DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin +0,07 % 64.354,24 USD 09:10:17 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

Byju Raveendran: Aufstieg und Fall einer Lern-App

Wirtschaft

Ein Jahr vor der Pandemie, die den Wert seiner Lern-App auf 22 Milliarden Dollar katapultieren sollte, gab Byju Raveendran ein Interview, das im Nachhinein wirkt wie der Anfang vom Ende. In der Zentrale in Bengaluru, dem früheren Bangalore, legte der Gründer des Nachhilfedienstleisters Byju die eigene Erfolgslatte ganz hoch. Man könnte sagen: himmelhoch. Im Juli 2019 war der qatarische Staatsfonds bei Byju eingestiegen und hatte das gerade einmal acht Jahre zuvor gegründete Unternehmen auf einen Wert von knapp sechs Milliarden Dollar geschätzt. Der hatte ein Jahr zuvor noch bei einer Milliarde Dollar gelegen. Die Lernplattform, auf der Unterrichtsinhalte mit aufwendig produzierten Videos, Animationen und sogar Disney-Figuren vermittelt wurden wie in einem Videospiel, das der Schüler seinem eigenen Leistungsstand anpassen konnte, wuchs rasant. Doch all die riesigen Zahlen bedeuteten nichts, sagte Gründer Byju, der damals 37 Jahre alt war und seine Karriere damit begonnen hatte, an der Schule seinen Klassenkameraden bei den Hausaufgaben zu helfen und sie auf Prüfungen vorzubereiten. Auf seiner Plattform lernten gerade einmal ein Prozent aller Schüler Indiens, sagte Byju. Insgesamt aber gab es im Land 265 Millionen Kinder, die in Schulen eingeschrieben waren. „Vor uns liegt noch ein langer Weg, bevor wir es eine Revolution nennen können.“ F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Byju wollte erst Indien auf den Kopf stellen, dann Amerika Ein Revolutionär. Als solchen sah sich Byju Raveendran, der im südindischen Bundesstaat Kerala als Sohn eines Lehrerehepaars groß geworden war, dort lieber Fußball und Cricket gespielt hatte, anstatt im Klassenzimmer der Dorfschule zu sitzen, und sich selbst Englisch beigebracht hatte, indem er im Radio Sportsendungen verfolgte. Nun wollte Byju nicht weniger als das Bildungswesen der Milliardennation Indien auf den Kopf stellen. Und dann das reichste Land der Erde erobern, Amerika. Die Pandemie war für Byju ein Glücksfall. Allein in den ersten beiden Monaten des indischen Lockdowns, in dem alle Schulen geschlossen waren, gewann die Plattform 14 Millionen neue Schüler hinzu. Bis zum Herbst wuchs die Gesamtzahl der auf Byju registrierten Nutzer auf 70 Millionen. Eineinhalb Jahre später bewerteten Investoren das Unternehmen mit 22 Milliarden Dollar. Byju sponserte die Fußballweltmeisterschaft in Qatar. Lionel Messi, Kapitän der Siegermannschaft Argentinien und am besten verdienender Sportler der Welt, hatte zwei Wochen vor Turnierbeginn sein Nebenamt als Byjus globaler Markenbotschafter angetreten. Heute macht Messi keine Werbung mehr für Byju Inzwischen macht Messi keine Werbung mehr für Byju. Das Unternehmen kann ihn nicht mehr bezahlen, ebenso wenig wie seine Gläubiger, es ist seit zwei Jahren insolvent. Die Bewertung von 22 Milliarden Dollar ist auf fast null abgerutscht. Mit Kindern und der Frau, die einst seine Schülerin war und mit ihm das Unternehmen aufgebaut hat, hat sich der Gründer nach Dubai abgesetzt. In seine frühere Immobilie in Singapur kann Byju Raveendran nicht mehr reisen. Im Streit um einen Kredit, den ihm der qatarische Staatsfonds gegeben hat, hat der High Court des Stadtstaats Byju Raveendran mit einer sechsmonatigen Haftstrafe belegt, weil er im Verfahren keine Angaben über seine verbleibenden Vermögenswerte gemacht hat. Indiens einst bekanntester Start-up-Unternehmer, der noch 2023 zum Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen worden war, gilt heute als „international gesuchter Flüchtling“. In der vergangenen Woche hat der Gerichtshof in Singapur einen Antrag Byjus auf Aussetzung der Haftstrafe abgewiesen. Es ist der vorläufige Tiefpunkt eines beispiellosen Aufstiegs und Falls. Wie seine Mutter, eine Mathematiklehrerin, hatte sich Byju Raveendran schon früh fürs Rechnen interessiert und sich allerhand Wissen selbst angeeignet. In Bengaluru arbeitete er für eine Schifffahrtsgesellschaft und bereitete nach Feierabend Freunde, die in der IT-Industrie arbeiteten, auf Aufnahmeprüfungen für die Top-Wirtschaftshochschulen des Landes vor. Byju hatte Talent zum Lehrer. Später füllte er mit seinen Nachhilfekursen ganze Stadien, in denen 20.000 Schüler saßen. 2014 brachte Byju seine Lern-App heraus, deren Zahl bis Ende 2022 auf 150 Millionen registrierte Nutzer steigen sollte. Die Idee, übers Internet die ganze Welt zu unterrichten In Rückblicken auf die Aufstiegsgeschichte des Unternehmens wird gerne eine Titelseite des „Forbes“-Magazins mit Byjus Gesicht gezeigt. Allerdings handelte es sich dabei um die indische, nicht die amerikanische Ausgabe des Wirtschaftstitels. Doch die Aussage, dass Byju für lange Zeit der bekannteste Start-up-Unternehmer seines Landes war, stimmt. Die Idee, dass man mit Onlinekursen theoretisch die ganze Menschheit unterrichten kann, bis in den letzten Winkel der autonomen Provinz Xinjiangs in Chinas äußerstem Westen oder dem indischen Himalaja, hat Investoren schon immer begeistert. „EdTech“, Bildungstechnologie, heißt dieser Bereich der Internetwirtschaft, und Byju präsentierte sich in seinen Roadshows in Amerika als größter Vertreter der Sparte. Mit dem vielen Geld, das Byju nicht nur von Investoren bekam, sondern auch von institutionellen Kreditgebern aus den USA – wie im Fall des Kredits über 1,2 Milliarden Dollar –, ging der Gründer in der Welt auf Einkaufstour. Am meisten Sinn ergab dabei noch der Erwerb des indischen Dienstleisters Aakash für eine Milliarde Dollar, der angehende Medizin- und Ingenieursstudenten auf Aufnahmetests vorbereitete. Insgesamt kaufte Byju bis 2021 ein Dutzend Firmen, darunter eine amerikanische Kinder-Lese-App und eine Coding-Plattform. Es war nicht weniger als ein globales Bildungs-Ökosystem, das der Gründer aus dem beschaulichen Kerala mit all den teuren, teils milliardenschweren Deals formen wollte. Hoffnung auf die Rückkehr Als Byju dann vor schneebedeckter Kulisse im Januar 2023 in Davos indischen TV-Sendern Rede und Antwort stand, drehten sich die Fragen schon nicht mehr um den Erfolg. Nachdem die Pandemie vorüber war, waren die indischen Schüler in Scharen von ihren Eltern wieder in klassische, analoge Nachhilfeschulen geschickt worden und hatten ihre Abos bei Byju gekündigt. Das Unternehmen entließ Tausende Angestellte. Es gab eine Menge Beschwerden von Nutzern, die Byju vorwarfen, sie zu Vertragsabschlüssen gedrängt zu haben, die sie sich eigentlich gar nicht hätten leisten können. „Wir haben Fehler gemacht“, gestand der Gründer im Fernsehen reumütig ein, aber von nun an gehe es aufwärts. Die Hoffnung sollte sich nicht bewahrheiten. Im April durchsuchte die indische Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume von Byju und das Wohnhaus des Gründers wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Devisenrecht – ein Vorwurf, der Byju eine Milliarde Dollar Strafe kosten könnte. Über ein Jahr lang hatte das Unternehmen keinen Finanzvorstand. Ein Jahr nach dem Davos-Auftritt ging erst die amerikanische Tochtergesellschaft in Insolvenz, dann das Byju-Mutterhaus in Bengaluru. Nun kämpfen die Gläubiger und Investoren überall auf der Welt um ihr Geld aus dem geplatzten Bildungstraum. Besonders scharf wird die Auseinandersetzung um 533 Millionen Dollar geführt, die aus dem 1,2-Milliarden-Dollar-Kredit stammen und von der amerikanischen Tochtergesellschaft Byjus über einen obskuren Hedgefonds aus Miami an ein undurchschaubares Dickicht aus Offshore-Konten transferiert wurden. „Betrügerisch“ haben US-Gerichte das genannt und Byjus Vorgehen als „Finanzalchemie“ bezeichnet. Dem Vertrauen in Indiens IT-Sektor hat die Posse erheblich geschadet. Doch Gründer Byju Raveendran und Ehefrau sehen keine Schuld. Alles Missverständnisse, so hat das Paar es in seinem letzten Interview aus dem Exil in Dubai beteuert. Geld für persönliche Zwecke habe man nicht genommen, die wahren Täter seien die „Wucherer“, als die sie ihre Kreditgeber nun bezeichnen. Sie selbst seien Opfer: „Wir gehören nicht vor Gericht, sondern ins Klassenzimmer.“

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