Cargoboard: Wie ein ehemaliger Speditions-Azubi die Logistik digitalisiert
Cargoboard-Gründer Lukas Petrasch vor einem Lkw. Foto: PR/Cargoboard
Logistik digitalisieren: Der Paletten-Pioneer
Vom Speditions-Azubi zum Gründer: Lukas Petrasch macht den Palettenversand mit Cargoboard so einfach wie eine Flug- oder Hotelbuchung.
LukasLukas Petrasch war Azubi in einer Spedition. Einer, der schon immer gern programmierte. Als er im letzten Jahr seiner Ausbildung im Verkauf eingesetzt war, wurde ihm klar, wie ineffizient das Geschäft lief: Die Preise waren intransparent, jede einzelne Buchung erforderte viel Hin und Her per E-Mail und Telefon. Moderne Sendungsverfolgung? Fehlanzeige.
Petrasch grübelte, wie man das verbessern könnte. Seine Idee: eine Plattform, auf der man den Transport einer Palette so einfach bucht wie einen Platz im Flugzeug oder einen Einkauf bei Amazon – voll digital. Seine Geschäftsidee begeisterte seinen Lehrherrn Andreas Hartmann vom Paderborner Familienkonzern Hartmann International so sehr, dass er ihm die Gründung eines Start-ups ermöglichte.
Das war vor acht Jahren. Inzwischen ist Petraschs Unternehmen Cargoboard die europaweit größte Plattform für Stückguttransporte. Das sind Güter auf Paletten, die allein keinen Lkw füllen würden. Mit jährlich 30 Prozent Wachstum kratzt das Unternehmen bald an der Marke von 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr: „Wir bauen mit Cargoboard ein eigenes Logistiknetz für Stückgut-Transporte, dem sich immer mehr mittelständische Spediteure anschließen“, erzählt Petrasch, heute 29 Jahre alt. „Das Ziel ist, damit ein Gegenangebot zu Großspeditionen wie Dachser, DSV oder DHL Freight aufzubauen.“
Aktuell kommt das Wachstum verstärkt aus China. Hersteller beauftragen Cargoboard etwa, Geräte wie Klimaanlagen, Mini-Bagger, Fotovoltaik-Anlagen oder Batteriespeicher für Campingfahrzeuge aus europäischen Großlagern an die bestellenden Endkunden zu liefern.
Speditionen gelten noch immer als „People-Business“. Sie zu digitalisieren, stellt insbesondere Großkonzerne vor Herausforderungen. Sie kämpfen nicht nur mit verschiedensten inkompatiblen Altsystemen und der eingespielten Routine des „Wir machen das schon immer so“. Mitunter aber haben sie an der durch Plattformen entstehenden Preistransparenz gar kein Interesse – womöglich könnte ein Altkunde auf diese Art gar entdecken, dass er Mondpreise bezahlt.
Gründer Lukas Petrasch (links) im Gespräch mit einem Mitarbeiter. Foto: PR/Cargoboard
Anfangs arbeitete Petrasch, der seine Schullaufbahn mit dem Fachabitur beendet hatte, fast rund um die Uhr an der Gründung: Tagsüber machte er das Kundengeschäft für Hartmann, abends programmierte er die Software für das Start-up. Die macht nicht nur die Buchung per Internet-Eingabemaske für jeden neuen Kunden einfach, sondern greift auf die unterschiedlichsten Systeme der Speditionen zu und bucht die Touren in bis zu 98 Prozent der Fälle vollautomatisch. Das System prüft jeden Auftrag mithilfe einer KI auf Plausibilität und ermittelt zum Beispiel, ob Gefahrgutunterlagen ausgestellt werden müssen, etwa beim Transport von Lithium-Ionen-Batterien. Auch diese Aufgabe erledigt das System automatisiert.
Risikokapitalfinanzierte Konkurrenten abgehängt
Einen Teil der benötigten Kapazität kauft Cargoboard auf Vorrat ein. Inzwischen hält das eigentlich mit dem sogenannten „Asset-Light“-Konzept gegründete Unternehmen – bei dem es bewusst wenig eigenes Anlagevermögen besitzt – aber auch eigene Lkw bereit, die einspringen können, sollte eine dringende Anfrage im Netzwerk nicht bedient werden können. Cargoboard ist dabei selbst die Spedition, die einen Vertrag mit den Kunden schließt und selbst dafür die Aufträge an die Dispositionen ihrer Mitgliedsspeditionen vergibt, sagt Petrasch. „Nur so können wir ein einheitliches Qualitätsmanagement sicherstellen, indem wir uns selbst um die Fälle kümmern können, bei denen es Probleme gibt.“
„Cargoboard ist toll gewachsen“, kommentiert Rüdiger Kabst, Professor an der Universität Paderborn, der das Start-up in seiner Gründungsphase im Rahmen eines Uni-Workshops begleitete. „Gerade gegenüber mit Risikokapital finanzierten Konkurrenten hatten sie den Vorteil, dass sie in enger Kooperation mit einem Speditionsverbund arbeiten und von Anfang an auf dessen Netz zugreifen konnten.“
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Die Hauptgesellschafterin von Cargoboard ist Cargoline, ein Zusammenschluss verschiedener mittelständischer Spediteure, dem seit einigen Jahren auch Hartmann International angehört: Das Thema Plattformgeschäft selbst zu besetzen, sei ein intelligenter Schachzug von Cargoline gewesen, sagt Wirtschaftsprofessor Kabst: „Dem Zusammenschluss, der damals noch größtenteils mit Telefon, E-Mail und Fax arbeitete, hätte sonst das Schicksal von Hotels gedroht, die einen Teil ihrer Marge an Buchungsplattformen verloren haben.“ Inzwischen schließen sich immer mehr mittelständische Frachtführer Cargoboard an – in den letzten 1,5 Jahren allein kamen mehrere 100 hinzu, mit Flotten von fünf bis 50 Fahrzeugen.
Und ganz nebenher lindert Petrasch mit seiner digitalen Spedition den Lkw-Fahrermangel, der die gesamte Branche lähmt: „Wir sorgen mit unseren Kunden für eine höhere Auslastung der bereits fahrenden Lkw – und damit für weniger Verkehr auf den Straßen.“ Inzwischen werden 50.000 Ladungen im Monat von Cargoboard transportiert – Tendenz steigend.
Erste Kunden aus der „Höhle der Löwen“
Anfangs akquirierte Petrasch selbst Kunden, sprach zum Beispiel bei Unternehmen aus „Die Höhle der Löwen“ vor, um deren schnell wachsendes Transportgeschäft zu gewinnen: Schlafforscher Markus Dworak von Smartsleep etwa erinnert sich, wie er von Cargoboard angesprochen wurde: „Vorher war das ein Riesenaufwand, Preise zu vergleichen“, erinnert er sich, „jetzt können wir digital sogar taggleiche Abholungen buchen.“ Inzwischen versendet er palettenweise Bestellungen an B2B-Partner wie Galaxus, Otto oder XXXLutz, aber auch an Zentrallager von Kreuzfahrtunternehmen wie Aida oder Tui. Ihn freut vor allem, dass er die Beförderung der Ware mit dem Trackingtool nachvollziehen kann.
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Um diesen Service zu bieten, muss Petrasch manchmal auch seinen Kooperationspartnern bei der Digitalisierung unter die Arme greifen. Manchmal helfen auch kleine finanzielle Anreize: So zahlt er pro Ladung zehn Euro mehr, wenn bei der Abgabe beim Kunden der unterschriebene Lieferschein sofort ins System hochgeladen wird.
Größere Kunden wie Benteler Steel/Tube aus Paderborn haben sich für Cargoboard entschieden, um sämtliche Stückguttransporte „effizient, zuverlässig und mit hoher Transparenz mit nur einem Partner abzuwickeln“, sagt Einkaufsmanager Christian Hesse: „Mit Cargoboard haben wir einen innovativen Dienstleister gefunden, der unsere unternehmensspezifischen Anforderungen schnell in die bestehende Cargoboard-Plattform integriert hat.“ So habe Cargoboard eine Lösung geschaffen, die es Lieferanten ermöglicht, im Auftrag von Benteler Stückguttransporte in die Werke eigenständig zu beauftragen.
Ein weiterer Mehrwert werde durch die Bereitstellung aller zum Transport gehörenden Informationen und Dokumente erzeugt. Das schaffe Transparenz und erleichtere die interne Kommunikation zu einzelnen Sendungen erheblich. Sollte es dennoch einmal Klärungsbedarf zu einer Sendung geben, so stehe der Kundenservice mit einer persönlichen Betreuung zur Verfügung.
Inzwischen arbeiten 100 Leute in einem Industriegebiet von Paderborn für Cargoboard, 20 davon programmieren, die anderen kümmern sich um die Kunden. Seit Neuestem arbeitet auch eine Taiwanerin für Cargoboard in Paderborn – sie hilft, die schnell wachsende Zahl der Anfragen aus China zu beantworten, so der Gründer: „In China erwartet man wegen Plattformen wie Alibaba umgehend Antworten auf Chinesisch.“
Längst hat Cargoboard sogar eine eigene chinesischsprachige Maske gebaut. Unternehmen dort können die Schnittstelle zur Logistik auch direkt in ihre eigenen Internetangebote an die Kunden integrieren. „Deutsche Unternehmen können von China lernen“, sagt Petrasch, „Hersteller dort denken die Logistik nicht mehr als Transport, sondern als Teil ihres Produkts.“
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