen den beiden Szenarien. Durch KI gewinne man einerseits etwa Kommunikation in Echtzeit und Autos auf Abruf, zudem seien KI-Brillen und -Armbänder »erstaunlich nützlich« (S. 357). Andererseits verliere man leichter die Geduld und sei immer weniger in der Lage, sich zu konzentrieren oder auch Langeweile auszuhalten. Ihr KI-Jahr habe, so die Autorin, jedenfalls mehr Fragen aufgeworfen, als es beantwortet habe. »Ich hoffe, dass die gewählten Volksvertreter bei den fälligen Entscheidungen auch Kl-Kritiker anhören werden und nicht nur jene, die davon profitieren.« (S. 362)

Auch wenn die maßgeblichen Tech-Unternehmer selbst inzwischen eindringlich vor den Folgen einer unkontrollierten KI-Entwicklung warnen – so zweifeln sie doch keine Sekunde daran, dass wir der KI in Zukunft weite Teile unseres Lebens anvertrauen sollten. Das zeigt etwa der Ausschnitt aus einem Gespräch mit OpenAI-CEO Sam Altman, mit dem Stern am Ende ihres einjährigen Experiments unter anderem über dessen Sohn spricht: »Selbstverständlich«, so Altman, »wird er sein ganzes Leben mit KI zubringen, die schlauer ist als er, und das wird ihm völlig normal vorkommen. Und ich glaube, es wird großartig sein.« (S. 350) Daran glaubt man nach der Lektüre dieses Buchs nicht mehr.

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