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Buchtipps für den Herbst: Neue Romane und Sach-Bücher zum Lesen

Unterhaltung

Menschen, die gerne lesen, kennen keinen Herbstblues. Im Gegenteil: Das ist die Jahreszeit, in der besonders viele Neuerscheinungen in die Buchhandlungen wehen. Jede davon ist ein Versprechen auf herrliche Erlebnisse. Und um die Vorfreude noch ein bisschen mehr zu steigern, haben wir neun Bücher ausgewählt, mit denen man gerne mehrere Stunden auf dem Sofa verbringt.

Die Moderatorinnen Mona Ameziane und Christine Westermann leiten gemeinsam den Bücher-Podcast „Zwei Seiten“. Ebenso interessant wie die zwei Romane, die sie pro Folge vorstellen, ist die Art, wie die Frauen miteinander umgehen. Die prägt nun auch den Gesprächsband der 33-jährigen Ameziane und der 78-jährigen Westermann: Da ist so viel Liebe drin! In zehn Kapiteln hangeln sie sich durch alle, wirklich alle Aspekte des Lebens: Körper und Antrieb, Niederlage und Glaube. Die eine überrascht die andere an einem bestimmten Ort, wo sie miteinander reden, einander Rat geben, sich trösten und pushen. Allein die Einleitung zum Kapitel Liebe von Christine Westermann ist ein eigener Roman. Und das Wort „Amselmomente“ für besonders glückliche Augenblicke geht einem auch nicht mehr aus dem Kopf. Ein Buch mit 36 Grad Körperwärme.

Kiepenheuer & Witsch, 336 S., 23 Euro

Man mag kaum glauben, dass dieser Text fast 100 Jahre alt ist - und vor allem, dass ein junger Kerl Anfang 20 ihn geschrieben hat. Sebastian Haffner, der 1907 als Raimund Pretzel in Berlin geboren wurde, stellte sein Romandebüt „Die Tochter“ 1928 fertig. Er arbeitete damals als Journalist, 1938 emigrierte er nach England und wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland mit den „Anmerkungen zu Hitler“ ein berühmter Publizist. Hier schrieb er noch in einem anderen Ton. Es geht um das Mädchen Lulli, das in eine Familie geboren wird, die dem Kaiserreich nachtrauert. Sie möchte so frei werden wie die Männer, aber der Vater verbietet ihr selbst kleine Freuden wie das Kino. Das Manuskript lagerte jahrzehntelang in einer Schublade, nach dem Erfolg des Romans „Abschied“, der 2025 ebenfalls aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, bringt Hanser es nun heraus. Zum Glück: ein feinsinniges psychologisches Porträt aus einer historischen Zwischenzeit, die Parallelen zu unserer aufweist.

Es gibt kaum jemanden, der den Musiker und Songschreiber Betterov nicht total toll findet. Wer ihn noch nicht kennt, möge rasch mal die Songs „Bring mich nach Hause“ und „Alles nur ein Film“ abspielen: „Die Sonne scheint in mein Zimmer / Setzt ein Spotlight auf mich“. Danach: garantierte Schockverliebtheit. Betterov heißt eigentlich Manuel Bittorf, und unter diesem Namen hat er nun einen Roman vorgelegt, der mit einem Hammer-Satz beginnt: „Als ich wieder zu mir komme, liegt neben mir sehr viel Reis.“ Bittorf erzählt von Max, der aus der Provinz nach Berlin geht, um Jura zu studieren. Er hatte einen Plan, doch dann beugen sich drei Polizisten mit Sturmhauben über ihn, und Max weiß auch nicht, wie es dazu gekommen ist. Super Sound und immer wieder Sätze, die man sich aufs T-Shirt drucken lassen möchte. Das Urteil von Bittorfs Kollegin Ronja von Rönne trifft es gut: „Bittorf kann erzählen wie andere atmen. Mühelos und lebenswichtig.“

Andrea Wulf hat bereits einen Bestseller über Alexander von Humboldt geschrieben, nun nimmt sie sich des Weltanschauungspioniers Georg Forsters (1754-1794) an. Von seiner Weltumsegelung mit James Cook brachte er den Glauben an die Gleichheit aller Menschen zurück. Und nach diesem Grundsatz lebte er; man könnte den Naturforscher, Reiseschriftsteller und Freiheitskämpfer zudem einen frühen Feministen nennen. Wulf schreibt ein literarisches Sachbuch, das sich wie ein Abenteuerroman liest. Russland, England, Antarktis. Tahiti, Neukaledonien, Osterinseln. Allein die Landschaftsbeschreibungen sind so gelungen, dass man sich in die jeweilige Region versetzt wähnt.

Was für eine Entdeckung! Die 1996 gestorbene Caroline Blackwood ist hierzulande völlig unbekannt, in England hingegen legendär. Sie veröffentlichte zehn Bücher und war für den Booker Prize nominiert. Sie war Erbin des Vermögens der Guinness-Brauerei-Dynastie, führte Ehen mit dem Maler Lucian Freud und dem Dichter Robert Lowell. Nun liegt ihr 1981 erschienener Roman „Das Schicksal von Mary Rose“ erstmals in Übersetzung vor. Blackwood erzählt aus der Sicht eines Mannes, der in London mit seiner Geliebten lebt, seine Frau Cressida und die Tochter Mary Rose gelegentlich in deren Cottage besucht. Als ein Mädchen aus einer nahe gelegenen Sozialsiedlung entführt wird, passiert etwas mit Cressida. Ein unheimliches Kammerspiel nimmt seinen Lauf: große Sogwirkung. Man kann nicht anders, als weiterzulesen. Hoffentlich werden nun auch die anderen Werke dieser Schriftstellerin übertragen.

Den russischen Schriftsteller Iwan Gontscharow kennt man vor allem als Autor des „Oblomow“ (1859) über einen doch recht trägen Adligen im 19. Jahrhundert. In der schönen Klassikerreihe von Hanser ist nun der zehn Jahre später erschienene Roman „Das Steilufer“ herausgekommen. Vera Bischitzky hat den auch unter dem Titel „Die Schlucht“ bekannten Text neu übertragen. Im Mittelpunkt steht Boris Raiski, der Künstler werden wollte, aber nicht konnte. Nun kehrt er auf sein Landgut zurück. Und dort spürt er die Auswirkungen einer neuen Zeit. Das Beste sind die Frauenfiguren: Tante Tatjana und Cousine Vera.

Über manche Schriftsteller meint man bereits alles zu wissen, trotzdem kann man nicht genug Informationen bekommen. Thomas Mann gehört dazu - und natürlich Rainer Maria Rilke. Iris Radisch stellt ihn in all seinen Widersprüchen vor. Man begegnet ihm nach rastlosen Jahrzehnten in einem Wehrturm in der Schweiz, seinem Ruhe- und Rückzugsort, an dem er die „Sonette an Orpheus“ und die „Duineser Elegien“ fertigstellt, die zu den „radikalsten und dunkelsten Dichtungen des 20. Jahrhunderts“ gehören, wie Radisch schreibt. Sie erzählt mit Sympathie (dass er bei all den vielen Briefen noch Literatur produzieren konnte!), Augenzwinkern (die vielen Gönnerinnen!) und Faszination (wie großartig dieses Werk ist!). Sie hat immer das passende Zitat. Und ihr gelingt das Allerbeste: Man will immer weiterlesen, man will Rilke lesen.

Über den neuen Roman von John Green wird vielerorts behauptet, das sei sein erster für Erwachsene. Das ist natürlich Quatsch, denn Bücher wie „Eine wie Alaska“ und „Margos Spuren“ sind so unglaublich toll, dass alle über 18 zu bedauern wären, wenn sie sie nicht lesen würden. Besser sollte man „Hollywood, Ending“, das erste Erzählwerk des US-Schriftstellers seit neun Jahren, so bewerben: eine Lovestory für dich - also für alle. Kai und Juniper sind Anfang 20 und Schauspieler. Sie werden berühmt durch den Film „Andy Warhol Never Gets Old“, und sie begreifen allmählich: Fame ist nichts für zarte Gemüter. Aber sie haben ja einander. Einmal schauen sie gemeinsam einen Film, und Juniper sagt danach, sie erinnere sich nicht an die Handlung. „Ich erinnere mich nur an das Gefühl, ihn mit Kai zu sehen.“ So ist dieses Buch, so schön.

Dieses Buch hat sich in die Liste geschlichen. Es ist schon im vergangenen Jahr erschienen, genau genommen sogar schon vor 96 Jahren, aber kaum jemand hat es wahrgenommen, so scheint es - deshalb wird es den meisten also doch neu sein. Und es ist so toll! Dana Vowinckel, die ja gerade mit „Anton und Alma“ einen der besten Romane des Jahres vorgelegt hat, vergleicht den Stil des 1943 in Auschwitz ermordeten Juri Felsen im Nachwort mit dem von Marcel Proust und Lena Dunham. Klingt irre, oder? Irre und gut. Es geht um einen Mann im Paris der 1920er-Jahre, wir kennen seinen Namen nicht, aber wir lesen seine Tagebucheinträge. Er verliebt sich in Ljolja, seine Liebe wird aber nicht erwidert, und nun hadert er, was das Zeug hält. „Wahre Literatur“, urteilte Vladimir Nabokov. Die Nazis wollten, dass Juri Felsen vergessen wird. Ihn zu lesen, bedeutet also nicht nur Genuss, sondern auch Widerstand.

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