DAX +0,66 % 25.629,24 Pkt 18:00:00 MDAX -0,82 % 31.980,52 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,21 % 6.358,01 Pkt 18:00:00 Dow Jones +1,73 % 52.485,03 Pkt 23:22:18 S&P 500 +2,37 % 7.489,72 Pkt 23:22:12 Nasdaq +3,81 % 25.373,85 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,03 % 64.362,02 Pkt 08:45:03 Gold +1,43 % 4.107,00 USD 22:59:54 Silber +0,34 % 57,79 USD 22:59:48 Brent 0,00 % 90,12 USD 20:28:19 WTI 0,00 % 84,67 USD 22:59:59 Bitcoin +0,71 % 63.211,32 USD 19:25:44 EUR/USD +0,52 % 1,15270 USD 23:29:53 EUR/GBP -0,31 % 0,85510 GBP 23:29:53 EUR/CHF -0,23 % 0,93060 CHF 23:29:53 EUR/JPY -3,08 % 181,491 JPY 23:29:53

Carola Zirzow: Die Ächtung der erfolgreichen DDR

Sport

Audioplayer wird geladen Anzeige Es ist ein Drama, das es nur einmal im deutschen Sport gab – und das es ganz sicher nicht noch einmal geben wird. Lange überlegte die leidgeprüfte Protagonistin auch, ob sie ihre Erinnerungen noch einmal aufleben lassen sollte. Schließlich hatte sie Jahrzehnte gebraucht, um das folgenschwere Drama zu verarbeiten, das sie einst zu akzeptieren hatte, ohne sich dagegen wehren zu können. Am 30. Juli war es ein halbes Jahrhundert her, dass Carola Drechsler unter ihrem Mädchennamen Zirzow bei den Sommerspielen 1976 in Montreal olympische Geschichte schrieb. Auf der Regattastrecke der Insel Notre Dame im St.-Lorenz-Strom gewann die Neubrandenburgerin als erste deutsche Kanutin das Einzelrennen über 500 Meter. Muße, sich ausgelassen zu freuen, blieb ihr im Moment des Triumphes aber kaum. Der Siegerehrung folgte umgehend die Vorbereitung auf den 90 Minuten später angesetzten Endlauf im Kajakzweier mit ihrer Klubkameradin Bärbel Köster, mit der sie im Jahr zuvor den Weltmeistertitel erpaddelt hatte. Die nächste Goldmedaille sollte gewonnen werden. Als favorisiertes Duo gestartet, musste sich der Zweier aus der DDR allerdings mit dem Bronzerang begnügen. Anzeige Lesen Sie auch Auch wenn sich die insgeheime Hoffnung der Olympiadebütantin vom Doppelsieg nicht erfüllte, so war sie dennoch überglücklich mit dem, was sie bei ihrer Premiere unter den fünf Ringen erreicht hatte. Mit 21 Jahren stand Carola Zirzow am Beginn einer verheißungsvollen Laufbahn. Weitere Glanzleistungen, prognostizierten Experten, würden angesichts ihres außergewöhnlichen Talents folgen. Die Fachmänner irrten jedoch genauso wie die bis zu ihrem größten Triumph viel gepriesene Athletin. Zirzow: Eine „Italia“-Jacke über ihren Schultern Das Drama begann am Tag nach dem Wettkampf. An jenem Samstagabend hatte der Veranstalter die Sportler aller Länder zu einem Abschlussbankett geladen. Auch Carola Zirzow saß an einem der reich gedeckten Tische. Noch vor Mitternacht verabschiedete sie sich jedoch auf Geheiß der DDR-Sportführung. Auf dem Weg zu ihrem Apartment in einem 23-geschossigen Hochhaus begegnete sie zufällig Oreste Perri. Der Kanute aus Italien gratulierte erst, dann fragte er höflich, ob sie nicht noch einmal runterkommen könne. Anzeige „Ich habe kurz überlegt und ja gesagt, weil ich mir nichts Böses dachte“, erzählt die Olympionikin WELT AM SONNTAG ein halbes Jahrhundert später beim Gespräch in ihrer mecklenburgischen Heimat. Sie wusste natürlich, dass DDR-Athleten keinerlei Kontakte zu den Aktiven aus dem nicht-sozialistischen Ausland, wie es im DDR-Jargon hieß, haben durften und mit drakonischen Strafen rechnen mussten, wenn sie sich über die strikte Anweisung hinwegsetzten. Doch dessen war sie sich im Hochgefühl ihres sportlichen Glücks nicht bewusst. „Ich bin in mein Zimmer, sagte meiner Zimmerpartnerin, mit wem ich mich jetzt noch treffen möchte, und bin wieder gegangen.“ Den drei Jahre älteren Südeuropäer kannte die großgewachsene Blondine nur vom flüchtigen Sehen. „Wir sind uns gelegentlich bei Regatten begegnet, haben ‚Hallo‘ gesagt, das war‘s.“ Viel mehr reden konnten sie ohnehin nicht miteinander. Perri war des Deutschen nicht mächtig, Zirzow sprach weder Italienisch noch Englisch. „Ich wusste auch nichts über ihn, außer, dass er ein recht guter Kanute war.“ Perri war bereits vier Jahre zuvor bei den Sommerspielen in München gestartet und auch noch 1980 in Moskau am Start. Ein Medaillengewinn war dem viermaligen Weltmeister jedoch nicht vergönnt. Zirzow und Perri schlenderten im Mondschein durch das olympische Dorf. „Wir stießen mit einem Glas Sekt auf meinen Erfolg an“, weiß Drechsler noch und fügt grübelnd hinzu: „Vielleicht haben wir uns auch geknutscht, aber auf gar keinen Fall war da mehr. Nach einer guten Stunde war ich wieder zurück im Zimmer.“ Das Fatale sei gewesen, dass Perri seine mit „Italia“ beflockte Jacke über ihre Schulter gelegt hatte, weil sie ein wenig gefroren habe. Ausgerechnet in diesem Moment kreuzte Manfred Ewald ihren Weg. Zirzow sagte dem mächtigsten Funktionär des DDR-Sports freundlich „Guten Abend“, woraufhin er sie erkannte, aber grußlos weiterzog. Ihr trauriges Schicksal war von jetzt an besiegelt. Noch in Montreal beschloss Ewald in der ihm eigenen diktatorischen Art die Bestrafung von Zirzow. Kaltgestellt, aber in Sicherheit gewogen An den letzten beiden Tagen bis zum Rückflug spürte die hinter den Kulissen bereits Kaltgestellte noch nichts von dem, was ihr nach der Heimkehr blühen würde. Ewald hatte sie neben drei weiteren mit Medaillen dekorierten DDR-Sportlern sogar noch für Interviews im kanadischen Fernsehen auserkoren. Jegliches Misstrauen der dreimaligen Weltmeisterin sollte verhindert werden, nicht dass sie sich noch in Nordamerika von der Mannschaft absetzt. Die Sportgewaltigen aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat glaubten, ihr Problemfall hätte ein Verhältnis mit Perri und würde deshalb möglicherweise das Land verlassen wollen. Lesen Sie auch Die Machthaber empfanden es als schlimmste Schmach, wenn ihnen jemand den Rücken kehrte – zumal, wenn er sportlich erfolgreich war, weil dadurch die schadenfrohen Schlagzeilen der politischen Gegner umso größer ausfielen. Die „Diplomaten im Trainingsanzug“ galten nun einmal als Garant für das internationale Renommee der DDR. Wer floh, wurde als „Verräter“ diffamiert, Namen wurden aus Statistiken gelöscht und Fotos retuschiert. Dennoch verließen zwischen 1952 und 1989 mehr als 615 Sportler, Trainer und Ärzte die DDR. „Nie und nimmer“, beteuert Zirzow, „habe ich jemals daran gedacht, aus der DDR zu fliehen. Ich kannte im Westen niemanden, wo sollte ich denn hin?“ Als Zirzow eiskalt abserviert wurde: „Du bist nicht würdig“ Als Einzelkind aufgewachsen, liebte sie den Kanurennsport. Seit ihrem elften Lebensjahr übte sie ihn aus, erst in ihrer Geburtsstadt Prenzlau, dann an der Sportschule in Neubrandenburg. Der Staat bot perfekte Möglichkeiten für die Entwicklung zu einer Weltklasseathletin. Alles passte bis zu jenem Tag, als sie kurz nach der Rückkehr aus Kanada in das Trainerzimmer des Sportclubs Neubrandenburg zitiert wurde. Nichtsahnend nahm sie Platz, im Raum saßen noch ihr Trainer Horst Kautzke und Klubleiter Erich Krüger. Ohne viele Worte zu verlieren, wurde sie von Kautzke vor vollendete Tatsachen gestellt. Eiskalt sagte er: „Du musst mit dem Leistungssport aufhören. Und nach Kuba fährst du auch nicht mit. Du bist nicht würdig dafür, du könntest über Bord gehen.“ Die Auszeichnungsreise in die Karibik durfte antreten, wer in Montreal eine Podestplatzierung erreicht hatte. Mit 40 Gold- sowie jeweils 25 Silber- und Bronzeplaketten belegte die DDR hinter der Sowjetunion erstmals Rang zwei in der prestigeträchtigen Medaillenwertung. Die Ächtung der erfolgreichsten DDR-Kanutin war unumstößlich. Auch ein persönliches Gespräch mit Ewald in Berlin änderte nichts an ihrer Verdammung. Er gestand ihr lediglich noch die Erfolgsprämie von 20.000 DDR-Mark und die Ehrung mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber zu. „Niemand kann sich vorstellen, wie tief ich von einem Augenblick auf den anderen gefallen bin. Es war schrecklich“, sagt Drechsler rückblickend. Dass dieser harmlose Nachtbummel mit Perri, mit dem sie nie wieder Kontakt hatte, ihr noch junges Leben vollkommen auf den Kopf stellen würde, hätte sie nicht für möglich gehalten. Es ist eines der dunkelsten Kapitel des DDR-Sports. „Die Narben“, sagt Carola Drechsler, „bleiben für immer“ Als Zirzows Ausbootung publik wurde, wandten sich im Sportclub alle von ihr ab. Aufgefangen wurde sie von den Eltern. Sie gaben ihrer Tochter das Vertrauen, was sie brauchte, um wieder zu sich selbst zu finden. Auch der Berufswunsch, als Physiotherapeutin im Sportklub zu arbeiten, wurde ihr versagt. Als gelernte Wirtschaftskauffrau reparierte sie fortan Zähler im Elektrokombinat, ehe sie als Ingenieurökonomin andere Aufgaben übertragen bekam. Nach dem Mauerfall war sie ein Jahr arbeitslos. 1993 begann sie als Arzthelferin in der HNO-Praxis ihres Mannes, den sie 1979 geheiratet hatte. Inzwischen genießen sie gemeinsam ihr Rentnerdasein. „Ich werde niemals begreifen, was mir widerfahren ist, weil es so unwirklich ist“, betont Carola Drechsler. Ihre Lebensfreude ist jedoch wieder spürbar. Mit Radfahren, Wandern und Joggen hält sich die 71-Jährige fit. Von ihrem sportlichen Ruhm kündet seit 2022 eine Bronzeplatte auf dem Neubrandenburger Walk of Sports. „Die Schmerzen von einst sind geheilt“, sagt die Ehrenbürgerin der Stadt. „Aber die Narben bleiben für immer.“

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren