Bundesanleihen: Hohe Zinsen treffen Staat, Hauskäufer und Anleger
Mehr als ein Jahrzehnt lang konnte sich Deutschland am Kapitalmarkt extrem günstig refinanzieren - zeitweise sogar zu negativen Zinsen. Diese Ära ist nun aber definitiv vorbei. Zehnjährige Bundesanleihen werfen aktuell rund 3,2 Prozent ab - so viel wie seit dem Ende der Euro-Schuldenkrise vor 15 Jahren nicht mehr. Realrenditen bei Bundesanleihen wieder im Plus "Die Anleihen sind definitiv zurück", sagt Konrad Kleinfeld, Anleiheexperte bei State Street Investment Management, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Dank höherer Zinskupons könnten sie Anlegerinnen und Anlegern wieder einen nennenswerten laufenden Ertrag liefern. Und nicht nur die Nominalrenditen sind gestiegen: Auch nach Abzug der Inflation lässt sich mit sicheren Staatsanleihen wieder Geld verdienen. Der Realzins einer inflationsindexierten Bundesanleihe mit knapp 20 Jahren Restlaufzeit lag laut Deutscher Finanzagentur zuletzt bei rund 1,4 Prozent. Was die Anleiherenditen steigen lässt Ein Teil des Anstiegs geht auf die veränderte Geldpolitik zurück. Die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank Fed haben seit 2022 im Kampf gegen die Inflation ihre Leitzinsen kräftig angehoben. Zugleich beendeten sie ihre groß angelegten Anleihekäufe und bauten ihre Wertpapierbestände schrittweise zurück. Damit fiel ein wichtiger Teil der zusätzlichen Nachfrage am Anleihemarkt weg. Das setzt tendenziell die Kurse unter Druck - und treibt im Gegenzug die Renditen nach oben. Für einen weiteren Aufwärtsschub bei den Anleihezinsen sorgte ab Ende Februar der Iran-Krieg: Der steigende Ölpreis rückte die Inflationsrisiken in den Fokus der Investoren, die Zinserwartungen stiegen entsprechend. "Wir sehen, dass diese hohe geopolitische Schwankungsbreite, die wir jetzt durch die Straßen von Hormus haben, auf länger laufende Anleihen drückt. Und wir sehen im gleichen Atemzug, dass Investoren das verstanden haben", sagt State-Street-Experte Kleinfeld. Warum lange Laufzeiten besonders riskant sind Tatsächlich zeigt sich die neue Zinsrealität vor allem bei langen Laufzeiten. Wer sein Kapital für zehn, 20 oder 30 Jahre bindet, trägt das Risiko, dass Inflation oder Marktzinsen künftig höher ausfallen als erwartet. Dafür verlangen Anleger eine zusätzliche Entschädigung - die sogenannte Laufzeitprämie. Das Motto an den Märkten lautet: "higher for longer". Investoren rechnen also damit, dass die Zinsen länger hoch bleiben. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die sogenannte "Notenbank der Notenbanken", sieht darin und in den wachsenden Sorgen über die Staatsfinanzen zwei wichtige Treiber des Renditeanstiegs am langen Ende. Dabei gilt: Je länger die Laufzeit, desto höher ist derzeit die Rendite. So werfen 30-jährige Bundesanleihen derzeit rund 3,7 Prozent ab - 0,5 Prozentpunkte mehr als zehnjährige Papiere. Höhere Zinsen verteuern Deutschlands Schulden Was Anleger freut, hat eine Kehrseite: Höhere Renditen verteuern die Finanzierung - auch für den Staat. Mit jeder Refinanzierung zu höheren Sätzen steigt die Zinsrechnung. Nach der aktuellen Planung will der Bund 2026 unter anderem zehnjährige Anleihen im Wert von 82 Milliarden Euro begeben. Weitere 59 Milliarden Euro entfallen auf Anleihen mit Laufzeiten von 15, 20 und 30 Jahren. Zusätzlichen Kapitalbedarf schaffen derzeit vor allem die hohen Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. All das müsse refinanziert werden - und inzwischen auf einem erheblich höheren Zinsniveau, betont Kleinfeld. Das belaste den Staatshaushalt und enge den politischen Spielraum ein. Höhere Bauzinsen treffen Hauskäufer Auch Hauskäuferinnen und Immobilienbesitzer, die einen Kredit verlängern müssen, bekommen die neue Zinswelt zu spüren. Denn die Zinsen bei längerfristigen Immobilienkrediten orientieren sich maßgeblich an den Renditen zehnjähriger Bundesanleihen. Aktuell liegen Bauzinsen mit zehnjähriger Bindung laut dem Index der Finanzberatung FMH im Schnitt bei 4,1 Prozent. Zum Vergleich: Ende 2024 waren es rund 3,3 Prozent. Auf dem Höhepunkt der Niedrigzinsphase 2021 waren zehnjährige Baufinanzierungen sogar für deutlich unter einem Prozent zu bekommen. Anleihen werden wieder zur Konkurrenz für Aktien Für Anleger ist die Entwicklung dagegen ambivalent. In der Nullzinszeit führte auf der Suche nach Rendite kaum ein Weg an Aktien vorbei. Heute können Anleihen guter Bonität dagegen wieder einen attraktiven laufenden Ertrag liefern. "Wir sehen hier wieder eine gewisse Konkurrenz", betont Sören Hettler, Anleihenexperte der DZ Bank. Für Investoren werde es wieder attraktiver, sich am Anleihemarkt zu engagieren. "Solange aber die positive Stimmung an den Aktienmärkten weiter von steigenden Gewinnen und den Erwartungen an Künstliche Intelligenz getragen wird, glaube ich nicht, dass höhere Anleiherenditen dem Aufschwung den Garaus machen können", so Hettler. Warum das 60/40-Depot weniger Schutz bietet Gleichzeitig funktioniert die traditionelle Risikostreuung im Depot nicht mehr immer so zuverlässig. "Früher hatten Anleihen eine gewisse Pufferfunktion im Portfolio - das ist heute nicht mehr der Fall", sagt Anleihestratege Kleinfeld. Über Jahrzehnte hinweg galt die Regel: Fallen die Aktienkurse, stabilisieren Staatsanleihen das Depot. Diese negative Korrelation zwischen beiden Anlageklassen war das Herzstück eines klassischen gemischten Portfolios mit etwa 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen. Aktien sollten dabei die langfristige Rendite bringen - Anleihen dagegen Schwankungen dämpfen und in Krisen stabilisieren. Neue Herausforderungen durch Inflationsschocks Doch in Phasen von Inflations- und Zinsschocks können Aktien- und Anleihekurse gleichzeitig unter Druck geraten. Genau das war auch während der jüngsten Turbulenzen infolge des Iran-Krieges zeitweise zu beobachten. Für Anleger bedeutet das: Sie müssen Diversifikation neu denken - und zum Beispiel weitere Anlageklassen wie Rohstoffe beimischen, um ihr Portfolio stabiler aufzustellen. Der Zins ist also mit Macht zurück - und damit auch eine von manchem Anleger lange vermisste Anlagealternative. Doch für Staaten, Unternehmen, private Kreditnehmer und Hauskäufer bedeutet die neue Zinswelt zugleich: Geliehenes Geld hat wieder einen deutlich höheren Preis.